Spielszene aus dem Theaterprojekt Rewe Royal
Das Theaterkollektiv "Wir vier" inszeniert das Stück "REWE Royal"
Gunnar Schwanz
Jugendtheater
Hört uns endlich zu!
In Anklam hängen Jugendliche auf einem Parkplatz vor dem Rewe-Markt ab. Oft gibt's Stress. In einer Theaterperformance können sie jetzt ihre Sicht ausdrücken und den Platz fiktiv umgestalten. Das hat große Wirkung
Anke LübbertPR
01.04.2026
4Min

Der Rap wirkt noch ein bisschen hölzern, zwei Mädchen wippen kaum wahrnehmbar mit den Knien, ein Junge hängt auf dem Boden ab. Lionel Tomm und Paula Jütting vom Theaterkollektiv "wirvier" sitzen am Keyboard und feuern sie an. "Ihr müsst euch feiern. Wenn ihr euch auf der Bühne feiert, feiern die Leute euch auch!", ruft Lionel.

Donnerstagvormittag, noch zwei Tage bis zur Premiere. Das Theaterkollektiv "Wirvier" inszeniert in einer Projektwoche an der Schillerschule in Anklam mit fünfzig Jugendlichen das Stück "REWE Royal".

In dem Stück geht es um den echten Rewe-Parkplatz in Anklam. Dort treffen sich regelmäßig Jugendliche, um abzuhängen. Was machen sie da? "Trinken und Leute treffen", sagt Lilli, 15 Jahre alt, 9. Klasse. Manchmal ist sie auch dabei. Aber jetzt steht sie im Probenraum vom Theater in Anklam und spielt ein paar Szenen von den Parkplatztreffen nach.

Das Theaterstück soll die echten Erfahrungen spiegeln. Denn wenn sich die Jugendlichen auf dem Parkplatz treffen, gibt's regelmäßig Stress. Mit den Leuten, die zum Einkaufen kommen. Mit den Rewe-Mitarbeitenden. Es geht um den Müll, den die Jugendlichen hinterlassen. Um die Lautstärke. Um den Alkohol, den sie trinken. Immer wieder werden sie weggeschickt und immer wieder gibt es Streit zwischen den unterschiedlichen Gruppen.

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Im Stück, in der Theaterperformance, spielen sie all das nach. Aber im Stück geschieht ein kleines Wunder: Ihnen wird der Platz und der Supermarkt "geschenkt." Die Jugendlichen sollen nun zeigen, was sie mit dem Platz machen würden - wenn sie ihn frei gestalten könnten. "Gut wäre ein Dach über dem Kopf", sagt zum Beispiel Linus, 16 Jahre alt, 10. Klasse. Damit man da feiern kann, wenn es regnet. Damit das Leben "normal" wird. Im Stück singen sie: "In meiner City wird das Leben normal, wirf die Zweifel in den Peene-Kanal."

Bei den Proben in den Räumen des Anklamer Theaters kann man beobachten, was passiert, wenn man Jugendliche aus ihren Klassenverbänden holt, ihnen auf Augenhöhe begegnet und ihnen Ausdrucksmöglichkeiten gibt: Sie wachsen über sich selbst hinaus. Sie sind witzig. Und klug. Sie reden mal nicht nur mit den gleichen Leuten. Sie können plötzlich singen, tanzen und rappen. Paula Jütting von "wirvier" will, dass "jeder hier seinen Moment hat und auch mal glänzen kann." Dafür locken sie und Lionel Tomm die Schüler aus ihrer Komfortzone.

Vivien zum Beispiel, 17 Jahre alt, 10. Klasse, soll im Stück einen Streit zwischen zwei Gruppen Jugendlicher schlichten. Sie ruft: "Stopp, Leute, kommt runter!" Es ist nur ein Satz, ganz kurz. Aber den sagt sie mit lauter Stimme, ganz aufrecht. Für einen Moment sind alle Augen auf ihr. "Hammer, Vivien, das war mega!", sagt Lionel Tomm. Und Vivien, später: "Ich habe gelernt, etwas mit Betonung zu sagen. Mit Präsenz. Das konnte ich vorher nicht." Sie spielt mit, obwohl sie im echten Leben gar nicht auf dem Parkplatz zu finden ist. Denn natürlich gehen nicht alle Jugendliche in Anklam dorthin.

Als ich die Proben besuchte, dachte ich an meine eigene Jugendzeit. Ich wuchs in einem Ort nördlich von Hamburg auf, und als wir in der 7. Klasse waren, trafen sich die angesagten Cliquen jeden Freitagabend an einem in Beton eingefassten Zulauf der Alster, die hier mehr Rinnsal als Fluss ist. Ein dunkler Ort im Moor, wo der Alkohol in Taschen und Rucksäcken hingeschafft werden musste. Das fand ich gruselig, traute mich da nie hin - genau wie Vivian jetzt. Aber das ist nicht relevant. Es geht darum, was Jugendliche brauchen. Im Alltag. Wer wo sein darf. Darum, öffentliche Orte für sich zu reklamieren. Um Rebellion.

Mitte März hat die Robert Bosch Stiftung das aktuelle Schulbarometer veröffentlicht. Ein Viertel aller Jugendlichen zwischen 8 und 17 fühlt sich psychisch belastet, ein Drittel wird regelmäßig gemobbt und die meisten Jugendlichen wünschen sich mehr Mitbestimmung in der Schule.

Linus und Lilli sagen, dass sie an der Theaterwoche besonders mögen, dass sie mitbestimmen können. Dass die Theaterleute sie verstehen und auf ihre Ideen eingehen. Dass sie das Stück mitentwickeln.

Zumindest auf der Bühne haben sie für einen Augenblick echte Gestaltungsmöglichkeiten. Das inhaltliche Skript von "REWE Royal" können sie gestalten. Und auch bei den Proben mitbestimmen.

Paula Jütting sagt, dass sie die Jugendlichen in Anklam sehr motiviert erlebe. "Die wollen das wirklich." Wichtig sei, die jungen Menschen ernst zu nehmen, ihre Bedürfnisse zu hören, ihnen im besten Sinne des Wortes zuzuhören.

Auch Michael Galanter, parteiloser Bürgermeister von Anklam, hat die Proben besucht. Es ist Wahlkampf, im April will er wiedergewählt werden, Gegenkandidat ist Jörg Valentin von der AfD. Direkt versprochen hat Galander es nicht, aber er hat es in den Raum gestellt: In der Stadtmitte steht das "Center", ein leerstehendes Einkaufszentrum. Vielleicht könnten die Jugendlichen dort einen Raum übernehmen? Center Deluxe statt REWE Royal?

Am Ende des Stücks stehen alle Jugendlichen zusammen für eine Einkaufskorb-Performance zu Miley Cyrus' "Wrackingball" auf der Bühne. Das letzte Bild vor dem Schlussapplaus: 50 Jugendliche, die dem Publikum ihren leeren Korb hinhalten. Wir sollten sie füllen, diese Körbe. Nicht nur mit Dingen, die man kaufen kann.

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Kolumne

Christian Kurzke

Christian Kurzke stammt aus Ostdeutschland und arbeitet heute bei der Evangelischen Akademie in Dresden. Anke Lübbert wurde in Hamburg geboren, , lebt jedoch seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Greifswald. Beide schreiben sie im Wechsel über Politik und Gesellschaft aus ihrer Sicht.