chrismon: Frau Marten, Frau Jensen, Sie firmieren als "Club wider Willen". Warum?
Catherine Marten: Mit dem Tod einer nahestehenden Person wird man in eine neue Realität katapultiert und ganz unfreiwillig in einen unsichtbaren Club von Menschen aufgenommen, die ziemlich gut verstehen, wie es einem geht.
Fenja Zoë Jensen: Vielen Trauernden wird an der Art der Reaktion und am Level der Überforderung ihres Gegenübers sehr schnell klar, ob jemand selbst Erfahrung mit Verlust hat oder nicht. Wir haben uns gefragt: Warum diese Menschen nicht zusammenbringen?
Catherine Marten
Fenja Zoë Jensen
Eigentlich sind so viele Menschen in diesem Club. Warum fühlen sich Trauernde trotzdem oft allein?
Jensen: Trauern ist gerade in der deutschen Kultur etwas ungemein Privates. Sehr viele Dinge, die in anderen Kulturkreisen zur Trauerkultur gehören, werden in der deutschen Kultur als übergriffig empfunden. Es steht hier selten jemand spontan vor der Tür, bringt Essen mit, fängt an zu putzen und zu sortieren oder ist einfach nur da – ohne Einladung. Das nimmt uns leider viele Chancen.
Welche denn?
Jensen: Die Chance, dabei zu sein. Weil immer noch zu wenig über Trauer gesprochen wird, gibt es in unseren Köpfen wenige Referenzpunkte, wie Trauer aussehen kann. Das wiederum führt zu Überforderung und Angst, wie man sich richtig verhält. Personen, die eigentlich so nah dran sein könnten, halten sich zurück. Das isoliert Trauernde umso mehr.
Marten: Wir haben die Trauer Hour ins Leben gerufen, weil wir glauben, dass es sehr wenige Räume im Alltag gibt, wo die Trauer einfach da sein kann. Ein natürlicher Austausch über Trauer bedeutet nicht nur traurig zu sein, sondern auch schöne Erinnerungen zu teilen. So was findet selten statt.
Die Trauer Hour ist ein After-Work-Event. Was machen Sie anders als gewöhnliche Trauergruppen?
Jensen: Wir sprechen Menschen an, die sich in der Rushhour ihres Lebens befinden und aufgrund ihres Alltags nicht zu einem Trauercafé am Nachmittag gehen können. Wir haben uns gefragt: Was fehlt Menschen, die trotz ihrer Trauer weiterhin in verschiedenen Kontexten funktionieren müssen – als Eltern, im Job? Man kann jeden letzten Freitagabend im Monat kommen, muss aber nicht. Hier hat man ein Date mit der eigenen Trauer und Menschen, die Ähnliches fühlen. Danach kann man wieder in seinen Alltag gehen.
Auf dem Tisch verstreuen die beiden Trauerbegleiterinnen Mal- und Bastelmaterial für den kommenden Abend. In jeder Trauer Hour gibt es einen kreativen Impuls.
Warum legen Sie Wert auf Kreativität?
Marten: Wenn wir etwas mit den Händen tun, verarbeiten wir anders. Bei unseren Impulsen geht es darum, auf kreative Art seinen Istzustand zu beschreiben. Wie geht es mir gerade und was brauche ich, damit ich mich vielleicht etwas leichter oder sortierter fühle? Das Kreativsein räumt ein bisschen in uns auf und macht Gefühle sichtbar, die uns manchmal gar nicht so klar sind.
Jensen: Vielleicht will ich mich einfach nur unter die Bettdecke verkriechen und merke, dass meine Wochenendpläne nicht ideal gewählt sind. Manchmal fehlen uns nur die Pausen, um unsere Bedürfnisse zu erkennen.
Sie beginnen die Trauer Hour immer mit einem Rant: Jeder darf im Zusammenhang mit seiner Trauer auf etwas schimpfen. Worüber wird am meisten geschimpft?
Jensen: Trauernde müssen sich häufig für Dinge bedanken, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Oder für gut gemeinte Worte, die sie aber eigentlich wütend machen. Man nickt eher ab, statt zu sagen: "Nein, die Person ist jetzt nicht an einem besseren Ort. Der bessere Ort wäre hier, bei mir."
Sie haben mal gesagt, Ihr Antrieb sei eine gesunde Wut darüber, wie in unserer Gesellschaft mit Trauernden umgegangen wird. Was genau macht Sie wütend?
Marten: Meine Wut ist inzwischen milder geworden, weil ich gemerkt habe, dass ich etwas tun kann, damit es Menschen mit ihrer Trauer besser geht.
Jensen: Mich macht es wütend, dass sich eine trauernde Mutter anhören muss: "Du bist so stark, ich würde den Tod meines Kindes nicht überleben." Es gibt Leute, die sich ewig nicht melden, weil sie mit der Trauer des anderen nicht klarkommen. Wie kann es sein, dass eine Person, die schon den Verlust eines geliebten Menschen verkraften muss, sich auch noch vom Umfeld verlassen fühlt? Früher oder später sitzt jeder in der ersten Reihe einer Beerdigung. Warum stößt etwas, das uns allen passieren wird, auf so viel Überforderung? Wir sollten das besser können.
Lesen Sie hier: Wie tröstet man richtig, wenn es jemandem schlecht geht?
Beschäftigen wir uns einfach nicht mit dem Thema, solange wir nicht gerade selbst betroffen sind?
Marten: Ich finde, unsere Gesellschaft ist insgesamt total endlichkeitsvergessen. Wir durchleben sehr viele Arten von Abschieden nicht gut, zum Beispiel von Versionen unserer selbst, von Beziehungen und Partner*innen durch Trennung.
Wir wissen nicht, wie wir am besten mit ihnen umgehen, und wir werden auch von unserem Umfeld nicht gut begleitet. Wir müssen halt irgendwie klarkommen. Dabei könnten wir mit jedem Abschied Kompetenzen für andere Abschiede gewinnen, wenn wir die Trauer zulassen und sie als Learning verstehen.
Welche Kompetenzen?
Marten: In der Trauer gibt es eine große Ambivalenz von Gefühlen. Man kann sehr traurig sein, aber zum Beispiel auch erleichtert. Diese Gleichzeitigkeit verschiedenster Gefühle auszuhalten und den Trauernden das Gefühl zu vermitteln, dass das okay ist, wäre schon eine Kompetenz.
Jensen: Eigentlich hat jeder einen intuitiven Zugang, um mit Verlusten im Laufe des Lebens umzugehen. Gleichzeitig gibt es so viel Bewertung in unserer Gesellschaft, dass es sich nicht jeder erlaubt, seiner Intuition zu folgen. Oft wird die Art und Weise, wie jemand fühlt, als unangemessen bewertet.
Immer wieder erzählen Leute, dass sie die Bettwäsche nicht gewaschen haben, seitdem der Partner gestorben ist. Für nicht Betroffene mag das verrückt klingen. Würde man hier in der Runde fragen, wer noch ungewaschene Sachen vom Verstorbenen hat, würde jeder die Hand heben.
"Es ist völlig okay, die Trauer frisch zu halten und sie wie eine Beziehung zu pflegen"
Catherine Marten
Trauer verändert sich mit der Zeit. Wenn der Alltag weitergeht, kann nach außen der Eindruck entstehen, dass man schon klarkommt. Manchmal sieht es im Inneren des Trauernden aber anders aus. Wie kann man langfristig mit Menschen umgehen, die jemanden verloren haben?
Jensen: Man sollte sich im Kalender den Geburts- und Todestag dieser Person eintragen. Wenn es ein Elternteil war, dann auch eine Erinnerung für den Mutter- oder Vatertag. Das sind jedes Mal Möglichkeiten, sich bei der Person zu melden und zu fragen: "Wie geht's dir so mit deiner Trauer?" Diese konkrete Frage ist übrigens immer besser als nur: "Wie geht es dir?" – die kann Trauernde überfordern. Ist die Frage floskelhaft gestellt oder will mein Gegenüber wirklich hören, wie es mir geht?
Gerade nach längerer Zeit fällt es Trauernden schwer, Hilfe oder Aufmerksamkeit einzufordern. Deshalb sollte man proaktiv bleiben. Es ist übrigens ein Trugschluss, zu denken: Ich will die Person nicht daran erinnern. Die Leute vergessen das nicht, auch nicht an einem schönen Tag. Ich bin ein großer Fan davon, Trauernde einzuladen, etwas über die verstorbene Person zu erzählen. Oder man kocht gemeinsam ein Gericht, das sie gerne mochte.
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Marten: Wenn ich an eine verstorbene Person denke, deren Angehörige ich auch kenne, schreibe ich ihr: "Ich musste gerade an XY denken, wie sie damals dieses und jenes gemacht hat." Das kann für Trauernde sehr schön sein, weil der Fokus dann nicht auf ihnen selbst liegt, sondern auf der verstorbenen Person. Das gibt das Gefühl, dass dieser Mensch nicht nur in ihnen weiterlebt, sondern auch in anderen.
Sie selbst, Frau Marten, haben einen Doktortitel in Germanistik und sind über Umwege zur Trauerarbeit gekommen. Auch, weil Sie Ihren Vater früh verloren haben. Wie geht es Ihnen mit Ihrer Trauer?
Marten: Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man sich immer wieder, egal, wie viel Zeit vergangen ist, mit dem Verlust auseinandersetzt. Man darf einen Raum in sich reservieren, in dem die Trauer immer wohnen darf, und ihn so gestalten, wie man es gerade braucht.
Auch nach 25 Jahren finde ich immer wieder neue Rituale für meine Trauer. Es kann auch nach langer Zeit noch richtig sein, professionelle Hilfe zu suchen. Es ist völlig okay, die Trauer frisch zu halten und sie wie eine Beziehung zu pflegen. Sie muss nicht irgendwann abgeschlossen sein.






