Landtagswahlen
Auch in der Ruhe liegt Kraft
Die Bundesregierung wird von der AfD vor sich hergetrieben. Denn das nutzt den politischen Rändern. Warum man sich gerade jetzt an die sogenannte Gottesformel erinnern sollte
Bundeskanzler Friedrich Merz spricht am 15. Juli 2026 während seiner Sommerpressekonferenz in Berlin vor Journalisten
Das Bild von Friedrich Merz wird von vielen schnellen Videos verwischt. Manchmal hilft es, inne zu halten und genauer hinzusehen
Tobias Schwarz/AFP/Getty Images
Lena Uphoff
21.09.2026
5Min

Sonntagabend, 20. September, gegen 20 Uhr in einem öffentlichen Bus in der Nähe in Frankfurt am Main: Die meisten Fahrgäste starrten auf ihre Smartphones und waren mit Kopfhörern von ihrer Außenwelt abgekapselt. Nur ein Mann hatte keine Kopfhörer auf. Er ließ den Sound seines Telefons sehr laut laufen und war sichtlich erregt über das, was er hörte. Es ging um die Ergebnisse der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Der Mann redete auf sein Smartphone ein, während er einen Kurzclip nach dem anderen klickte. Als auf dem Screen Friedrich Merz zu sehen war, wurde er sichtlich wütend. Er schimpfte in sein Telefon. Was genau er sagte, war nicht zu verstehen. Aber es schien, als würde er Merz beleidigen. Als er schließlich das Smartphone weglegte und aus dem Fenster schaute, schien er sich zu entspannen.

Diese kleine Szene sagt viel über unsere politische Gegenwart aus und auch darüber, welche Schlüsse wir daraus ziehen könnten.

Einerseits ist die Reaktion des Mannes verständlich. Es gibt viele Gründe, warum man mit dem derzeitigen Bundeskanzler unzufrieden sein kann. Dazu kommen jetzt noch die für die CDU desaströsen Ergebnisse der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. In Schwerin ist sie mit 4,9 Prozent aus dem Landtag geflogen und in Berlin mit 18,8 Prozent zwar zweitstärkste Kraft geworden, hat aber fast zehn Prozent im Vergleich zur letzten Abgeordnetenhauswahl verloren. Als Sieger gehen in beiden Ländern die Extreme hervor. In Mecklenburg-Vorpommern gewinnt die AfD mit 38,2 Prozent, in Berlin die Linkspartei mit 25,7 Prozent.

Zwar kann man aus dem starken Abschneiden der SPD in Mecklenburg-Vorpommern mit 35,5 Prozent ein wenig Hoffnung für die Parteien der sogenannten politischen Mitte schöpfen. Doch darf und kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser doppelte Wahlsieg von Parteien der politischen Ränder eine schlechte Nachricht auch für die Bundesregierung ist. Oder wie Bundeskanzler Merz es am Sonntag kurz nach Bekanntgabe der ersten Prognose um 18 Uhr sagte: "ein Desaster".

Sollte Friedrich Merz jetzt zurücktreten?

Die mediale und erst recht die sozialmediale Diskussionsmaschine lief schon in den Tagen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen heiß und überhitzte sich auch an der Frage, ob der Kanzler nun endlich zurücktreten müsse.

Schon nach jeder Ankündigung eines Reformpakets, nach jedem (vermeintlichen) Streit innerhalb der Regierungskoalition wurde diese Frage hoch und runter diskutiert. Allein der momentan beliebteste Politik-Podcast "Ronzheimer" widmete dem Ende der Kanzlerschaft Merz seit Anfang Mai ganze sieben Folgen!

Doch warum eigentlich? Wem soll das nützen – außer dass es Abrufzahlen der Podcasts und Like-Klicks und Follower auf Social-Media befeuert?

Die Diskussion um das Ende von Merz' Kanzlerschaft nutzt den politischen Extremen. Erinnert sich noch jemand an eine Äußerung des AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland aus dem Jahr 2017? Damals war die AfD zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen und Gauland sagte: "Wir werden sie jagen!" Gemeint waren die Parteien der Mitte, die jetzt erneut zwei wichtige Wahlen verloren haben.

Man kann beobachten, wie gut Gaulands Drohung funktioniert. Auch, weil so viele Menschen, die eigentlich nicht auf Seite der AfD stehen oder zumindest standen, mithelfen. Auch die Medien und willfährige Helfer in anderen Parteien wirken kräftig mit, sodass sich mittlerweile nicht nur die ehemals großen Parteien Union und SPD gejagt fühlen, sondern das ganze Land. Umso länger die Jagd anhält, umso mehr Menschen schließen sich ihr an. Und die wütende, überhitzte Debatte hetzt unser Land auf den Abgrund zu.

Lesetipp: Was Menschen bei der AfD suchen

Das genau ist das Ziel der extremistischen Parteien. Das ist bekannt und wurde auch immer wieder öffentlich gesagt. Die AfD hat dieses Ziel öffentlich ausgegeben: Bundeskanzler Friedrich Merz gibt auf, die Kanzlerschaft wird überstürzt an Hendrik Wüst übergeben, der dann wiederum getrieben wird, bis die CDU noch weiter zermürbt und aufgerieben wird.

Dieses Szenario wurde sogar schon einmal als Comic-Version im rechtsradikalen Compact-Magazin veröffentlicht – darauf hat der Correctiv-Chefredakteur Justus von Daniels hingewiesen. Er steht nicht unter Verdacht, ein großer Fan von Friedrich Merz zu sein und zieht daraus trotzdem den Schluss, dass die Regierung erst einmal weitermachen sollte. Sozusagen: Der Jagd widerstehen.

Religion denkt langfristiger

Wussten Sie eigentlich, dass Friedrich Merz erst seit gut 16 Monaten Bundeskanzler ist? Ja, sicherlich, eigentlich wussten Sie es, doch vielleicht geht es Ihnen wie mir und Sie finden diese Zahl dennoch irgendwie überraschend. 16 Monate! Wer einmal versucht hat, irgendein mittelgroßes Projekt in 16 Monaten umzusetzen, zum Beispiel, eine Wohnung zu finden und zu kaufen, weiß, dass das keine lange Zeit ist. Und die Bundesregierung hat ein riesiges Pensum auf dem Tisch. Vielleicht sollte man sie einfach mal arbeiten lassen? Ein Rücktritt von Bundeskanzler Friedrich Merz würde niemanden nützen, aber zeigen, dass das politisches System keinerlei konzentrierte Arbeit mehr zulässt.

Damals – dieses Wort scheint trotz der gerade einmal 16 Monate angemessen - damals, am 6. Mai 2025, als die neue Regierung vereidigt wurde, sprachen überraschenderweise 13 der 17 Bundesminister bei ihrer Vereidigung die Gottesformel "So wahr mir Gott helfe". Auch der Bundeskanzler als bekennender Katholik sprach sie.

Diese Formel steht für Demut. Sie weist darauf hin, dass vieles nicht ganz in der eigenen Hand liegt, auch nicht wenn man ein mächtiges Staatsamt ausübt. Diese Worte können als eine Art Resilienzformel verstanden werden.

Wer wie die damals 17 Regierungsmitglieder zumindest die Möglichkeit einräumt, dass das eigene Wirken von Gottes Beistand unterstützt werden könnte – der oder die kann sich im Moment größter Bedrückungen vielleicht innerlich darauf berufen. Die Religion denkt nicht in kurzen, überhitzten Momenten. Sie steht für den Blick auf längere Linien und auch für innere Ruhe und Gelassenheit.

Kommen wir zurück zum Bus vom Sonntagabend. Die Erregung des Mannes, der sich die Kurzclips zur Wahl angeschaut hat, wurde mit der Zeit unheimlich. Zum Glück hat er irgendwann das Smartphone eingepackt. Vielleicht könnten wir uns als Gesellschaft diesen Mann als Vorbild nehmen. Gerade in schwierigen Situationen ist es Aufgabe von Spitzenpolitikern und -politikerinnen, in Ruhe die nächsten Schritte zu überlegen. Das gilt jetzt mehr als zuvor. Das Smartphone zur Seite legen und nicht einen Kurzclip nach dem nächsten klicken - das würde vermutlich uns allen helfen.

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