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Wolgast ist eine schöne kleine Stadt. Kopfsteinpflastergassen, die sich rund um den Marktplatz gruppieren, eine Backsteinkirche mit rundem Turm aus dem 13. Jahrhundert. Kirche und Marktplatz liegen leicht erhöht. Durch die Straßenschluchten kann man hier und da bis auf die Peene und ihre Wiesen hinunterschauen.
Aber viele Läden stehen leer. Auf den Straßen trifft man kaum jemanden Die Kulisse wirkt leblos. Ein Schuhladen, eine tapfer geöffnete Buchhandlung, eine Bäckerei. Das Traditionscafé: geschlossen. Drogerie: Fehlanzeige. Kunsthandwerk: nur vor Weihnachten und Ostern.
Klar, die Ladenflächen in den jahrhundertealten Häusern sind klein, und im Westen der Stadt ist ein großes Gewerbegebiet entstanden mit Parkplätzen vor endlos langen Fassaden von Bekleidungs- und Möbelgeschäften, Drogeriemarkt und Discounter. So ist es in vielen Städten in Mecklenburg-Vorpommern. Wie Wolgast geht es ein paar Kilometer weiter auch Anklam oder Demmin. Eine Abwärtsspirale aus Abwanderung, Niedergang der Werft. Geschäftsaufgaben, die die Attraktivität der Stadt weiter schmälern. Aber so ganz erklären kann ich mir die Leblosigkeit trotzdem nicht.
Denn jedes Jahr machen über eine Million Menschen Urlaub auf Usedom, das nur einen Steinwurf entfernt liegt, am anderen Ufer der Peene. Eine der beiden Zufahrten auf die Insel führt durch die Stadt. Obwohl so viele Touristen durch Wolgast kommen, trotz der einmaligen Kulisse, fahren die Urlauber bei Regen lieber weiter nach Greifswald.
Irgendwas an der Kluft zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, rührt mich jedes Mal an, wenn ich in die Stadt komme. Als würde hinter der Stille und den leeren Straßen eine andere, lebendigere Zukunft schlafen und nur auf den Moment warten, da ihre Zeit gekommen ist.
Vielleicht mag ich darum auch die Pension von Anja Müller in der Schusterstraße so gern. Die ist lebendig und schon mal ein Anfang dessen, was die Stadt auch sein könnte. Anja Müller nennt, was sie dort eingerichtet hat, "Gäste-WG". Ich finde, das altmodische Wort "Herberge" trifft es besser. Morgens stehen die Gäste ihrer drei Zimmer in der Küche und sprechen ab, wer die Brötchen in der Bäckerei nebenan kaufen geht und wer Kaffee kocht. "So reise ich selber gerne", sagt Anja Müller. Die Herberge ist für Leute, die kein großes Reisebudget haben. Denen Komfort nicht so wichtig ist, Begegnung umso wichtiger.
"Alles, was es so nicht in der Stadt gibt, hole ich mir auf diese Weise ins Haus", sagt sie. So entstehen zwischen den Menschen, die hier unterkommen, Kontakte und manchmal sogar Freundschaften. Motorradfahrer aus Schweden, junge Männer aus Dänemark, eine Engländerin. Eine junge Russin, eine Belarussin und eine Österreicherin, die alle allein unterwegs waren, saßen jeden Abend zusammen in der Küche.
Anja Müller arbeitet als Korbflechterin im Nachbarhaus. Sie ist 54 und lebt seit zehn Jahren in der Stadt. Eigentlich kommt sie aus Sachsen. "Wolgast ist wunderschön, könnte aber noch viel schöner sein. Kennen Sie diese kleinen dänischen Städte an der Ostsee? Wo überall Rosen an den Fassaden blühen? Als ich hierherzog, dachte ich: Das mache ich auch." Ihr wurden dann mehrere Male die Blumentöpfe vor der Haustür geklaut. Man unterhält sich in Wolgast nicht so unkompliziert, und obwohl viele Einwohner auch vom Tourismus abhängig sind, sei die Atmosphäre nicht immer offenherzig.
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Nachdem sie das Haus gekauft hatte, entdeckte Anja Müller überall noch Spuren des Vorbesitzers, der bis zu seinem Tod Anfang 2020 hier mit seiner Frau gelebt hatte. Roland Spiegel war einer der bedeutendsten Maler der Stadt, in ihrer Herberge hängen jetzt seine Bilder. Auch andere Zeugnisse aus seinem langen Künstlerleben hat Anja Müller in die Einrichtung integriert: Aquarelle, Gedichtbände, Postkarten. Es gibt eine wandfüllende Schautafel "Die Wirtschaft der Erde II", VEB Hermann Haack, Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha/Leipzig. In einem der Zimmer steht eine Gitarre, die Wand hat sie mit alten Notenblättern tapeziert.
"Ich hatte das Gefühl, die früheren Bewohner dadurch auf eine Art zu würdigen, ihnen einen Platz zu geben. Sie sind als junge Leute in den 50er Jahren eingezogen, haben ihre Kinder hier bekommen und ihr ganzes Leben in diesem Haus verbracht", sagt sie.
"Kleines Atelier" heißt das beliebteste Zimmer. Aus dem Fenster sieht man den in der Sonne glitzernden Peenestrom, dahinter Usedom. Auf dem Schreibtisch stehen Farben und Papier. Es gibt auch eine uralte russische Reise-Staffelei mit Stativfüßen, die alle nutzen können. "Einer meiner Gäste kommt immer wieder und zieht mit dem schweren Ding los", sagt Anja Müller.
Sie sitzt nicht oft mit ihren Gästen in der Küche, dazu hat sie nicht wirklich die Ruhe. "Aber zu wissen, dass ich einen Ort schaffe, der diese Art von Begegnung möglich macht, reicht mir schon. Das macht ein lebendiges Umfeld, wie ich es brauche. Wenn ich höre, wie in der Küche geredet und gelacht wird, freue ich mich."
Diese Wolgaster Herberge ist eine kleine Kostbarkeit mit knarrenden Treppenstufen. Das Haus lässt alte Träume weiterleben. Erzählt von Scheitern und Gelingen, von Kunst und Vergänglichkeit. Es schließt die Vergangenheit nicht aus, sondern integriert sie in etwas, das vielleicht eine Zukunft sein könnte. Auch für die Stadt.


