Kirche und Staat
Darf die Kirche Wahlempfehlungen geben?
Die Kirche sagt, wie man leben soll. Nicht, wen oder was es zu wählen gilt. Doch Richtiges und Falsches zu benennen, gehört seit 2000 Jahren zu ihrem Selbstverständnis
Illustration Kreuz-Stift macht ein Kreuz auf einem Wahlzettel.
Lisa Rienermann
ZFrank Muchlinsky
31.08.2026
3Min

Sie tun es immer wieder: Die Kirchen äußern sich zur aktuellen Politik. Gerade erst hat Papst Leo XIV. unmissverständlich gesagt, die sogenannte "Remigration", wie extrem rechte Parteien in Europa sie fordern, sei unchristlich. In Deutschland warnen die Synoden mehrerer Landeskirchen eindrücklich vor einer Regierungsbeteiligung der AfD und betonen, wie wichtig es für christliche Menschen sei, sich im Kampf gegen den Klimawandel und für soziale Gerechtigkeit zu engagieren.

All das wird häufig als indirekte Wahlempfehlung empfunden, und die Kirche wird aufgefordert, sich um ihre "eigentliche Aufgabe" zu kümmern. Dabei sind solche Äußerungen tatsächlich das Kerngeschäft der Kirche.

Was häufig als Einmischung in die Politik missverstanden wird, ist eine Klarstellung dessen, was als christlich gelten kann und was nicht. Das tut die Kirche seit 2000 Jahren. Die ersten Schriften des Neuen Testaments stammen vom Apostel Paulus. Er gründete nicht nur neue christliche Gemeinden, sondern er blieb mit ihnen in Kontakt. In seinen Briefen an die Gemeinden, mit denen Paulus zu tun hatte, macht er immer wieder deutlich, was seiner Überzeugung nach das richtige Verhalten für Christenmenschen ist – und was nicht. Es sind schriftliche Predigten, die Paulus verfasst, und Predigen gehört zum Christentum. Da widerspricht kaum jemand. Es kommt auf den Inhalt der Predigten an, ob sie als Einmischung in die Politik verstanden werden oder nicht.

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Tatsächlich ist es so, dass sich zentrale Inhalte der Predigten und anderer kirchlicher Äußerungen kaum ändern. Zur Gastfreundschaft und zur Nächstenliebe wurde immer aufgerufen. Es galt stets als christlich, sich selbstlos um Arme zu kümmern. Wenn die Kirche feststellt, dass eine Gesellschaft Werte befördert, die sie als unchristlich erkennt, muss sie das ansprechen. Dafür ist das Predigtamt da, dass Christenmenschen verkündigt wird, was nach christlichem Verständnis richtig ist und was falsch.

Die Kirchen geben keine direkten Wahlempfehlungen

Der christliche Glaube versteht sich nicht nur als eine innerliche Haltung. Er will gelebt werden und verlangt grundsätzlich nach bestimmten Handlungen. Darum ist es selbstverständlich, dass die Kirche immer wieder auch mit den Programmen politischer Parteien kollidiert – oder auch Schnittmengen deutlich werden. Doch das kann nicht bedeuten, dass man schweigt.

Die Kirchen geben keine direkten Wahlempfehlungen. Sie sagen nicht: Wählt diese oder jene Partei! Zumindest tun das die verfassten Kirchen in Deutschland nicht. Das ist gut so, denn sonst würden sie den Parteien Chancen eröffnen, Einfluss auf die Kirchen auszuüben. Die Kirche sagt auch nicht: "Wählt nicht die AfD." Sie sagt: "Bestimmte Inhalte, für die die AfD steht, sind nicht mit dem Christentum vereinbar." Es ist verständlich, dass solche Aussagen von Menschen, die sich selbst als durchaus christlich verstehen und gleichzeitig mit der AfD sympathisieren, als Kritik empfunden werden.

In der Tat ist es ein Aufruf, das eigene Handeln, ja sogar die eigene Haltung zu überdenken. Allerdings ist solch eine "Bußpredigt", also der Aufruf, das bisherige Leben grundsätzlich zu ändern, ebenfalls so alt wie die Kirche selbst – sogar noch älter. Jesus selbst trat mit genau diesen Worten auf: "Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um." (Markus 1,15)

Zumindest gegenüber ihren eigenen Leuten muss die Kirche immer wieder dazu aufrufen, sich an das zu halten, was sie als christlich definiert. Dabei braucht sie auf nichts weiter Rücksicht zu nehmen als auf das eigene Glaubensverständnis.

Eine gesetzliche Pflicht zur Neutralität hat die Kirche in Deutschland nicht. Es ist vielmehr der deutsche Staat selbst, der sich in seinem Verhältnis zu den Religionen Neutralität verordnet hat. Er muss religiös-weltanschaulich neutral sein. Er garantiert die freie Religionsausübung und fördert sie. So schreibt es das Grundgesetz vor. Das größere Problem war in der Geschichte nämlich, dass der Staat sich in die kirchlichen Belange einmischte. Nicht umgekehrt.

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