Soll ich anrufen? Oder lieber nicht?
Die Kinder sind aus dem Haus und haben eine gute Zeit - die Eltern ein schlechtes Gewissen. Wie kommt das?
Catherine Falls Commercial/Getty Images
Väterzeit
Soll ich anrufen? Oder lieber nicht?
Wenn ich ein paar Tage ohne meine Kinder bin, vermisse ich sie schnell. Zugleich freue ich mich über die Freiheit. Und nun?
Lena Uphoff
19.02.2026
4Min

Unsere Kinder hatten von Freitag bis Dienstag schulfrei. Wir mussten arbeiten, die Kinder haben einen Kurzurlaub bei den Großeltern gemacht. Sie fahren gern dorthin – das war schon so, als sie noch ganz klein waren. Trotzdem haben wir Eltern ein schlechtes Gewissen. Schieben wir sie ab? Sind wir egoistisch? Wir wissen, dass das nicht stimmt, aber das Gefühl wird man so schnell nicht los.

Als ich die Kinder gestern wieder abgeholt habe und auf dem Weg mit meiner Mutter telefonierte, sagte ich ihr, dass ich sehr große Sehnsucht habe. Sie antwortet recht abgeklärt: "Das ist bei dir doch immer so." Hm, ja, stimmt. Solche Trennungsphasen von den Kindern funktionieren eigentlich immer nach demselben Muster. Am ersten Tag sind alle fröhlich. Die Kinder freuen sich, dass sie die Großeltern sehen und Tage voller Liebe und ungeteilter Aufmerksamkeit vor sich haben. Wir Eltern freuen uns, dass wir in Ruhe arbeiten können und Zeit füreinander haben.

Am Abend des ersten Tages sagt entweder meine Frau oder ich: "Es ist irgendwie so still hier." Der oder die andere sagt: "Sollen wir mal die Kinder anrufen? Haben die sich gemeldet?" Nein, haben sie nicht. Sie sind mit was anderem beschäftigt, und genau das wollen wir ja auch. Gib den Kindern Wurzeln und Flügel, ja ja. Aber wenn sie fliegen, was dann? Gut, soweit ist es noch lange nicht. Es geht ja hier nicht darum, dass sie zum Studieren ausziehen, sondern dass sie für ein paar Tage zu den Großeltern fahren. Und das auch noch, weil wir das so organisiert haben.

Und trotzdem bin ich ein bisschen traurig, wenn sie uns so gar nicht vermissen. Es juckt mich in der Hand und ich überlege, ob ich nicht wenigstens eine Whats-App-Nachricht schicken kann. "Wie geht es euch? Was macht ihr so? Vermisse euch." Aber nein! Keine gute Idee! Sonst denken sie noch, sie müssen mich auch vermissen. Also zwinge ich mich, das schön sein zu lassen.

Im stillen, leeren Zuhause kochen sich die Eltern also etwas, was die Kinder niemals essen würden: Leber mit Zwiebeln oder so. Nach dem Aufräumen dann aber wieder: "Was machen wir jetzt? Es ist noch so früh. Wir haben gar nichts zu tun." Naja, uns fällt dann schon ganz viel ein.

Arbeiten kann man immer, Wäsche waschen auch. Im Kino waren wir lange nicht. Länger schlafen am nächsten Morgen tut auch gut. Dieses Wochenende aber musste ich beruflich nach Hamburg. Die Kinder blieben bei den Großeltern, und meine Frau kam mit. Fast 600 Kilometer lagen dann also zwischen uns und den Kindern. Und was ist, wenn sie uns brauchen? Tun sie nicht, haben sie eben per Whats-App mitgeteilt: "Uns geht’s gut!" stand da.

Dann, am Freitagabend, nach ungefähr 40 Stunden der Trennung klingelt mein Telefon. Der mittlere Sohn ruft an. Ich sitze aber gerade im Theater. Mein Impuls ist: aufstehen und rangehen. Aber ich sitze im Parkett in der fünften Reihe in der Mitte. Das geht nicht, wäre zu unhöflich. Also schreibe ich ihm. Er schreibt zurück, dass ich ruhig auch nachher anrufen kann. Okay, war wohl nicht so wichtig.

Nach dem Theater telefonieren wir. Aber es ist laut, wir sind auf einer Party, ich möchte mit vielen Menschen reden. Also sagen wir schnell wieder Tschüss. Am nächsten Morgen beim Frühstück dann: "Wie es wohl den Kindern geht?" Und: "Sollen wir sie mal anrufen?" "Wir stören sie vielleicht nur."

Wir rufen trotzdem an. Sie sind beschäftigt. Rufen ins Telefon, dass sie jetzt gleich auf den Faschingsumzug gehen und keine Zeit haben. Alles gut, sie haben Spaß. Aber da: Der eine Sohn sagt, er hat ein bisschen Halsweh. Nach dem Telefonat kann ich die Gedanken nicht verscheuchen: Ohnein, nicht dass er jetzt richtig krank wird. Sollten wir ihm nicht einen Tee kochen, statt hier in Hamburg zu sein? Dass wir Menschen immer so ambivalent sein müssen – es ist zum, ja, was denn eigentlich? Zum Lachen vielleicht.

Als wir am Sonntagabend wieder zuhause sind, rufe ich die Kinder an und frage, ob ich sie nicht schon morgen, am Montag, abholen soll und nicht wie geplant erst am Dienstag. "Nein!" sagen alle drei. Nachmittags gegen 18 Uhr als sich mein Kopf dreht und ich nicht mehr arbeiten will, überlege ich, was ich machen könnte. Einkaufen? Müssen wir eigentlich nicht. Kochen? Noch zu früh. Lesen? Habe ich schon tagsüber beim Arbeiten so viel gemacht. Netflix schauen? Bist du verrückt! Es ist erst 18 Uhr. Aber das macht doch nichts. Es ist doch gerade nichts anderes zu tun.

Ich rufe die Kinder an. Sie sind mit ihrem Opa gerade beim Billardspielen und sagen, ich soll bitte morgen nicht zu früh kommen.

Als ich am nächsten Tag im Auto bin und laut Navi noch eine halbe Stunde brauche, um bei ihnen zu sein, rufe ich an. Sie freuen sich zwar, dass ich gleich da bin. Der Sohn sagt jedoch: "Kannst du noch ein paar Runde um den Block fahren, wir wollen noch Badminton spielen."

Zum Glück haben sie sich dann doch sehr gefreut, als ich da war. Sie sind mir sogar um den Hals gefallen. Und abends, wieder bei uns zuhause, fragen zwei der Kinder, ob sie diese Nacht nicht bei uns um Zimmer schlafen dürften. Aber dann ist es doch so eng im Bett.

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Kolumne

Michael Güthlein
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Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: ein (2) und drei Kinder (11, 10, 6). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.