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Als Eltern nimmt man sich ja – gerade in der Anfangszeit – gerne ein paar Dinge vor: Wie man als Vater oder Mutter sein will, welchen Erziehungsstil man wählt oder was man dem Kind mitgeben möchte.
Einer meiner Vorsätze war zum Beispiel: Ich will nicht, dass daheim quietschig-quatschige Kinderlieder dudeln. Warum sollte mein Sohn nicht auch Mozart, die Beatles oder Billie Eilish mögen? Das ist doch eh alles nur Sozialisation! Na, ja, falsch gedacht. Spätestens nachdem er mit anderen Kindern in Kontakt kam oder gemerkt hat, wie man Spotify-Playlisten kapert, hatte sich das erledigt, und in meinem Kopf schallen erquickende Ohrwürmer wie der Körperteil-Blues, der Körperteil-Blues, wir sagen winke, winke, winke ... auf Dauerschleife ... winke, winke, winke ... durch meinen Kopf bis Fuß, von Kopf bis Fuß ... mit dem Körperteil-Blues ... Und die Kinderliederkönigin Simone Sommerland ist quasi bei uns daheim eingezogen.
Ein weiterer Vorsatz wackelt: Ich hatte mir fest vorgenommen, meinem Sohn jede Frage, die er hat, ernsthaft zu beantworten. Das haben meine Eltern eigentlich auch gemacht. Auch wenn ich mich erinnere, dass ich in späteren Jahren bei allzu intensiven Nachfragen mal ein unbefriedigendes "weil das halt so ist" als Antwort bekommen habe.
Nun saugt mein Sohn gerade alles auf, was um ihn herum passiert. Pro Tag stellt er mir schätzungsweise 150 Fragen. Das sind nicht immer so komplex wie: "Wo geht das Wasser vom Waschbecken hin?", sondern eher: "Was ist das?", "Wie heißt der?", "Wer wohnt da?", "Was war das für ein Geräusch?", "Wo denn?", "Was denn?" ...
Und ich gebe zu: Manchmal schwirrt mir der Kopf. Oder wissen Sie die Antwort auf: "Was macht der Stein?"
Manchmal stellt er mir auch Quatschfragen. Zum Beispiel zeigt er auf eine Banane und fragt: "Was ist das?" Ich antworte dann bewusst völlig absurd und sage etwa: "Ein Zebra!" Dann müssen wir beide lachen. Oder ich stelle die Frage einfach zurück. Dann weiß er die Antwort natürlich.
Dennoch habe ich den Ehrgeiz, ihm so viel wie möglich zu beantworten, noch nicht aufgegeben. Das hängt auch mit einem kleinen Kindheitstrauma zusammen. Ich erinnere mich intensiv an zwei Notlügen meiner Eltern, die mich nachhaltig verwirrt haben.
Die erste war die Milchschnitten-Illusion. Ich war mit meiner Mutter im Supermarkt einkaufen und sah, wie sich ein Kind eine Milchschnitte aus dem Kühlregal holte. Farbe und Aufmachung wiesen mich schon als Kleinkind sehr eindeutig darauf hin, dass es sich dabei um eine Leckerei für Kinder handeln musste. Ich wollte natürlich auch eine und fing an zu quengeln. Geistesgegenwärtig sagte meine Mutter zu mir: "Warum? Da ist doch gar nix drin." – "Wie, da ist nix drin?" – "Na, die Packung ist leer. Da ist einfach nix drin." Ich war zwar skeptisch, kaufte ihr die Geschichte aber ab.
Ich sollte mich davor hüten, ihm zu viel Quatsch zu erzählen
Ein anderes Mal, war es mein Vater, der sich geschickt aus einer Diskussion retten wollte. Es war 1994 und er ging das erste Mal mit mir ins Kino, in "Der König der Löwen", wo ich Rotz und Wasser geheult habe. Trotzdem liebe ich den Film bis heute. Tag für Tag lag ich meinem Vater in den Ohren, dass wir doch mal wieder dorthin müssten!
An einem besonders schönen Samstag sagte er dann zu mir: "Aber das geht heute gar nicht. Man kann nur ins Kino, wenn es regnet, weil dann der Empfang besser ist." Sie werden lachen, aber ich habe das sehr lange geglaubt. Aus meinem damals rudimentären Verständnis für Elektrizität wusste ich, dass Wasser Strom leitet. Kino funktionierte zweifellos mit Strom. Und Fernsehen kam über die Antenne. Irgendwie schien mir das alles einleuchtend.
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Sie können sich aber vorstellen, was daheim los war, sobald auch nur die kleinste Wolke ihre Pforten öffnete und ein Hauch von Nieselregen die Scheiben benetzte: Ich wollte SOFORT ins Kino!
Ob mein Vater dadurch etwas gewonnen hatte? Ich weiß es nicht. Irgendwann brach das Konstrukt (und mein Urvertrauen in die väterliche Autorität) auch in sich zusammen, als wir am Kindergeburtstag eines Freundes bei strahlendem Sonnenschein ins Kino gingen.
Was das mit meinem Vorsatz zu tun hat, meinem Sohn alle Fragen zu beantworten? Nun: Ich sollte mich davor hüten, ihm zu viel Quatsch zu erzählen, und mit allzu spontan formulierten Ausflüchten und Notlügen umsichtig umgehen. Kinder glauben einem mehr, als man denkt. Und leichtfertig dahingeworfene Ausflüchte können für lange Zeit kleben bleiben. Das ist nicht immer schlimm (in meinem Fall war es das zum Beispiel nicht), aber man sollte es als Eltern im Hinterkopf behalten.
Und die Antworten auf die Fragen meines Sohnes? Im Zweifel muss ich mit ihm mehr Kinderbücher lesen, die alles erklären, in alten "Löwenzahn"- oder "Die Sendung mit der Maus"-Folgen recherchieren. Oder einfach ehrlich sein und sagen: Ich weiß es nicht. Oder zumindest noch nicht.



