Hochwasser-Flut in Deutschland
Sie wollte sterben
Sie hat immer noch Alpträume von der Flutnacht 2021. Maf Räderscheidt wollte nicht mehr leben. Das Wasser hatte ihr Lebenswerk weggerissen. Wie es kam, dass sie jetzt wieder gern lebt. Und malt. Und malt . . .
Portrait MAF Räderscheidt
Sandra Stein/VG Bild Kunst Bonn 2024
Tim Wegner
21.03.2024
12Min

Sie hätte nicht gedacht, dass sie es noch mal zurück ins Leben schaffen würde. Denn eigentlich wollte die Malerin und ­Autorin Maf Räder­scheidt sich niederlegen und sterben, nachdem die Flut fast ihr ganzes Lebenswerk weggespült hatte. Das Hochwasser wegen Dauerregens in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 vernichtete nicht nur im engen Ahrtal zahllose Existenzen, sondern auch rund 50 Kilometer weiter westlich in der Nordeifel.

Sandra Stein

Maf Räderscheidt

Die Malerin und Autorin Maf Räderscheidt lebt in Schleiden in der Nordeifel. Einen Einblick in ihr Malen gibt sie auf Instagram: Unter @mafraederscheidt erzählt sie gewitzt zum Beispiel von allerlei Tricks. Die Bilder dreidimensional anschauen kann man außer auf Ausstellungen in ihrem Galeriegeschäft "Bilderflut" im Ortsteil Gemünd. Die Romane "Die ­Küsse der Farben" und "Die Nichtschwimmerin" gibt es als Taschenbücher.

Am Morgen nach der Flut schlug sich Maf Räderscheidt von ihrem Wohnhaus in Schleiden quer durch den verschlammten Wald – die Straßen waren versperrt von auf dem Rücken liegenden Autos. Sie wollte zum Ortsteil Gemünd, wo sie ihr Atelier, ihre Galerie und vor allem ihr Archiv hatte.

Dann stand ich auf der Brücke beim Heiligen Nepomuk und blickte zu meinem Laden: Jetzt war da ein schwarzes Loch.

Dreieinhalb Meter hoch war die Flutwelle durchs Haus gerast. Die Mülltonnen hingen noch oben im ­ers­ten Stock im Fenster. Das Wasser hat die ­Schaufens­terscheibe rausgerissen, das fest verklebte Linoleum, die kostbaren schweren Steine für den Steindruck . . . alles weg. Die Bilder, von Kunden bestellt und bereits bezahlt. Die großen Container, in die schon die Werke für drei Ausstellungen gepackt waren. Tausende Ölgemälde und Aquarelle . . . Was Sie halt malen, wenn Sie Ihr ganzes Leben keinen Urlaub machen, kein ­Wochenende und auch nicht ausgehen. Sex und Drugs und Rock ’n’ Roll ist schön, aber für andere Künstler, ich hab immer gearbeitet.

Ich hab das gesehen, dann hat es noch Minuten gedauert, dann hab ich angefangen zu schreien und zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Ich war wahnsinnig geworden.

"Ich habe wie viele Leute Alpträume"

Maf Räderscheidt ist eine Frau, die gern und lebhaft erzählt, aber über die Flutnacht sprechen, das ging bisher nicht.

Es ist nicht so, dass man hier in Gemünd viel darüber redet. Man guckt sich an und sagt: Ja, du auch, ja, alles weg. Ich habe wie viele Leute Alpträume. Jede Nacht. Man hat Angst, zu schlafen. Da kommen furchtbare Bilder hoch. Es dauert, bis man den Schmerz aus den Träumen in Sprache fassen kann.

Maf Räderscheidt öffnet die Tür zu ihrem Haus aus alten ­Steinen, dahinter beginnt gleich der Nationalpark Eifel. Ihre Vornamen – Martha Angelika Felicitas – hat die Künstlerin schon als junge Frau zum praktischen Kürzel Maf zusammengezogen, seither nennen sie alle so. Die 71-Jährige bittet in ihre gemütliche Küche, muss aber erst einmal drei neugierige Hunde beiseiteschieben. Alles gerettete Tiere, die keiner mehr haben wollte, alle alt. Die Tiere breiten sich auf dem Küchenboden aus, schließen die Augen, und Maf Räderscheidt erzählt von jener Nacht. Ihr Mann war spät nach ­Hause gekommen, sie hatten gegessen, draußen regnete es in Strömen.

In der Ecke schlief Aja, die hatten wir erst seit drei Tagen hier, eine bulgarische Hütehündin. Die hatte elf Jahre lang eine Schafherde vor Wölfen und Bären geschützt, bekam dafür auch immer ihre Zähne spitz geschliffen, dann war wohl der Schäfer gestorben und sie sollte erschlagen werden. Wir nahmen sie vorübergehend auf, wollten sie weitervermitteln, mein Mann mochte den Hund nicht so.

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Drei Tage lang hatte sie nur geschlafen, jetzt ­schüttelte sie sich, hielt freundlich den Kopf schief, guckte aus dem Fenster und entschied, dass ihr neues Zuhause und ­ihre neue Herde in Gefahr seien. Sie muss es draußen ­gurgeln gehört haben. Sie zwickte uns immer wieder in die Waden, so wie sie das mit den Schafen gemacht hatte, und jagte uns so die Dachbodentreppe hoch. Mein Mann wollte eigentlich noch mal raus, ich fand das zu gefährlich, aber Aja ließ uns ohnehin nicht ­runter. So hat mein Mann nicht sein Leben verloren.

Um 21.53 Uhr war der Strom weg, das Licht ging aus. Das Wasser schoss von den Bergen herunter in ­gewaltigen Wogen, mit Bäumen und Zäunen und Dächern drin. Und die Olef kam hier hoch. Die Autos wurden vom Parkplatz weggespült.

Vom großen Küchenfenster kann man hinübergucken zum etwas tiefer gelegenen Parkplatz und zum eigentlich kleinen Flüsschen Olef.

Maf Räderscheidt in Gemünd, im Hintergrund der Fluss Olef - Bei Regen sind hier alle traurig, sagt sie

Mittlerweile war es stockduster. Unheimlich. Man hörte das Rauschen. Das Brüllen von Tieren. Und dieses Geräusch, wenn die Autos und Busse gegen die Brücke knallten. Das war ein Höllenlärm.

Das Schlimmste war das 18-jährige Mädchen, das stundenlang um sein Leben geschrien hat. Niemand konnte ihr helfen, die Strömung war zu reißend. Ein ganz liebes Mädchen. Ich hatte mal ein hässliches Bus­häuschen ausgemalt mit Porträts von Kindern, auch Lena hatte ich gemalt. Jemanden schreien hören, dem man nicht helfen kann, das vergisst man nie wieder.

Ihr Mann ist in die Küche gekommen. Stephan Everling ­arbeitet als Lokalreporter für verschiedene Zeitungen. ­"Eigentlich ist niemand von denen, die dabei waren, jetzt noch so richtig normal", sagt er.

Als es am nächsten Morgen hell wurde und der Hund uns wieder runterließ, gucke ich aus dem Fenster: der Parkplatz ein Meer, eine tote Kuh, ein Auto mit Leuten drin, die sich nicht bewegten. Tote Schafe, verwickelt in Stacheldraht.

Ich ging auf die Straße und sah lauter heulende ­Leute rumrennen. Die riefen: "Alles ist weg!" Aber das kam nicht an in meinem Bewusstsein. Dann sagte Stephan: "Wir müssen jetzt nach Gemünd!"

Gemünd ist ein Ortsteil flussabwärts, dort fließen Olef und Urft malerisch zusammen, und genau dort hatte Maf Räderscheidt ihren Laden. Von dem nur noch die leere Hülle übrig war. Es stank nach Gas, so erinnert sie sich, und es stank nach Fäkalien, es waren ja mehrere Klärwerke überschwemmt worden. Und sie stand mittendrin und ­weinte und schrie.

"Der erste Schritt zum Überleben ist der, an ­andere zu denken"

Ich konnte nicht mehr aufhören zu schreien. Da kam ein Feuerwehrmann und bot mir, trotz Gas, eine ­Zigarette an. Ich sagte: "Ich rauch gar nicht." Er sagte: "Jetzt schon." Ich guck den Feuerwehrmann so an und weine immer weiter. Da kommt eine wildfremde Frau, reißt mich in ihren Arm, hält mich ganz, ganz fest, lässt mich wieder los und geht weiter. Das war so ein Bruch im Wahnsinn, diese fremde Frau, die mich ganz lieb fest hält und weitergeht.

Der Feuerwehrmann merkte wohl, dass ich gerade dabei war, irre zu werden, er drehte sich um, guckte auf ein Haus auf der anderen Seite und sagte: Kann das sein, dass da noch jemand drin ist? Ich dreh mich auch um und sag: Ja, da ist die Frau Windhausen am Fenster! Das Haus stand unter Wasser, und oben aus dem Fensterchen winkte fröhlich, natürlich unter Schock, die Frau Windhausen. Der Feuerwehrmann, der gewiss wusste, wie man in dieses Haus kommt, sagte zu mir: Können Sie mich da hinführen?

Seit der Flut hat sie so viel gemalt, dass es locker für fünf Ausstellungen reicht

In dem Moment, als ich begriff, dass die Frau Windhausen in Lebensgefahr ist – das Haus drohte ja ­zusammenzubrechen –, bin ich aus dem Wahnsinn wieder rausgegangen. Der Feuerwehrmann hat die Frau Windhausen dann auf dem Rücken runtergetragen.

Der erste Schritt zum Überleben ist der, an andere zu denken. Das ist ein ganz kostbarer Augenblick, ich hab ihn tief in meinem Herzen aufbewahrt.

Langsam dämmerte mir, dass es auch anderen nicht gut ging. Erst jetzt sah ich den weinenden Mann vom Sportgeschäft, der die ganze Nacht oben auf einem Hochregal gekauert hatte, knapp unter der Decke, nicht wissend, wann das Wasser aufhören würde zu steigen.

Hat sie denn mit dem Feuerwehrmann eine Zigarette geraucht? Ja, hat sie. Auch heute noch rauche sie eine, wenn sie am Ende sei. Jetzt brauche sie auch eine. Nicht weil sie am Ende sei, sondern weil das Erzählen sie so aufwühle. Dann fallen ihr die beiden muslimischen Frauen ein, mit ­feinen Schleiern ums Gesicht, die warteten auf einen ­Krankenwagen und erzählten ihr aus der Nacht.

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Die hatten Tücher aneinandergebunden und damit die ganze Nacht wie mit einem Lasso auf einen Baumwipfel gezielt, wo sich zwei alte Männer festgekrallt hatten. Bis sie die endlich durchs Wasser an die Hauswand ziehen und zu sich ins Fenster heben konnten. Das war die Rettung für diese Männer. Denn das Wasser war eine braune Brühe des Grauens, mit schrecklichen Sachen drin, die einem die Beine abreißen konnten – Baumstämme, Bleche, Boiler.

Sie schrie nicht mehr. Sie lebte. Aber ihr Lebenswerk war weg.

Ich wollte so gern sterben. Eine Malerin, die alles verloren hat, für die man keine Retrospektiven der Werke aus den letzten 50 Jahren machen kann, mit denen ich zeigen kann, wie früh ich schon zu Umweltschutz gearbeitet habe, was ich feministisch geleistet habe . . . Auf einmal hatte ich gar nichts mehr. Was sollte ich noch?

Ich stellte es mir erlösend vor, mich irgendwo ­hinzukauern und zu warten, dass alles vorbei ist. Es wäre einfach Ruhe. Diesen Gedanken fand ich sehr verführerisch. Ich wollte eigentlich nicht gerettet werden.

Aber dann. Hab ich eine unglaublich tolle Tochter in Berlin. Die hat ihren Job an den Nagel gehängt und ist zurück nach Köln gezogen, um in unserer Nähe zu sein. Sie hat heimlich auf Facebook einen Aufruf gemacht, dass ich noch leben würde.

Darauf schickte mir eine Malerin, die ich überhaupt nicht kannte, kistenweise teuerste Aquarellfarben und schrieb dazu: Ich hab Gewalt in meiner Ehe erfahren, dann hat mich mein Mann rausgeschmissen, ich hatte nichts mehr, ich weiß, wie sich das anfühlt. Ein ­anderer Künstler, auch ihn kannte ich nicht, ließ mir eine ­funkelnagelneue Staffelei schicken. Die ­Firma Hahnemühle eine Riesenkiste mit Druckpapier und Aquarellpapier. Täglich kamen Pakete an.

Das heißt, ich konnte nicht in Ruhe sterben, ich hatte ja auf einmal diese ganzen Sachen. Das hat mich mit so viel Freude erfüllt und mit so viel Hoffnung.

Das Tollste für mich war das evangelische Altenheim in Gemünd. Ich hatte dort mal die Leute gebeten, mir ihr schönstes Foto zu zeigen, das hab ich dann auf die Wand gemalt: Eine Dame zum Beispiel war die erste Kölner Straßenbahnschaffnerin gewesen, eine andere hatte als Bergsteigerin gesiegt.
Und jetzt kam eine Mitarbeiterin des Heims und überreichte mir ein Plakat mit Fotos: Da hatten sich diese Hundertjährigen hingesetzt und für mich, nur für mich, ein Schild auf dem Schoß gehalten, auf dem stand, was sie gemacht haben in so einer beschissenen Lebenssituation wie meiner, um wieder auf die Beine zu kommen.

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Sie holt das Plakat. Auf den Schildern, die die alten Menschen in ihren Händen halten, steht zum Beispiel: "Raus­gehen und sich an der Natur erfreuen!" oder "Karten spielen" oder "Die Unterstützung von anderen bedenkenlos an­nehmen".

Der Kater hat all die riesigen Ratten gefangen, die nach der Flut hochkamen und plötzlich im Garten und Keller waren, fast so groß wie er selbst

Da bringen Sie sich doch nicht mehr um, wenn Sie so was kriegen!

Nach drei Tagen haben wir erstmals wieder warmes Essen bekommen, oben in den Höhenorten, man ­konnte ja nichts mehr einkaufen, es gab auch keinen Strom. Ich bin eine gute Köchin, aber ich hab noch nie so was ­Tolles gegessen wie diese Nudeln mit Fertigsauce, die mir mit einem so lieben Lächeln serviert wurden!

Dann kniete sich eine uralte Frau vor mich, riss mir meine blutigen Socken von den Füßen und sagte: Die wasch ich dir mal gerade. Ich stand ja immer in den Scherben und dem Schlamm und hab versucht, Sachen noch zu retten. Nach zwei Stunden kam sie mit den frisch gewaschenen Socken wieder angehumpelt.

Wenn Sie so was erleben, da kriegen Sie eine Kraft, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Natürlich, in der Not rennen die Leute sich gegenseitig über den ­Haufen, und jeder versucht, irgendwie ­durchzukommen, aber es gibt auch sehr viel menschliches Miteinander.

Das Nächste waren die Traktoren von den Höhen­orten mit den ganzen Jugendlichen, die Schulferien ­hatten, die waren auf einmal zu Hunderten da und haben mit angepackt, in diesem Gestank, in diesem Gift, in diesem Dreck. Dazu all die Leute, die aus ganz Deutschland hergefahren kamen, um zu helfen.
Viele Menschen hier sagen heute: Es war schrecklich, es war furchtbar, aber wie die alle gekommen sind und wie die bei der Arbeit gesungen haben und wie die uns alle was mitgebracht haben – nee, wat war dat schön!

Lesen Sie hier: Ein Jahr lang hat Pastor Thomas Rheindorf aus Bad-Neuenahr in der Kolumne "Hochwasser" über die Flutkatastrophe im Ahrtal berichtet.

Der Kater springt auf den Tisch. "Kater! Tisch ist verboten!", sagt Maf Räderscheidt streng. Er halte sich für den Chef, seufzt sie, aber sie sei ihm auch dankbar: Er habe all die riesigen Ratten gefangen, die nach der Flut hochkamen und plötzlich im Garten und Keller waren, fast so groß wie der Kater selbst. Übrigens durfte Hütehündin Aja dann doch ­bleiben.

"Ich sehe das auch als Geschenk des Himmels, noch mal anfangen zu dürfen"

Neben der gegenseitigen Hilfe gab es auch ­Schlimmes. Die Fluthilfe sollte ja schnell und unbürokratisch sein. Aber viele haben, als sie Anträge auf Hilfe stellten, ­Demütigungen erlebt. Ihnen wurde vermittelt, sie seien Betrüger, die den Steuerzahlern Geld stehlen wollten. Das hat ganz tief verletzt. Manche sind daran ­zerbrochen.

Sie malt wieder. Gern großformatige Ölgemälde in leuchtenden Farben. Bei manchen sieht man erst auf den zweiten Blick, was darin alles lebt – mit feinem Pinsel gemalte ­Menschen, Landschaften, Tiere in vielerlei Begegnungen.

Das war so ein Bruch im Wahnsinn, diese fremde Frau, die mich ganz lieb fest hält und weitergeht

Ich hab mich entschlossen, mit 70 noch mal von vorne anzufangen. Ich sehe das auch als Geschenk des Himmels, noch mal anfangen zu dürfen. Ich stehe auf, lange bevor es hell wird, und gehe sehr spät ins Bett. Abends habe ich das nächste Bild schon fertig im Kopf und schreibe den Titel auf einen Karton. Seit der Flut habe ich so viel gemalt, dass ich locker fünf Ausstellungen gleichzeitig bestücken könnte. Ich arbeite immer.

Und dann riefen meine früheren Vermieterinnen ­immer wieder an: Ob ich den Laden nicht wieder ­mieten wolle, sie hätten alles neu gemacht. Nee, sagte ich, nie wieder Gemünd! Nie, nie wieder. Aber neulich, als ­meine Alpträume immer noch nicht aufgehört ­hatten, sagte ich: Ich nehm den Laden. Weil ich dachte: ­Lieber in Gemünd lächeln als in den Alpträumen ­weinen. ­Seitdem ist es besser mit den Alpträumen.

Und was ist mit ihrer Angst vor dem Wasser?

Weil ich weiß, dass ich bei jedem Regentropfen Panik kriegen würde, habe ich mir einen alten Transporter gekauft, ich tu immer nur so viele Bilder in den Laden, wie in den Transporter passen, das sind rund 40. Und wenn es länger als drei Tage regnet, lade ich die Bilder in den Transporter und fahr die auf den Berg. Das brauch ich für meine Psyche.

Maf Räderscheidt und ihr Mann laden zu einer kleinen Besichtigungsfahrt durch Gemünd mit eben jenem Transporter: Auch nach fast drei Jahren sieht man noch viel Leerstand. Sperrholz statt Glas in den Schaufenstern. Das Restaurant mit Terrasse zum Fluss, genau gegenüber ihrem Laden, wo sie mit Galeristinnen oder Käufern oft war – dauerhaft geschlossen. Die Kirche – immer noch nicht saniert. Aber den Sportladen gibt es wieder, die Kosmetikerin, die Eisdiele.

Ich fühle mich in Gemünd umgeben von viel emotio­nalem Verständnis. An den Gedenktagen läuten die Glocken, wir halten uns an den Händen und gehen durch die Stadt, ein Zug von Menschen, keiner sagt was, aber alle sehen sich an, und alle verstehen alles.

Wir haben hier auch ein unglaublich großes Mitgefühl mit allen Menschen, die in Kriege verwickelt sind oder sonst in Not. Wir können uns das so gut vorstellen. Da wird gesammelt und geholfen und hingefahren. Das ist was Kostbares in so einer gleichgültigen Zeit.

Aber bei Regen sind hier alle traurig. Regen geht uns auf die Seele. Als es jetzt im Winter so lange regnete, sind die Leute hier stündlich rausgegangen, um nach den Pegelständen zu gucken. Und wenn irgendwo ein Unfallwagen oder eine Polizeisirene ertönt, kriegen die Menschen Angst, richtig Angst.

Ich weiß jetzt, was Dankbarkeit ist: Ich sitze hier, und es passiert gerade nichts. Das ist für mich voll­kommenes Glück. Wenn mein Mann nach all seinen Terminen abends nach Hause kommt, seine Gitarre nimmt und spielt und ein Glas Wein trinkt - da könnte ich vor Dankbarkeit Rotz und Wasser weinen.

Maf Räderscheidts neues Galeriegeschäft in Ge­­münd heißt "­Bilderflut". Auf Instagram erzählt sie gewitzt vom Malen und allerlei Tricks: @mafraederscheidt. Ihre Romane "Die ­Küsse der Farben" und "Die Nichtschwimmerin" gibt es als Taschenbücher.

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