Vergangenheitsbewältigung
Sich erinnern heißt auch widerstehen können
Was in Deutschland selbstverständlich ist, bleibt Russ*innen verwehrt: Familienforschung. Die Organisation Memorial wurde verboten, der Gulag ist aus der Öffentlichkeit verschwunden. Zwei Bücher helfen weiter
Zwei Personen stehen vor einer Brücke die in eine verschneite Stadt führt.
In Workuta, in der russischen Republik Komi, errichteten Gulag-Häftlinge in den 1930er Jahren Arbeitslager und Bergbausiedlungen. Zehntausende starben.
Alexander Manzyuk/Anadolu/picture alliance
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
17.07.2026
5Min

Der "Spiegel", die "Zeit" und nun auch die "Süddeutsche Zeitung" verschaffen den Deutschen eine neue Freizeitbeschäftigung. Mit wenigen Klicks kann man durch ihre Hilfe herausfinden, ob die Groß- und Urgroßeltern Mitglied in der NSDAP waren. Inzwischen fragen einige, wie sinnvoll das ist. Was sagt eine Parteimitgliedschaft ohne weiteren Kontext aus?

Ein Seitenblick nach Russland aber zeigt, was für ein hohes und seltenes Gut solch ein Recherche-Tool ist. Zwei neue Bücher haben mir dafür die Augen geöffnet. Irina Scherbakowa hat unter dem Titel "Der Schlüssel würde noch passen" ihre Memoiren verfasst. Bis zum Ausbruch des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hatte sie – unter zunehmenden Schwierigkeiten – "Memorial" geleitet, diese großartige Organisation zur Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion. Nun lebt sie in Israel im Exil und blickt zurück.

Lesetipp: So werden Nummern wieder zu Menschen. Schülerinnen schreiben KZ-Akten ab

Sie hätte allen Grund, auf ihr Lebenswerk (und das all ihrer Mitstreiter) stolz zu sein. Denn "Memorial" gab den zu Unrecht Verhafteten, Gefolterten, Verschleppten, Versklavten und Ermordeten eine Stimme – natürlich nur einer Minderheit, denn die Opferzahlen der Sowjetdiktatur gehen in die Millionen. Zugleich eröffnete "Memorial" deren Nachfahren die Chance, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Ein wichtiges Instrument dafür waren Schülerwettbewerbe, an denen zu Hochzeiten Tausende von Jugendlichen aus ganz Russland teilnahmen. Es ist hochinteressant und zugleich anrührend zu lesen, welche Geschichten die Schülerinnen und Schüler ausgruben und erzählten.

Allerdings standen sie dabei vor Schwierigkeiten, an die man als deutscher Leser nicht sofort gedacht hätte. Wer vom Sowjet-Terror erfasst wurde (und dieser beschränkte sich keineswegs auf die Regierungszeit Stalins), wurde für all seine Verwandten und Freunde zur tödlichen Gefahr. Denn in ihrer Paranoia witterten die Sowjets überall Verschwörungen.

Nicht wenige Familien löschten deshalb aus Angst alle Erinnerungen an ihre verhafteten Mitglieder, schnitten sie aus den Fotoalben heraus, redeten nie mehr von ihnen. Da fast jede Familie von diesem Terror betroffen war, kommen die allermeisten Russen, wenn sie recherchieren, oft nur bis zu den 1950er Jahren zurück und nicht weiter. Was dahinter liegt, ist wie abgeschnitten. Die Russen sind deshalb ein Volk ohne Vergangenheit.

Dass es so bleibt, daran hat die Putin-Diktatur ein offensichtliches Interesse. Sie hat mit zunehmendem Druck die Arbeit von "Memorial" eingeschränkt, bekämpft und schließlich verboten. Dadurch hält sie das Volk in der seit Sowjetzeiten auferlegten, eingeübten Gefügigkeit, und dadurch kann sie ihre Geschichtsmythen von Russland als der großartigen Alternative zum verkommenen Westen unwidersprochen verbreiten. Beides ist für den Krieg gegen die Ukraine unverzichtbar. Wer eine Ahnung von den tieferen Gründen dieses Krieges, aber auch vom Segen wie von der Tragik geschichtlicher Aufarbeitung gewinnen will, sollte die Erinnerungen von Irina Scherbakowa lesen.

Noch ein zweites Buch möchte ich empfehlen. Es ist der kurze Roman "Zwei Staatsanwälte" von Georgi Demidow (1908-1987). Dieser Autor war bis vor kurzem in Deutschland vollkommen unbekannt. Demidow war ein renommierter Physiker, als er 1938 vom Sowjet-Terror erfasst wurde. 14 Jahre verbrachte er in Lagern des Gulag. Nachdem er 1952 entlassen und 1958 rehabilitiert war, begann er Kurzgeschichten, Novellen und Romane über seine Erlebnisse zu schreiben.

Es sind einzigartige Zeugnisse von hoher literarischer Qualität. Das wurde den Machthabern zu viel. 1980 wurden alle Manuskripte beschlagnahmt. Man nahm auch seine Schreibmaschinen mit. Damit endete seine Kunst. Denn seine Hände waren durch die Lagerzeit so geschädigt, dass er keinen Kugelschreiber oder Bleistift halten, geschweige denn mit ihnen schreiben konnte. Er starb in dem Bewusstsein, dass sein Lebenswerk vernichtet war.

Mit Blut auf ein Stück Pappe geschrieben

Doch am Ende der Diktatur öffnete sich kurz ein Fenster amtlicher Freundlichkeit. 1988 konnte seine Tochter die Manuskripte ihres Vaters zurückfordern. Doch es dauerte lange, bis sich ein russischer Verlag fand. In Deutschland fanden sich zum Glück zwei hochkompetente und leidenschaftlich engagierte Personen, die nun schon das zweite Buch von Demidow übersetzt und hilfreich kommentiert haben: die Übersetzerin und Autorin Irina Rastorgueva sowie der Dramaturg und Autor Thomas Martin. Ein großer Dank gebührt auch dem Galiano Verlag, der das Wagnis auf sich nimmt, diesen großen Schriftsteller mit seinen unvergesslichen Geschichten in Deutschland bekannt zu machen.

In "Zwei Staatsanwälte" erzählt Demidow von einem jungen Mann, der gleich nach dem Studium zum Staatsanwalt aufsteigt (seine Vorgänger waren einer "Säuberung" zum Opfer gefallen). Über wundersame Wege erhält er die Beschwerde eines Häftlings – auf einem Stück Pappe mit seinem eigenen Blut geschrieben.

Der junge Mann kann sich nicht vorstellen, dass es hier mit rechten Dingen zugeht, besichtigt das Gefängnis, besucht den Häftling und fährt nach Moskau, um dem obersten Generalstaatsanwalt Bericht von dem abzugeben, worin er eine Verschwörung sieht. Denn dass dieser Terror, der sogar glühende Anhänger der Revolution vernichtet, das Programm der eigenen Regierung ist, kann er sich in seiner Gutgläubigkeit nicht vorstellen. Am Ende kommt es, wie es muss: Auch er wird verhaftet und vernichtet.

Dieser schlanke Roman gibt einen unmittelbaren Einblick in das, was "Memorial" mühsam zu recherchieren versucht hat: die millionenfache Menschenvernichtung der Sowjet-Diktatur. Von heute aus erscheint sie absurd, verrückt, paranoid, aber sie folgte einer eigenen Logik, juristischen Denkweise und bürokratischen Struktur. Nach der Rationalität kommunistischer Planwirtschaft wurden für die Verfolgung angeblicher Regimefeinde Quoten ausgerufen: 10.000 Personen aus diesem Regierungsbezirk, 20.000 aus jenem. Nicht wenige der örtlichen Verantwortlichen machten sich daran, diese Quoten "überzuerfüllen", auch um zu vermeiden, selbst verhaftet zu werden.

Demidow ist in Russland wieder ein verbotener Autor. Dass wir in Deutschland seine Bücher lesen, uns über die Gewaltgeschichten des 20. Jahrhunderts – und ihre Auswirkungen bis heute – in aller Freiheit informieren, dabei auch die eigene Familiengeschichte in den Blick nehmen können, ist ein Glück, das wir achten und nutzen sollten.

P.S.: Ich danke allen sehr herzlich, die meine wöchentliche Kolumne regelmäßig oder manchmal lesen. Jetzt geht der Kulturbeutel in die Ferien und ist am 14. August wieder da. Vielen Dank für Ihre Zeit und Aufmerksamkeit!

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur