Auf meiner Lieblingstasse, aus der ich am Morgen trinke, steht der Slogan: "Deutschland ist bunt" – ein Satz, den ich seit meiner Ankunft hier im Jahr 2018 oft gehört habe und der mir immer gefallen hat. Jetzt studiere ich Journalismus in Magdeburg. Dort habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt.
Alles schien so zu laufen, wie ich es geplant hatte. Aber seit dem Wahlsonntag am 6. September fühlt es sich an, als hätte mir jemand die Bemühungen der vergangenen acht Jahre ins Gesicht geschlagen.
Als ich nach Deutschland kam, hoffte ich auf ein neues Leben und neue Perspektiven. Ich hätte mir nie vorgestellt, dass einmal der Moment kommen würde, in dem ich mich frage, ob ich gehen möchte. Viele Türen standen mir offen. Ich wollte auch etwas zurückgeben. Denn die Sprache zu sprechen, ist nur der Anfang. Für mich bedeutet Integration, sich zugehörig zu fühlen und Teil der Gesellschaft zu sein.
Deshalb engagierte ich mich etwa drei Jahre lang ehrenamtlich in einer NGO in Berlin und brachte Migrantinnen und geflüchteten Frauen digitale Grundkenntnisse bei. Es machte mich glücklich, wenn eine Teilnehmerin stolz zu mir kam und mir sagte, dass sie zum ersten Mal eine E-Mail mit Anhang verschickt oder online einen Termin gebucht hatte. Für mich war das meine Art zu sagen: "Ich war hier … ich habe Spuren hinterlassen … ich habe etwas beigetragen."
Dann begann ich den Podcast Germanized, um meine Erfahrungen über das Leben in Deutschland zu teilen. Nach einigen Folgen hörte ich damit auf, nachdem ich Dinge erlebt hatte, die meinem Leben eine neue Richtung gaben, und ich in den vergangenen zwei Jahren in drei verschiedene Städte gezogen war. Auch das war meine Art, anderen zu sagen: "Ihr werdet Schwierigkeiten erleben, aber ihr seid nicht allein, und es wird gut werden."
Kann ich mit Kopftuch unter AfD-Wählern leben?
Es war eine lange Reise. Nach dem Abschluss meines Integrationskurses arbeitete ich in drei verschiedenen Unternehmen in Berlin und zahlte Steuern. Ich wollte so schnell wie möglich finanziell auf eigenen Beinen stehen.
Aber nun kann ich diese Tatsachen schwer ignorieren: Ich bin eine junge arabische Frau mit Kopftuch und lebe in einer Universitätsstadt in Sachsen-Anhalt. Die stärkste Partei in meiner Generation ist die AfD. Bei der Landtagswahl hat die Partei 42 Prozent der Stimmen von Wählerinnen und Wählern unter 25 Jahren erhalten. Es fällt mir schwer, angesichts dieser Zahl nicht Enttäuschung und Schock zu empfinden.
Zum ersten Mal denke ich ernsthaft darüber nach, Deutschland nach meinem Abschluss zu verlassen. Ich bin sicher, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt. Ich fühle mich nicht mehr willkommen. Oder zumindest will ich nicht an einem Ort leben, an dem ich das Gefühl habe, ständig beweisen zu müssen, dass ich es verdiene zu bleiben, obwohl ich dort jahrelang mein Leben aufgebaut habe.
Ich weiß, dass wir unabhängig vom Wahlergebnis weiter in einem Rechtsstaat leben, und das ist mein Trost. Und auch wenn ich mir Sorgen darüber mache, wie die Menschen in Magdeburg von nun an mit mir umgehen könnten, weiß ich, dass meine Rechte gewahrt bleiben. Aber ich kann die Frage nicht ignorieren, die seit dieser Wahl in meinem Kopf ist: Werden mehr Migrantinnen und Migranten darüber nachdenken wegzugehen?
Während ich darauf warte, dass über meinen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden wird, schaue ich auf meine Tasse mit dem Satz "Deutschland ist bunt" und frage mich: Finde ich mich noch in diesem Satz wieder?



