Das Leben könnte so schön sein in Alma Al-Chaab. Das kleine Dorf liegt in den mediterranen Hügeln des Südlibanons, direkt an der Grenze zu Israel, umgeben von Olivenhainen und fruchtbaren Feldern. Seit Jahrtausenden bauten die Menschen hier Gemüse und Obst an. Der Blick reicht weit zum Meer hinunter. Bei klarer Sicht sind Tyros und Sidon zu erkennen, die alten biblischen Städte an der Küste, die heute Sur und Saida heißen. Vor 2000 Jahren war hier Jesus unterwegs und predigte das Evangelium von der Liebe Gottes zu den Menschen.
In Alma Al-Chaab lebten schon immer Christen. Erst waren es vor allem maronitisch-katholische Christen, die sich auf den heiligen Maron berufen. Dann kamen Melkiten dazu, eine griechisch-katholische Gruppierung, und im 19. Jahrhundert schließlich auch evangelische Christen. Ökumenische Vielfalt ist der Normalfall im Nahen Osten. Bevor Israel und die Hisbollah im September 2024 gegeneinander in den Krieg zogen, hatte Alma Al-Chaab offiziell 750 Einwohnerinnen und Einwohner. Im Sommer konnten es auch mal über 1200 sein, wenn Angehörige aus Beirut oder dem Ausland kamen, um die Schönheit und Ruhe ihrer Heimat zu genießen.
Doch diesen Sommer wird es nicht so sein. Auch letzten Sommer kamen sie nicht. Und vielleicht wird nie wieder jemand kommen. Denn Alma Al-Chaab liegt in Trümmern. Im September 2024 wurde das Dorf zur Kampfzone. Die Menschen flohen, wohin sie konnten. In ihren Häusern verschanzte sich die Hisbollah und machte sie so zu Zielen für israelisches Bombardement. 40 Prozent des Dorfes wurden zerstört.
Mit der Waffenruhe Ende November 2024 kamen die Ersten wieder zurück, um zu schauen, was von ihrem Dorf übrig geblieben war. Zögerlich begannen sie mit dem Wiederaufbau ihrer Häuser. Finanzielle Unterstützung bekamen sie nicht. Die Hisbollah verwies auf die libanesische Regierung, und die wiederum sagte, dass sie diesen Krieg nicht wollte.
Und Israel? Was für eine Frage!? Von dieser Seite erwartet niemand Hilfe. Denn seit langem reklamiert Israel den Südlibanon als Pufferzone, um die Hisbollah besser kontrollieren zu können. Und Pufferzone bedeutet: am besten ohne Zivilisten, auf die man Rücksicht nehmen muss.
"Das ist nicht unser Konflikt", sagte ein Dorfbewohner bei einem Besuch vor Ort Ende Januar 2026. "Wir haben mit der Hisbollah nichts zu tun und wir stehen auch nicht auf der Seite Israels. Wir wollen einfach nur in unserem Dorf weiterleben."
Anfang März fing der Krieg im Südlibanon wieder an. Nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran schoss die von den Mullahs in Teheran unterstützte Hisbollah Raketen auf den südlichen Nachbarn, und Israel antwortete mit massivem Bombardement.
Wieder schickte das israelische Militär einen Evakuierungsbefehl an die Menschen in Alma Al-Chaab. Doch dieses Mal gingen nur die Alten, die Kinder und diejenigen, die auf medizinische Versorgung angewiesen sind. Die anderen, rund 70 Männer und Frauen, wollten ausharren. Erst taten sie sich im Keller der maronitischen Kirche zusammen, läuten immer wieder die Glocken als Zeichen, dass sie noch da sind, und achteten tunlichst darauf, dass kein Fremder sich in ihr Dorf schlich und es so zum Angriffsziel für die andere Seite machte.
Doch wie so oft im Nahen Osten befanden sich die Christen von Alma Al-Chaab zur falschen Zeit am falschen Ort. In Konflikten, in denen die Starken machen, was sie wollen, kann eine kleine Minderheit nicht lange dem Kriegswüten standhalten. In Alma Al-Chaab hielten die Tapferen bis Mitte März durch. Als der Bruder des Dorfpriesters auf seinem Feld ohne Vorwarnung von einer Drohne getötet wurde, gaben sie auf und flohen nach Norden.
Zwar ist der christliche Bevölkerungsanteil im Libanon verglichen mit anderen Ländern in der Region noch groß. Jeder vierte Libanese ist Christ. Vor gut 50 Jahren war es allerdings noch jeder zweite.
Auch Christen in Syrien leiden
Wesentlich dramatischer ist die christliche Präsenz in Syrien geschrumpft. Dort sind von den 1,5 Millionen Christen, die 2011 im Land lebten, heute schätzungsweise nur noch 250.000 übrig. Die anderen sind geflohen vor den Bomben, die keinen Unterschied machen zwischen Freund, Feind oder Unbeteiligten; vor Islamisten, die ihre Kriegskasse mit Lösegeld aus Entführungen füllen; und vor der Perspektivlosigkeit in einem Land, in dem die Infrastruktur großflächig zerstört und die Wirtschaft zusammengebrochen ist.
Im Vergleich zum Libanon hat der aktuelle Krieg auf Syrien noch relativ wenig Auswirkungen. Dass man aber in einem Konflikt, der nicht der eigene ist, zerrieben wird, erleben die Christen in Syrien gleichermaßen, zum Beispiel im Nordosten des Landes, wo die Kurden um ihre Autonomie kämpfen. Diese stehen sowohl im Konflikt mit der neuen syrischen Regierung, die mehr Kontrolle in diesem Gebiet fordert, als auch mit der Türkei, die zu viel kurdische Souveränität direkt an der eigenen Grenze um alles in der Welt verhindern will. In solchen Situationen werden unbeteiligte Minderheiten schnell zum Kollateralschaden – bedauerlich, aber leider nicht vermeidbar.
Das zeigt sich auch im Süden Syriens, wo noch schätzungsweise 25.000 Christen leben. Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Drusen und Beduinen im Sommer 2025 mit mehr als tausend Toten haben auch ihr Leben auf den Kopf gestellt, wie das Beispiel von Kharaba zeigt, einem der wenigen rein christlichen Dörfer im Süden.
Dort müssen seither 150 christliche Familien ihr Dorf mit tausend Beduinen teilen. Diese wurden von den Drusen aus Suwaida, der nächstgrößeren Stadt, vertrieben. Die Beduinen kamen mit ihren Schafen, Kühen und Hunden, schlugen ihre Zelte auf den Feldern auf oder suchten Unterschlupf im Gemeindehaus, in der Schule und in den leerstehenden Häusern von Christen, die nach der letzten Flucht noch nicht zurückgekehrt waren.
2014, während des Bürgerkriegs in Syrien, hatte die islamistische Nusra-Front das Gebiet um Kharaba erobert und viele Christen vertrieben. Muslimische Familien, die selbst keine Bleibe mehr hatten, zogen in die leeren Häuser. 2018 konnten die Regierungstruppen zusammen mit den Russen die Islamisten zwar wieder aus Kharaba vertreiben. Und auch für die muslimischen Familien wurde eine Lösung gefunden. Doch längst nicht alle Christen kehrten zurück. In politisch instabilen Zeiten lässt sich nur schwer die Hoffnung aufrechterhalten, dass man irgendwann wieder in Ruhe in seiner Heimat leben kann.
Dass man in Kharaba jetzt enger zusammenrücken muss, ist nicht das einzige Problem. Das Zusammenleben zwischen Christen und Beduinen selbst ist schwierig, weil die christliche und die beduinische Lebensart sehr verschieden sind. Bisher war es in dem rein christlichen Dorf Konsens, dass Kinder in die Schule gehören und Frauen kein Kopftuch tragen. Jetzt sieht das die überwältigende Mehrheit anders. Und wenn sich Mehrheiten derart abrupt verschieben, fühlt sich Heimat plötzlich nicht mehr nach Heimat an.
Dass Christen unter muslimischer Herrschaft leben, ist nicht das Problem. 1400 Jahre lang haben sie unter Kalifen und Sultanen gelebt, die das Anderssein der Christen grundsätzlich akzeptierten. Christliche Frauen mussten kein Kopftuch tragen und Christen durften Alkohol trinken, weil ihre Religion ihnen dies erlaubte. Doch innerhalb des Islams ist in den vergangenen hundert Jahren – auch als Reaktion auf die westlich-koloniale Unterdrückung – eine Bewegung entstanden, die den Islam als die Lösung aller Probleme und die beste aller Religionen propagiert.
Das Beispiel des Iraks macht Angst
In Syrien, wo jetzt Männer an der Macht sind, die früher islamistische Milizen angeführt haben, ist die Angst vor einer schleichenden Islamisierung der Gesellschaft groß. Man hat das Beispiel Irak vor Augen. Dort überrollte im Sommer 2014 der "Islamische Staat" (IS) Mossul und die Dörfer in der Niniveh-Ebene und vertrieb die Christen aus ihrem angestammten Siedlungsgebiet. Die Jesiden, die noch weniger in ihr Weltbild passten, verschleppten oder töteten die Terroristen auf brutale Weise.
Dass neun von zehn Christen in den letzten 20 Jahren den Irak verlassen haben, hängt allerdings nicht allein mit dem Eroberungsfeldzug des IS zusammen. Bereits in den Jahren zuvor hatten viele Christen die Hoffnung aufgegeben, dass das Land ihrer Vorväter auch das Land ihrer Kinder und Kindeskinder sein würde.
Mit der US-Invasion 2003 und dem anschließenden Chaos wurden die Christen im Irak zur Zielscheibe. In den Jahren der amerikanischen Besatzung häuften sich Anschläge, Entführungen und Übergriffe auf Christen. Aufgrund der gleichen Religion mit den Besatzern sahen große Teile der muslimischen Bevölkerung in ihnen Kollaborateure und Verräter.
Dass es fundamentale Unterschiede zwischen orientalischen und westlichen Christen gibt, fiel dabei so wenig ins Gewicht, wie man im Westen zwischen friedliebenden Muslimen und denjenigen unterscheidet, die Hass und Gewalt mit dem Islam begründen.
Regime instrumentalisieren die Religionen
Ausgerechnet im Nahen Osten, wo Judentum, Christentum und Islam ihren Ursprung haben, werden diese drei Religionen heute mehr denn je für Machtinteressen instrumentalisiert. Das tun die Mullahs in Teheran, die ihr brutales Vorgehen gegen das eigene Volk und gegen Israel seit Jahrzehnten mit dem Koran begründen.
Das tun aber auch jüdische Siedler, die sich auf die Landverheißungen Gottes an das biblische Volk Israel berufen und palästinensische Muslime und Christen im Westjordanland brutal aus ihren Dörfern und von ihren Feldern vertreiben.
Und schließlich tut es auch die US-amerikanische Regierung, die ihren Soldaten im Nahen Osten weismachen will, dass der Krieg gegen den Iran gottgewollt und Donald Trump von Jesus gesalbt sei. Armageddon, der endzeitliche Kampf, der laut Offenbarung die unmittelbare Wiederkehr Jesu Christi ankündigt, habe jetzt begonnen.
Leider ist diese bizarre Verdrehung des christlichen Glaubens nicht nur hohles Gerede. Dahinter steckt eine Haltung, die den Islam zum Feindbild erklärt und Muslime zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Deren Tod und Leid ist in diesem großen göttlichen Plan nicht nur ein Kollateralschaden. Für sie ist schlicht kein Platz mehr, wenn der Herr Jesus die Weltherrschaft übernehmen wird. Damit nicht alle sterben müssen, wird seit Jahrzehnten kräftig missioniert.
Schon jetzt wird auf evangelikalen Kanälen in den sozialen Medien der Augenblick herbeibeschworen, wenn das Mullah-Regime fällt und die große Freiheit im Iran ausbricht. Dann endlich würden sich nämlich all die Millionen heimlich konvertierter Muslime öffentlich zu Christus bekennen. Dass Konversionen im Iran in den letzten Jahren zugenommen haben, ist bekannt. Und dass man angesichts dessen, wie die Mullahs den Koran auslegen, vom eigenen Glauben abfallen kann, ist nachvollziehbar.
Wer aber die persönliche Entscheidung eines Muslims für den christlichen Glauben als Beweis für eine vermeintliche Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Islam feiert, vergiftet das christlich-muslimische Miteinander insgesamt. Das gilt für den deutschen Kontext, wo Muslime in der Minderheit sind, genauso wie im Nahen Osten, wo die Christen in der Minderheit sind. Für sie könnte dieses evangelikale Triumphgeschrei sogar zum finalen Dolchstoß werden. Gerade jetzt, wo es so viel Unsicherheit und Gewalt gibt, sind sie mehr denn je auf die Toleranz und die Hilfsbereitschaft ihrer muslimischen Nachbarn angewiesen.
Nur in einem fein austarierten Geflecht des Leben-und-Leben-Lassens haben religiöse Minderheiten wie die Christen im Nahen Osten eine Zukunft. Christliche, jüdische und muslimische Extremisten müssen endlich aufhören, ihre jeweilige Religion über Völkerrecht und Menschenrechte zu stellen. Sonst wird das einmalige, über die Jahrtausende gewachsene Mosaik der Religionen, Kulturen und Ethnien im Nahen Osten endgültig zerbrechen.
Dieser Text erschien zuerst im Magazin "zeitzeichen" und wurde von der Autorin für chrismon aktualisiert.









