Militärseelsorge
Soldaten fühlen sich zu wenig gewürdigt
Über 80 Prozent der Deutschen halten die Bundeswehr für wichtig, doch viele Soldaten spüren davon wenig, zeigt eine Studie. Ein Interview über unterschiedliche Wahrnehmungen und woran Soldaten glauben
Soldatinnen und Soldaten beim Feldgottesdienst während einer Lazarettübung der Bundeswehr in der Oberlausitz
Verena Brüning
06.05.2026
7Min

chrismon: Unterscheiden sich Soldaten und Soldatinnen von ihrer Werteorientierung von der Mehrheit der Bevölkerung?

Petra-Angela Ahrens: Man könnte denken, dass das besondere Menschen sind, die sich für die Bundeswehr entscheiden. Aber im Hinblick auf die Wertorientierung konnten wir nicht feststellen, dass sich Soldatinnen und Soldaten grundlegend von der Bevölkerung unterscheiden. Auch dort stehen bei den Wertorientierungen an vorderster Stelle Gesetz und Ordnung respektieren, nach Sicherheit streben und etwas im Beruf leisten. Bei Soldatinnen und Soldaten ist das allerdings noch etwas stärker ausgeprägt.

Die Studie ergab, dass viele Soldaten und Soldatinnen mit den Gemeinschaftsunterkünften unzufrieden sind. Warum?

Der Zustand der Unterkünfte auf dem jeweiligen Kasernengelände könnte dabei eine Rolle spielen. Vermutlich aber auch die Trennung vom privaten Lebensumfeld. In der Regel muss man bis zum 25. Lebensjahr in der Kaserne leben.

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Petra-Angela Ahrens

Petra-Angela Ahrens, Jahrgang 1958, ist Diplom-Sozialwirtin und war lange Jahre als Referentin für empirische Kirchen- und Religionssoziologie im Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD tätig. Sie ist Mitherausgeberin der Studie "Was kann und was leistet Militärseelsorge?" (2026, Vandenhoeck & Ruprecht).

Fühlen sich Soldatinnen und Soldaten von der Gesellschaft wertgeschätzt?

Tatsächlich vermissen mehr als zwei Fünftel diese Anerkennung. In Befragungen des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr zeigt sich dagegen, dass mehr als vier Fünftel der Bürgerinnen und Bürger eine positive Einstellung zur Bundeswehr haben.

Wie erklären Sie sich diese unterschiedlichen Wahrnehmungen?

Es ist nicht auszuschließen, dass Soldatinnen und Soldaten mitunter schlechte persönliche Erfahrungen gemacht haben. Die vermisste Anerkennung mag aber auch eine generalisierte Zuschreibung sein, die zugleich den Wunsch nach mehr öffentlicher Wertschätzung ausdrückt. In dieser Hinsicht sind die genannten Bevölkerungsbefragungen ja eindeutig positiv.

"Der Glaube an Gott spielt für sie eine noch geringere Rolle als in der restlichen Bevölkerung"

Petra-Angela Ahrens

Wie wichtig ist Soldaten und Soldatinnen der Glaube an Gott?

Der Glaube an Gott spielt für sie eine noch geringere Rolle als in der restlichen Bevölkerung. Jedenfalls wenn man direkt danach fragt. Zudem sind Soldatinnen und Soldaten ohne jede Bindung an eine Glaubensgemeinschaft mit 44 Prozent die größte Gruppe in unserer Befragung. 30 Prozent fühlen sich der evangelischen, 21 Prozent der katholischen Kirche verbunden. Die zeitgleich erhobenen Daten zur Zahl der Kirchensteuer zahlenden Soldatinnen und Soldaten entsprechen diesem Bild. Danach gehörte Ende 2022 eine knappe Mehrheit der Soldatinnen und Soldaten formal der evangelischen oder katholischen Kirche an. Das ist sogar etwas höher, als es Ende 2022 in der Bevölkerung war.

Unterscheiden sich Soldaten in Glaubensfragen von Soldatinnen?

Wenn man direkt nach dem Glauben an Gott fragt, ist das eher nicht der Fall. Soldatinnen sind aber stärker dabei, wenn es um religiöse Offenheit oder transzendente Vorstellungen jenseits dogmatisch ausgerichteter Orientierungen geht.

Gibt es einen Ost-West-Effekt?

Ja. Die meisten Soldatinnen und Soldaten, die in der DDR oder in ostdeutschen Bundesländern aufgewachsen sind, hatten noch nie etwas mit der Kirche zu tun. Das liegt an der in der früheren DDR forcierten Säkularität. Aber in Bezug auf die Einstellung zur Religion sehen wir auch eine Angleichung zwischen Ost und West.

Wie sieht die aus?

Die Bundeswehrstudie hat eine frühere Befragung in Ostberlin bestätigt: Dort zeigte sich schon, dass sich die vormals klare Mehrheit überzeugter Atheistinnen und Atheisten zunehmend auf die höheren Altersgruppen beschränkte. Die harte Ablehnung gegenüber Kirche und Glauben sinkt unter den Jüngeren deutlich ab. Anstelle der Ablehnung tritt gerade bei ihnen zumeist eine gewisse Gleichgültigkeit. Und diese Gleichgültigkeit spielt inzwischen auch im Westen eine große Rolle.

Wie offen sind die Konfessionslosen für religiöse Fragen?

Es kommt darauf an, wie man fragt. Sobald in einer Frage der Begriff Gott oder Religiosität auftaucht, ist die Ablehnung klar. Wenn Fragen nach transzendenten Vorstellungen anders formuliert werden, erkennt man auch eine Offenheit gegenüber solchen Vorstellungen. So gibt es erstaunlich viele, die sich eine höhere geistige Macht vorstellen können oder eigenen Ritualen nachgehen.

Wie zeigt sich das?

Wir haben nach persönlichen Ritualen oder Gegenständen gefragt, die dem persönlichen Schutz dienen sollen. Für insgesamt 41 Prozent spielen Glücksbringer, Talismane, eigene Rituale oder Tattoos eine Rolle. Ein Soldat sagte in einem der Gruppeninterviews: "Ich bin und bleibe Atheist." Und trotzdem hatte er Gegenstände dabei, die seinem Schutz dienen sollten und damit über die eigene Person hinausweisen. Für mich hat das auch einen transzendenten, einen religiösen Charakter.

In den Kirchen gibt es nicht wenige Pazifisten. Fühlen sich Soldatinnen und Soldaten da überhaupt willkommen?

Nur ein kleiner Teil von etwa fünf Prozent gibt an, sich in der Kirche nicht willkommen zu fühlen. Für die meisten ist das allerdings auch eher eine theoretische Frage, weil die Kirche im Privaten kaum eine Rolle spielt. Insgesamt könnte bei diesem Ergebnis auch die sehr positive Bewertung der Militärseelsorge – als Kirche in der Bundeswehr – zu veranschlagen sein.

Wie wird das Angebot der Militärseelsorge wahrgenommen?

Dass die Militärpfarrer und -pfarrerinnen an den Standorten vertreten sind, finden 91 Prozent gut, dass sie auch mit in die Auslandseinsätze gehen, sogar 95 Prozent.

Wie werden die Gottesdienste und Andachten genutzt, die die Militärseelsorge anbietet?

Die werden deutlich häufiger besucht als die im privaten Lebensumfeld. Das hat vielleicht auch mit der positiven Sicht auf die Militärseelsorge zu tun. Allerdings gilt es zu bedenken, dass die Entscheidung für eine Teilnahme daran nicht zulasten anderer persönlicher Aktivitäten geht; denn die Gottesdienste der Militärseelsorge sind Teil der Dienstzeit. Und wer am Standort in den Gottesdienst geht, geht nicht unbedingt am Sonntag in die Gemeinde.

Gibt es Situationen, in denen der Glaube plötzlich wichtig wird?

Für Soldaten im Auslandseinsatz sind die Gottesdienste noch wichtiger. Und sie sind auch eine Zeit, in der man zur Ruhe kommen und Gemeinschaft pflegen kann. Die Konfrontation mit dem Tod mag ebenfalls eine Rolle spielen, aber das lässt sich mit unseren Daten nicht eindeutig belegen.

"Viele finden es gut, dass es Menschen gibt, die religiös sind und zur Kirche gehen"

Petra-Angela Ahrens

Welche Angebote bietet die Militärseelsorge außer Gottesdiensten?

Sie lädt zum Beispiel zu Freizeiten beziehungsweise Rüstzeiten ein, letztere sind eine Kombination aus Freizeit mit thematischem Schwerpunkt, um gut gerüstet in den Alltag zu starten. Die Militärseelsorge macht Angebote für einsatzbelastete Soldatinnen und Soldaten und für deren Familien. Sie bietet Seminare an, und vor allem ist sie für die Seelsorge der Soldatinnen und Soldaten zuständig, bietet ihnen eine vertrauliche Beratung. Da kann es um Konflikte im Dienst gehen, aber auch um das Privatleben, etwa weil man von der Familie getrennt ist.

Die Soldaten und Soldatinnen schätzen, dass die Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger vor Ort sind. Sie werden als Vertrauenspersonen wahrgenommen, als Kümmerer, auch von denen, die keine Bindung an eine Kirche haben. Vermutlich hat das auch damit zu tun, dass nicht sofort der Eindruck entsteht, jemand wolle bekehren. Stattdessen fühlen sich die Soldatinnen und Soldaten ernst genommen, in einer vertrauensvollen Situation - schon wegen der Schweigepflicht der Seelsorgenden, die zudem außerhalb der Hierarchie der Bundeswehr stehen. Das ist ein ganz dickes Pfund, mit dem die Militärseelsorge wuchern kann.

Wie viele nehmen Angebote der Militärseelsorge wahr?

Etwas mehr als die Hälfte nutzt das eine oder andere Angebot. Das ist deutlich mehr, als sich Kirchenmitglieder an Angeboten ihrer Gemeinden beteiligen. Diejenigen, die mit Glauben oder christlicher Religiosität etwas anfangen können, nutzen die Angebote der Militärseelsorge stärker. Bei den seelsorglichen Gesprächen ist das Feld aber sehr viel weiter. Auffällig ist auch, dass Menschen mit hohem Dienstgrad der Militärseelsorge besonders positiv gegenüberstehen. Das kann mit dem Bildungsgrad zu tun haben, aber auch damit, dass sie älter sind und schon langjährige Erfahrung mit der Militärseelsorge mitbringen.

Lesetipp: Was tun, wenn die Seele belastet ist?

Die Hälfte der Befragten nutzt die Angebote der Militärseelsorge, mehr als 90 Prozent finden gut, dass es sie gibt. Wie erklärt sich diese Diskrepanz?

Die Religionssoziologin Grace Davie hat den Begriff der vicarious religion geprägt, das lässt sich mit Stellvertreterreligion übersetzen. Viele finden es gut, dass es Menschen gibt, die religiös sind und zur Kirche gehen. Es ist eine Art Versicherung dafür, dass die Institution bestehen bleibt, auch wenn man sie selbst nicht nutzt. Der Theologe Reiner Anselm hat Ähnliches über die Militärseelsorge gesagt: Sie sei wie eine Apotheke: Es ist wichtig, dass sie da ist, auch wenn man sie gerade nicht braucht.

Es gibt rund 100 evangelische, 80 katholische und seit 2021 auch einige jüdische Militärseelsorgende. Welche Rolle spielt deren Religionszugehörigkeit für die Soldatinnen und Soldaten?

Für etwas mehr als die Hälfte spielt das keine Rolle. Unter den anderen gibt es zwar Präferenzen für die eigene Religion. Aber es lässt sich durchaus ein ökumenisches Verständnis dieser Arbeit beobachten. Bei muslimischen Soldatinnen und Soldaten – in unserer Befragung waren das 1,7 Prozent – sieht das deutlich anders aus: Unter ihnen wünscht sich die weit überwiegende Mehrheit eine Militärseelsorge des eigenen Glaubens.

Warum gibt es das noch nicht?

So wie die islamischen Religionen in Deutschland aufgestellt sind, ist es schwierig, klare Verantwortliche zu finden, um etwa einen Seelsorgevertrag schließen zu können. Das scheint das Hauptproblem zu sein. Es ist aber seitens der Bundeswehr ein Pilotprojekt mit muslimischen Seelsorgenden geplant.

Welche Herausforderungen ergeben sich für die Militärseelsorge durch die sogenannte Zeitenwende?

Ganz große – allein durch den geplanten sogenannten Aufwuchs der Bundeswehr. Schon jetzt können Militärseelsorgende nicht an allen Standorten präsent sein. Hinzu kommen Auslandseinsätze und die damit verbundenen Abwesenheiten. Der evangelische Militärbischof hat gefordert, mindestens 44 neue Stellen für die evangelische Militärseelsorge zu schaffen. Zugleich stehen die Kirchen – sie entsenden die Militärseelsorgenden – unter Druck, weil es zu wenig Nachwuchs bei den Pfarrern und Pfarrerinnen gibt. Und es ist viel aufwendiger, Jüngere zu erreichen, weil sie Militärseelsorgende weniger kennen. Die Lage wird also komplexer.

Infobox

Studie

Für die repräsentative Studie "Was kann und was leistet Militärseelsorge?" wurden im Herbst 2022 die Antworten von 7431 Soldatinnen und Soldaten ausgewertet. Die Studie wurde vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland gemeinsam mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr durchgeführt und von der Evangelischen Militärseelsorge und dem Bundesministerium der Verteidigung in Auftrag gegeben.

Militärseelsorge

Derzeit gibt es etwas mehr als 100 evangelische Militärgeistliche an rund 100 Standorten und rund 80 katholische Militärgeistliche an rund 80 Standorten. Seit 2021 gibt es auch einige Militärrabbiner. In der Bundeswehr dienen rund 186.400 Soldatinnen und Soldaten (Stand 31. Januar 2026). In Deutschland gibt es laut Tagesschau rund 275 Standorte (Stand: Ende 2024).

Quellen: Soldaten und Soldatinnen in der BW.

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