Neulich kam mein Sohn, er ist 16 Jahre alt, nach Hause und fand eine Postkarte im Briefkasten. Das ist ungewöhnlich, wer schreibt noch Karten? Er hat sich nicht gefreut, denn die Post kam aus Köln, vom "BAPersBW", wie es im Absender heißt – dem Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr. Sie zeigt kein schönes Motiv, sondern Tarnfleck, darauf sein Nachname auf einem Aufnäher, wie man sie bei den Soldatinnen und Soldaten auf den Uniformen und Rucksäcken sieht, in Großbuchstaben: HUSMANN. Auf der Rückseite Werbung für den "Talent Scout"-Tag am 6. Juni; er könne als VIP dabei sein, als very important person, als sehr wichtige und wertgeschätzte Person also. Die Bundeswehr zahlt sogar die Bahnfahrkarte!
Ich teile seinen Ärger. Der Staat erklärt die Jugend offenbar nur dann zu VIPs, wenn es um die Verteidigungsfähigkeit geht. Dabei gäbe es allen Grund, sich an die jungen Menschen zu wenden: In der Corona-Zeit nahmen sie Rücksicht, blieben länger als in den meisten anderen Ländern zu Hause und verzichteten auf Kontakte, um Ältere nicht zu gefährden. Viele junge Menschen sitzen in maroden Schulgebäuden, manche trinken tagsüber extra wenig, damit sie nicht auf stinkende Toiletten müssen. Und egal, welches gesellschaftliche Thema gerade in der öffentlichen Debatte durchgekaut wird, die Jugend darf sich als Problembär fühlen. Der Rechtsruck? Die Jungen wählen AfD! Die Wirtschaftskrise? Die Jugend hat keine Lust zu arbeiten, schielt eher auf die Work-Life-Balance als aufs Bruttoinlandsprodukt.
Mit den enormen Herausforderungen unserer Zeit – welche Berufe sind zukunftsfähig angesichts der Künstlichen Intelligenz, wie bekämpfen wir die Klimakrise, wie stabilisieren wir die Renten- und Pflegekassen in einer älter werdenden Gesellschaft, wie machen wir Bildung gerechter? – lassen wir die Jugend allein oder delegieren die Probleme in Kommissionen. Nur eines machen wir viel zu selten: zuhören, was die Jungen zu sagen haben.
Ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass sich die Sicherheitslage nicht erst mit dem russischen Angriff auf die Ukraine verschlechtert hat und dass die Bundeswehr nicht adäquat ausgestattet ist. Die Armee hat Personalsorgen. Aber erstens bekommen junge Männer ohnehin Post, die sie beantworten und angeben müssen, ob sie sich vorstellen können, zur Bundeswehr zu gehen. Warum dann noch eine teure Postkartenaktion für Jüngere? Denkbar wäre auch, dass die Bundeswehr über die Schulen in Erfahrung bringt, wer vorher schon auf Aktionen wie den "Talent Scout"-Tag angesprochen werden will. Als Eltern bekommen wir ohnehin ständig Zettel aus der Klasse, die wir gegenzeichnen müssen. Und im Unterricht könnte dieses wichtige Thema so auch gleich vorkommen.
Aber auch das ändert nichts daran, dass wir uns ohnehin zu wenig für junge Menschen interessieren. Und die sind nicht dumm. Sie merken sehr wohl, wie sehr Staat und Öffentlichkeit sie übersehen und missverstehen. Ich wünsche mir, dass sie alle, ungeachtet ihres Geschlechts, Post bekommen: "Was treibt euch um? Welche Ideen habt ihr? Lasst uns ins Gespräch kommen!" Unser Großer jedenfalls hat die Postkarte vom Bund sofort weggeschmissen.







