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Mein erster Tag als zehnjähriges norddeutsches Dorfkind war der 18. Juni 1979. Mit einem Raider in der Hand und einem Fahrrad unterm Hintern fuhren mein Bruder und ich los, um unser neues Revier zu erkunden. Im Dorf lebten etwa 800 Menschen, auf den Straßen war kaum jemand zu sehen. Hauptsache, vor Dunkelheit wieder zu Hause sein, dachten wir. Nur wurde es hier, anders als in unserer ostafrikanischen Heimat, erst gegen 22 Uhr dunkel.
Yared Dibaba
Seitdem ist Dorfleben für mich Freiheit und ein bisschen Bullerbü. Der Himmel ist weit, der Blick geht weiter als in der Stadt. Grünkohl mit Pinkel im Winter; plattdeutscher Kinderchor bei Wiltrud Schauer; der süßliche Geruch nach Gülle; Dorfjugend auf dem Platz, Bier und Musik aus dem Kassettenrekorder.
Ich liebe dieses Dorfidyll bis heute: Nachbarschaftshilfe, freiwillige Feuerwehr, das "Moin" beim Bäcker. Auf meinen Drehreisen für "Yared kommt rum" erlebe ich immer wieder: Dorf ist nicht nur ein Ort, Dorf ist eine gemeinsame Verabredung.
Da bauen Menschen ein Gemeinschaftshaus um, organisieren ein Fest, retten einen Laden oder gründen einen Verein. Dieses Ehrenamt beeindruckt mich immer wieder. Oft heißt es einfach: "Wi maakt dat nu – wir machen das jetzt!"
Besonders beim Feiern zeigt sich diese Kraft. Schützenfest, Feuerwehrball, Maibaum, Erntefest: Da kommen Generationen zusammen. Es wird aufgebaut, ausgeschenkt, getanzt, gestritten und wieder gelacht. Gemeinschaft entsteht nicht von allein. Sie wird gemacht – von Menschen, die ihre Zeit schenken.
Das Dorfleben bringt auch Nachteile
Sogar ein Bus, der nur einmal am Tag fährt, kann romantisch wirken – solange wir nicht auf ihn angewiesen sind. Und da beginnt die andere Seite. Schlechte Infrastruktur ist keine Folklore. Wer jung ist, alt, wenig Geld hat oder ohne Führerschein lebt, erlebt Abgelegenheit nicht als Poesie, sondern als Grenze. In Hamburg-Altona finde ich Theater, Restaurants, Clubs und Vielfalt leichter.
Es ist hilfreich, das Wechselspiel aus Nähe und Distanz zu beherrschen. Denn Nähe ist nicht für alle Geborgenheit. Eine Dorfgemeinschaft kann tragen, aber sie kann auch eng werden. Wenn Frauen Gewalt erleben, wenn Familien nach außen heil wirken und innen Not herrscht, kann das Dorf besonders einsam sein. Beratungsstellen wie die "Land-Grazien" bieten da wichtige Hilfe. Auch wer eine internationale Geschichte hat, findet nicht automatisch Anschluss.
Ich habe als Jugendlicher Menschen vermisst, die eine ähnliche Biografie hatten wie ich. Ich träumte von London, von Clubs, Kultur, von mehr Welt. Später zog ich in die Stadt – und merkte irgendwann, dass mir das Dorf, die Landluft sowie die Menschen, mit ihrer besonderen Mentalität der Ruhe, fehlten.
Vielleicht liebe ich deshalb heute beides: Stadt und Dorf. Altona hat für mich dörfliche Ecken, nicht geografisch, aber emotional. Und viele Dörfer haben eine Kraft, die Städte oft mühsam suchen: Verbindlichkeit, Natur, Weite und Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen. Was für ein Geschenk, dass ich mit meiner Sendung regelmäßig die unterschiedlichsten Dörfer im Norden besuchen kann.
Das Dorf ist keinesfalls immer heile Welt. Aber es ist auch mehr als Provinz. Es ist Erinnerung, Zumutung, Sehnsuchtsort und Zukunftsversprechen zugleich. Gerade weil wir wissen, was fehlt, dürfen wir sehen, was da ist. Für mich bleibt das Dorf ein Ort, an den ich glaube.






