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Vor zwei Monaten ist unsere Tochter zur Welt gekommen. Eigentlich ein Anlass zur Freude! Also nicht nur eigentlich, wir sind ziemlich glücklich. Und obwohl das Leben mit zwei kleinen Kindern deutlich anstrengender ist, kommen wir ganz gut zurecht.
Bis jetzt.
Denn es scheint uns noch einiges bevorzustehen. Also zumindest, wenn ich auf die Kommentare aus meinem Umfeld höre. Ein Phänomen ist mir zuletzt immer wieder begegnet, wenn ich von der Geburt und den ersten Wochen berichte: die düstere Prophezeiung.
Egal, ob Kollegen, Nachbarn, Freunde oder Verwandte: Alle sagen neben den Glückwünschen irgendetwas, das mit "Das kommt schon noch!" endet. Oder mit: "Warte nur ab!", "Spätestens, wenn...".
Das ist mir schon häufiger aufgefallen, auch wenn es um meinen Sohn geht. Der war von Anfang an extrovertiert, hat fremde Leute angelächelt, sich von allen Verwandten und Bekannten klaglos herumtragen lassen und quatscht jetzt ständig Passanten an. Wenn wir irgendwo neu sind, geht er schon auf die Leute zu, während ich noch abwartend zögere. Andere Kinder fordert er unumwunden auf, mit ihnen zu spielen – ob er sie kennt oder nicht. Aber jedes Mal, wenn ich davon erzähle, sagen mir andere Eltern: "Warte nur ab! Bei uns war das auch so. Aber die Fremdelphase kommt noch!" Also warte ich gespannt darauf, während mein Sohn gerade den Straßenarbeiter fragt, wie er heißt, wo er wohnt, was er heute noch so macht und wo er jetzt hingeht.
Auch, wenn wir uns mit vielen Ärgernissen herumschlagen mussten, die das Elterndasein so mit sich bringt, hatten wir mit einer Sache wenig Probleme: durchschlafen. Beide Kinder zeigen bisher ein vorbildliches Schlafverhalten. Klar, ist mal jemand wach und schreit (vor allem das Baby). Und natürlich kommt mein Sohn irgendwann morgens in unser Bett gekrochen. Aber es bleibt wirklich im Rahmen. Die Horror-Storys, dass das Kind nie länger als 30 Minuten am Stück geschlafen hat oder stundenlang schreit, haben wir einfach nicht erlebt – also noch nicht, denn "das kommt schon noch!"
Okay. Puh. Jüngst ist das Lieblingsthema die Eifersucht. Ja, ich ging auch davon aus, dass mein Sohn erstmal nicht so begeistert sein wird, dass er die elterliche Aufmerksamkeit jetzt mit seiner Schwester teilen muss. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er mal gesagt hätte: Die soll wieder weg! Ich will die nicht haben!
Aber auch das ist – toi, toi, toi – zumindest in den ersten zwei Monaten komplett ausgeblieben. Schon die erste Begegnung der beiden war ziemlich herzerwärmend. Jeden Morgen fragt er nach dem Aufstehen nach seiner Schwester. Bei Videocalls mit Verwandten möchte er sie immer zeigen. Er streichelt sie, gibt ihr vorsichtig das Fläschchen und spricht sehr sanft zu ihr.
Ich wette, Sie denken jetzt: "Jaja, das kommt schon noch!!! Spätestens, wenn es um die Spielsachen geht!" Mag sein. Das haben uns zumindest viele Bekannte prophezeit. Aber wissen wir es? Vielleicht teilen die beiden ja gerne. Vielleicht spielen sie zusammen. Natürlich wird es mal Streit geben, ich bin nicht naiv. Aber es ist schon auffallend, wie oft negative Entwicklungen an die Wand gemalt werden.
Das ging teilweise so weit, dass ich schon mehrfach eindringlich vor den Tücken der Pubertät gewarnt wurde. Mein Sohn ist 3, meine Tochter nicht mal ein Vierteljahr alt. Ich hoffe, dass ich noch knapp zehn Jahre Zeit habe, um mich mental darauf einzustellen. Vielleicht geht es darum, die eigenen Erfahrungen während der Erziehung zu teilen. Vielleicht projiziert man auch nur seine Probleme auf andere. Vielleicht meinen es manche auch wirklich nur gut und wollen uns vor Schwierigkeiten warnen, die auf uns zukommen könnten.
Aber was mich daran stört ist, kaum jemand hat mal gesagt: "Das wird richtig schön, wenn die Kinder miteinander kuscheln! Freu dich auf die Zeit, wenn sie anfangen zu plappern oder selbständig zu spielen. Du wirst stolz sein, wenn dein Kind Basteleien für dich aus der Kita mitbringt oder erstmals komplexe Gedanken formuliert." Und wenn doch mal jemand so etwas Positives gesagt hat, dann stets mit dem Warnhinweis versehen: "Genieß es! Es geht so schnell vorbei und dann sind sie aus dem Haus!"

