chrismon: Neulich war ich mit meinem Sohn auf dem Spielplatz und wollte nach Hause. Er nicht. Ich habe alles versucht: fragen, bitten, erklären, versprechen. Irgendwann war ich echt wütend. Was kann ich machen, wenn mein Kind einfach nicht hören will?
Tillmann Prüfer: Viele Eltern haben das Bedürfnis, mit ihrem Kind alles einvernehmlich zu regeln und die Beziehung auf Augenhöhe zu gestalten. Sie wollen vielleicht nicht in den Konflikt geraten und nicht sagen: Ich entscheide das jetzt und du richtest dich danach! Dann kommt man in so eine Situation wie die Ihre und ist gar nicht so, wie man sein wollte. Aber Sie haben den größeren Rahmen im Kopf: Es wird jetzt dunkel und kalt. Wir müssen jetzt nach Hause. Sie müssen ihm die Entscheidung abnehmen.
Tillmann Prüfer
Dann ist er sauer und schreit.
Eltern trauen sich die Entscheidung nicht zu, weil sie fürchten, dass sie die Beziehung zu ihrem Kind schädigen. In der Wissenschaft findet sich kein Hinweis darauf, dass solche alltäglichen Kämpfe der Beziehung schaden. Das Problem ist nicht diese Situation, in der man irgendwann das Kind nimmt und sagt: So, wir gehen jetzt! Das Problem ist eher der Stress, den Sie sich machen, und die Unsicherheit, die man als Eltern empfindet. Die kann auch Kinder unsicher machen.
Weil sich viele Eltern so unsicher fühlen, greifen sie zu Erziehungsbüchern oder folgen Erziehungs-Influencern. Sie schreiben, dass diese Flut an Ratgebern Eltern noch mehr verunsichert. Warum sollten sie dann auch noch Ihr Buch lesen?
Jeder kann sich Rat holen, wenn er ihn braucht. Schwierig finde ich, dass Coaches und Influencerinnen dabei oft eine sehr psychologische Sprache verwenden und so tun, als würden sie nicht eine Option von vielen, sondern verbriefte Wissenschaft verbreiten: Die Bindung zum Kind funktioniert so und so! Wenn du es jetzt schimpfst, wird das in 20 Jahren die Beziehungsfähigkeit deines Kindes ruinieren! Dieser absolute Anspruch und die Angst, die daraus entstehen, verunsichern Eltern. Ich wollte den Dschungel sichten und habe mich gefragt: Was weiß man einigermaßen gesichert und was nicht?
Ein Beispiel?
Die Befürchtung, wenn mein Kind nicht in meinem Familienbett schläft, findet es später schlechter Freunde. Das ist völlig übertrieben. Trotzdem steht das heute in Erziehungsratgebern.
Sie empfehlen, sich an aktuellen Studien oder Metaanalysen zu orientieren. Manche Eltern werden denken: Na toll, jetzt muss ich auch noch Metaanalysen lesen! Da höre ich doch lieber auf meinen Lieblings-Influencer.
Wenn man sich eine Waschmaschine kauft, wühlt man sich durch Tests und Erfahrungsberichte. Aber bei dem, was eine der wichtigsten Personen in Ihrem Leben angeht, vertraut man auf Menschen, die einfach sagen: Ich weiß das! Ich finde, es lohnt sich, sich eingehender mit den Themen zu beschäftigen. In der Entwicklungspsychologie werden ständig Thesen überprüft und weiterentwickelt. Und einige populäre Annahmen über Erziehung basieren auf sehr alten Studien, die man heute kaum mehr so durchführen würde. Man sollte sich zutrauen, einzuschätzen, wie gut die Studien überhaupt sind.
"Es gibt keinen Beweis dafür, dass sich das Schlaftraining auf das spätere Leben des Kindes auswirkt"
Tillmann Prüfer
Ein umstrittenes Thema unter Eltern ist das Ein- und Durchschlafen der Kinder: Die Diskussion dreht sich oft um das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" und die Ferber-Methode, die rät, das Kind schreien zu lassen, bis es sich selbst beruhigt. Was sagt die Wissenschaft dazu?
Es gibt keinen Beweis dafür, dass sich das Schlaftraining auf das spätere Leben des Kindes auswirkt. Die Ferber-Methode wurde in einer Zeit populär, als Kinder noch eher "funktionieren" sollten, also sich so verhalten, wie die Eltern das wollen. Erfahrungsberichte sagen, dass diese Methode klappen kann. Aber deswegen muss man sie nicht anwenden. Heute guckt man eher darauf, was fühlt das Kind dabei? Wie fühle ich mich damit?
Sie haben vier Töchter. Wie haben Sie die zum Schlafen gebracht?
Unsere Tochter Lotta hat tatsächlich Schlaftraining nach der Ferber-Methode gemacht und schlief irgendwann auch recht schnell ein. Wir waren erstaunt, wie gut das ging – aber gut angefühlt hat es sich nicht. Ein Kind später haben wir als Eltern anders darüber gedacht und nicht mehr geferbert. Soweit ich das einschätzen kann, hat keines der Kinder Schäden davongetragen. Sie sind alle bindungsfähig, selbstbewusst und schlafen gut. Manchmal zu gut.
Es gibt verschiedene Erziehungsstile, zum Beispiel autoritär (hohe Kontrolle bei geringer Wärme) oder permissiv (viel Wärme, aber kaum Lenkung). Wozu raten Sie?
Heute gilt die sogenannte autoritative Erziehung als Goldstandard, also eine, die zwischen der harten Führung und der weichen Nicht-Führung liegt. Aber keiner weiß, wo diese Mitte ist. Die Vorstellung, dass uns unsere Kinder terrorisieren, wenn wir sie nicht mit der harten Hand anfassen, ist in unseren Köpfen noch immer stark verankert. Autorität ist meiner Einschätzung nach sehr überbewertet. Wenn Sie Ihrem Kind wenig Wärme und Zärtlichkeit geben, aber die ganze Zeit strafen und unzugänglich sind, tut das dem Kind nicht gut. Im Zweifel ist es immer besser, es zu trösten, ihm Mut zu machen und es zu unterstützen. Statt Dominanz brauchen Kinder Führung und einen Rahmen. Strukturen und Verlässlichkeit sind gut.
Gibt es noch ein populäres Beispiel mit dünner wissenschaftlicher Grundlage?
Die bindungsbezogene Beziehung, also die Vorstellung, dass es eine ganz besondere Bindung – meist zwischen Mutter und Kind – gibt. Die Erfinder der Bindungstheorie dachten: Das muss bei Menschen ähnlich sein wie bei Enten und ihren Küken! Dass sich Kinder auf die Menschen prägen, mit denen sie früh viel zusammen sind, und man dann wie durch ein magisches Band verbunden ist. Dieses Band hat man aber nie gefunden. Man weiß nicht, wo das im Kopf sein soll. Es gibt auch keine Beweise, dass Kinder sich nur an eine Person binden können. In anderen Kulturen haben sie viel mehr familiäre Beziehungen als in der europäischen Kleinfamilie.
Ein ähnlich beliebtes Thema ist die bedürfnisorientierte Pädagogik. Gibt es Belege, dass sich diese vorteilhaft auf das Kind auswirkt?
Als der Kinderarzt William Sears diese Erziehungsmethode mit seiner Frau entworfen hat, war es sensationell, dass ein Mann sagt: Trag dein Kind, sei ihm zugewandt. Natürlich schadet es keinem Kind, wenn es viel herumgetragen wird. Es kann angenehm für Mama und Kind sein, wenn es lange gestillt wird oder man viel Zeit gemeinsam im Familienbett miteinander verbringt. Das ist aber nicht die einzige Art, wie man mit seinem Kind durchs Leben kommt.
"Wir starren zu sehr auf die ersten Jahre des Kindes"
Tillmann Prüfer
Das heißt, man kann gar nicht so viel falsch machen?
Doch! Aber wir starren zu sehr auf die ersten Jahre des Kindes, was uns unter Stress setzt, anstatt erst mal anzunehmen, dass wir viel richtig machen. Deswegen setzen wir falsche Akzente. Als Vater sollten Sie sich weniger fragen, wie Sie gerade auf Ihr Kind wirken, sondern eher: Wie viel Zeit verbringen wir eigentlich miteinander?
Überschätzen wir den elterlichen Einfluss auf den Charakter und Lebensweg unserer Kinder?
Davon auszugehen, dass das Kind quasi Produkt unserer Erziehung ist, ist eine fast narzisstische Selbsteinschätzung von Eltern. In den ersten Lebensjahren haben sie tatsächlich einen fast ausschließlichen Einfluss. Sobald das Kind in der Kita ist, merkt es, dass viele Sachen, die Papa und Mama sagen, da nicht gelten. Das ist einerseits bedrückend, weil man das Allermeiste tatsächlich nicht in der Hand hat. Aber es hat auch etwas Befreiendes, denn wir haben schon den ganzen Menschen vor uns, der ein Recht hat, seinen eigenen Weg zu gehen.
Auf der einen Seite machen sich Eltern viel Druck, alles richtigzumachen. Auf der anderen gibt es in den sozialen Medien eine gefühlte Überidentifikation mit der Rolle als Vater oder Mutter. Wie sehen Sie das?
Ich verstehe, wenn Eltern sich sehr mit ihrer Rolle identifizieren und stolz darauf sind. Aber es ist auch eine Hypothek fürs Kind. Denn wenn man seine Eltern dann nicht glücklich gemacht hat, weil man nicht das geworden ist, was sie sich vorgestellt haben, kann das belastend sein. Kinder sind nicht die Glücksbringer ihrer Eltern.
Sie schreiben: Ein Großteil dessen, was Kinder von uns lernen, lernen sie von uns als Vorbild, als Anschauungsobjekt. Was heißt das?
Wenn ich weiß, mein Vater hat für sein Leben gerne Gitarre gespielt, weil er da so Ruhe findet, habe ich ein Beispiel dafür, was glücklich machen kann. Kinder lernen viel mehr von uns, indem sie sehen, wie wir drauf sind und glücklich durch unser Leben kommen. Wenn wir unsere Träume und unsere Suche nach Zufriedenheit und Erfüllung aufgeben, versagen wir unserem Kind diese Anschauung.
Oft messen wir den Erziehungserfolg daran, was aus einem Kind geworden ist. Ist es nicht genauso wichtig, ob es eine tolle Kindheit hatte?
Ich finde das ein viel besseres Maß. Ob mein Kind gerade jetzt glücklich ist, ob es ein Problem mit Freunden hat, in der Schule oder mit mir – das sind Sachen, da kann ich direkt was tun. Wenn mein Kind sieht, es ist Papa nicht egal und er versucht, mich zu verstehen, ist das schon das halbe Geheimnis. Studien zeigen: Ob wir als Erwachsene glücklich sind in einer Beziehung, am Arbeitsplatz und mit Freunden, hängt nur zu einem geringen Teil von der Kindheit ab. Und wie es mir als Erwachsenem geht, kann ich selbst ändern, das können Papa und Mama nicht für mich regeln.
Aber Mama und Papa wollen doch, dass ihr Kind mal glücklich wird.
Die Vorstellung von Eltern, ob ihr Kind glücklich wird, hängt zu sehr am Beruf, Geld oder der sozialen Position. Ist ein Arzt, Anwalt oder Unternehmensberater per se glücklicher? Ist das überhaupt der geeignete Beruf für mein Kind? Da würde ich Eltern manchmal gerne in ihren Anwandlungen bremsen, das Kind durch Förderung zu pushen. Man verbaut sich damit die gemeinsame Zeit mit dem Kind, die knapp genug ist.
Also sollten Eltern lieber Zeit mit dem Kind verbringen, auch wenn das nicht karrierefördernd ist?
Wenn ich meine Kinder frage: Was wollt ihr heute machen? Dann sagen die: Ich will zu Hause rumhängen. Lass uns eine Serie gucken oder ein Computerspiel spielen. Und meist haben sie recht damit. Vieles andere, zu dem Eltern ihre Kinder drängen – oder fördern –, ist ein Investment in erhofftes späteres Glück. Aber das ist ein wirtschaftlicher Gedanke. Das ist kein Beziehungsgedanke. Meine zwölfjährige Tochter Juli wohnt noch bei uns. Wenn man die Erfahrungswerte nimmt, ist die Zeit, die wir im Leben face to face miteinander verbracht haben, schon zu 70 Prozent vorbei. Gerade Väter denken sich, sie haben noch wahnsinnig viel Zeit, später all diese tollen Sachen mit ihren Kindern zu machen. Nee, die Zeit ist jetzt und die sollte man so gut und einträchtig nutzen, wie es nur geht.
Tillmann Prüfer: Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen. dtv, 2026. 352 Seiten. 24 Euro.

