chrismon: Mit welchen Fragen kommen die Menschen zu Ihnen?
Vera Mysak: Geflüchtete haben sehr unterschiedliche Fragen. Einige sind praktischer Natur, zum Beispiel: Was muss ich mit diesen Dokumenten machen? Oder: Wie passe ich mich an? Andere fragen mich: Darf ich mit Ihnen auch über etwas sprechen, das nichts mit Krieg zu tun hat? Dann geht es womöglich um Beziehungsprobleme, die schon vorher da waren. Wieder andere haben existenzielle Fragen, etwa: Es sieht so aus, als hätte ich alles verloren. Wo finde ich neuen Sinn?
Vera Mysak
Was können Sie auf die Sinnfrage antworten?
Mysak: Ich versuche dann, zu verstehen, ob das Gefühl von Sinnlosigkeit vielleicht schon vor dem Krieg da war. Wir müssen herausfinden, was das Problem verursacht hat, dann ist es leichter zu lösen. Ein Arzt aus Mariupol hat im Krieg an der Front Menschenleben gerettet. Seine Frau ist kurz nach der Geburt ihrer Tochter nach Deutschland geflohen. Nach einer Ohrverletzung sollte er aufhören. Doch in Deutschland fühlte er sich nutzlos.
Er meinte: Ich mache hier nichts, während meine Freunde und Brüder kämpfen und sterben. Wir haben gemeinsam nach etwas gesucht, was er hier Sinnvolles tun kann. Er realisierte, dass er jetzt für seine Tochter da sein kann – und er arbeitet wieder in seinem Beruf. Am liebsten möchte er auch in Deutschland ukrainische Soldaten behandeln – um so weiter für seine Heimat nutzbringend zu sein.
Und wer kommt vor allem zu Ihnen? Mehr Frauen als Männer? Frisch Angekommene?
Mysak: Wehrpflichtige Männer dürfen die Ukraine nicht verlassen, dadurch sind es sehr viel weniger Männer. Vor allem anfangs kamen mehr Frauen. In letzter Zeit auch vermehrt Männer. Einige Geflüchtete sind erst seit ein paar Monaten hier, andere Jahre.
"Zu Hause war er beliebt, weil er gut Witze erzählen konnte"
Vera Mysak
Verändern sich die Beziehungen, wenn die Menschen nach Deutschland kommen?
Mysak: In ukrainischen Familien verändert sich die Familienstruktur. Die Frauen möchten in Deutschland mehr Freiheiten bekommen, zum Beispiel selber Geld verdienen. Da hier alle gleichberechtigt vom Staat unterstützt werden, sind ukrainische Frauen hier weniger abhängig von ihren Männern. Vermutlich gibt es dadurch auch mehr Scheidungen.
Psychosoziale Hilfe ist Beziehungshilfe. Wie muss ich mir ein typisches Problem eines Geflüchteten vorstellen?
Mysak: Für junge Geflüchtete ist es vor allem schwierig, sich neu sozialisieren zu müssen. Gestern kam ein ukrainischer Junge, der sich in Deutschland fremd fühlt. Nichts war für ihn interessant, er wollte am liebsten zurück in die Ukraine. Dort hatte er seine Schulfreunde, war gut im Schachspielen und ehrenamtlich tätig. Zu Hause war er beliebt, weil er gut Witze erzählen konnte. Aber in der Fremdsprache klappt das nicht. Es ist frustrierend, sich eine neue Identität aufzubauen. Ukrainische Jugendliche werden oft gemobbt; einige haben suizidale Gedanken. Jedes Mal, wenn du denkst, du passt nicht rein, ist das furchtbar.
Und wie helfen Sie dann?
Mysak: Wir bieten eine erste, wertebasierte Kurzzeitintervention an. Wir überlegen gemeinsam, wie das Problem verbessert werden kann. Menschliche Anwesenheit hilft immer – wenn jemand zuhört, stabilisiert und hilft, Gedanken zu ordnen, ist das schon eine große Hilfe. Wir geben keine Diagnosen, aber wenn es bedenkliche Anzeichen wie suizidale Gedanken gibt, dann empfehlen wir, dass sie zum Psychologen gehen. Meistens rufen wir dann zusammen beim Psychologen an.
Frau Gardisi, Sie sind Geschäftsführerin. Worauf zielt die Hilfe bei Ipso ab?
Maryam Gardisi
Gardisi: Wir unterstützen geflüchtete Menschen darin, sich hier weiterzuentwickeln. Das verhindert auch, dass mögliche Symptome schwerer werden. Dafür ist ein positives Selbstverständnis entscheidend. Es ist wichtig, darauf zu vertrauen, dass man etwas selbst und nach den eigenen Werten entscheiden kann. Darum fördern wir dieses Vertrauen und das Gefühl, dass die eigene Welt verständlich, handhabbar und sinnvoll ist.
Wenn diese Sicherheiten gegeben sind, wächst die Fähigkeit, die gegenwärtige Situation und Probleme (wie etwa Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen) wirklich zu verstehen. Dabei achten wir darauf, die Symptome nicht zu pathologisieren. Denn ein Gefühl, "psychisch krank" zu sein, würde das Selbstverständnis der Betroffenen zusätzlich belasten und wäre kontraproduktiv.
In den Ländern, aus denen Geflüchtete kommen, ist psychotherapeutische Hilfe vielleicht nicht so verbreitet. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Gardisi: Die meisten Angebote sind nicht niedrigschwellig genug. Als Person mit Migrationshintergrund ist der Weg zu einer Therapie ein viel zu großer Schritt. Darum sollte noch mehr auf niedrigschwellige Frühintervention gesetzt werden. So lassen sich die Hilfesysteme entlasten und stabilisieren, so dass diejenigen, die wirklich eine Therapie benötigen, diese auch erhalten.
Außerdem müssen wir deutlich mehr gegen die Stigmatisierung psychologischer Hilfe tun, damit sich die Menschen trauen, die bereitgestellten Angebote auch anzunehmen. Die meisten Menschen erkennen zunächst nicht, dass sie Hilfe brauchen. Derzeit zögern viele, psychologische Angebote wahrzunehmen, aus Sorge, dass dies von Behörden als Grund für eine Abschiebung verwendet werden könnte. Dieses Gerücht ist durch Missverständnisse und gezielte Desinformation entstanden.
Welches Feedback bekommen Sie bei Ipso?
Gardisi: Die Klienten und Klientinnen schreiben oft, sie hätten durch die Beratung eine neue Perspektive auf die eigenen Umstände gewonnen und dadurch einen besseren Umgang mit Konflikten erlernt. Manche schreiben sogar: Für mich beginnt jetzt eine neue Zeitrechnung, weil ich anders auf mein Leben blicke. Jetzt gehe ich anders mit der Situation um und kann nach vorne schauen. Das ist eine starke Erkenntnis, die Menschen nachhaltig stabilisieren und prägen kann. So etwas rückgemeldet zu bekommen, berührt und motiviert uns immer wieder.
Information
- In Deutschland gibt es insgesamt drei Hilfseinrichtungen von Ipso (International Psychosocial Organisation): in Berlin, Erfurt und Hamburg.
- Das Beratungszentrum Ipso Berlin wurde 2017 eröffnet, damals gab es fünf Berater und Beraterinnen, mittlerweile sind es ca. 25.
- Es wurden über 150 Fachkräfte bei Ipso weitergebildet.
- Ipso wird befristet von staatlichen Stellen in Deutschland und von Spenden finanziert. Von den für 2027 angekündigten Kürzungen des Bundesinnenministeriums im Bereich Geflüchtetenberatung wird voraussichtlich auch Ipso betroffen sein.
- Es gibt einen Sitz in Afghanistan, dort wird Menschen geholfen, die wieder zurückkehren, sich in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren.
- Das Team von Ipso erarbeitete die psychosoziale Betreuung im Libanon in einem Flüchtlingscamp.


