Weil Besitz in der Regel an die Söhne weiter vererbt wurde, ist in historischen Dokumenten oft nur die männliche Linie einer Familie festgehalten
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Genealogie
Wer sind meine Wurzeln?
Ahnenforschung hat Tradition bei den Mormonen. Ihre Rechercheplattform Family Search kann aber jedermann nutzen - weltweit kostenlos
Privat
04.04.2026
13Min

Die Ahnenforschung, auch Genealogie genannt, hat eine lange, nicht immer schöne Geschichte. Schon in den alten Hochkulturen in Mesopotamien und China war es für Herrscher und Helden entscheidend, dass sie sich auf eine lange und prominente Abstammung berufen konnten – in männlicher Linie. Die Fixierung auf die männliche Nachkommenschaft, auch Patrilinearität genannt, koppelte die Vererbung von Besitz, Privilegien und Ämtern an die männliche Generationenfolge und war damit eine der Grundlagen für das Patriarchat. Je mehr es zu vererben gab, desto wichtiger wurde dieser Herkunftsnachweis – daher war und ist es besonders adeligen Familien seit Jahrtausenden wichtig, wer von wem in männlicher Linie abstammt.

Dass man die Vaterschaft nicht nachweisen konnte, hatte den Vorteil, dass Herrscherdynastien sich unwiderlegbar auf mythologische Ahnenreihen begründen konnten – allerdings auch den Nachteil, dass anders als die mütterliche die väterliche Abstammung und damit der Anspruch auf Titel und Rechte nie zweifelsfrei war. Frauen wurden daher einer rigiden Kontrolle unterworfen und in ihren Freiheiten stark eingeschränkt. Die Frau zog nach der Hochzeit zum Ehemann, sozialer Status und mögliches Eigentum gingen auf ihn über. Die Stellung der Frau hing davon ab, wie viele Söhne sie zeugte; Töchter wurden benachteiligt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gründeten sich erste genealogische Vereine im deutschsprachigen Raum. Immer mehr Menschen forschten nach ihren Ahnen, nicht mehr nur der Adel und reiche Bürgerfamilien. Um das Jahr 1900 spaltete sich die Genealogie in zwei Lager: Die einen verstanden sie historisch und soziologisch, andere orientierten sich an einer naturwissenschaftlichen Vererbungslehre. Letztere bildete auch die Basis für die Rassenideologie, der während der NS-Herrschaft Millionen Juden, Roma und Sinti, Menschen "schwarzer" Hautfarbe, aber auch Kranke und Behinderte zum Opfer fielen. Das führte dazu, dass viele Deutsche der Ahnenforschung nach 1945 mit großer Skepsis begegneten. In den USA, Frankreich, den Niederlanden, Schweden und Großbritannien entwickelte sie sich zu einem weitverbreiteten Hobby und schwappte so auch wieder nach Deutschland.

Wer sich für die eigene Familiengeschichte interessiert und daher Ahnenforschung betreiben will, sollte sich bewusst machen, dass er aufgrund der Quellenlage und jahrhundertelanger Patrilinearität vor allem Auskünfte über die männliche Linie seiner Abstammung bekommen wird – was bei den Eltern die Hälfte, bei den Großeltern noch ein Viertel und schon bei den Urgroßeltern nur noch ein Achtel der Ahnenreihe ausmacht.

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Infobox

Mormonen

Der Bauernsohn Joseph Smith gründete 1830 in den USA die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Sie versteht sich selbst als christlich, wird von den christlichen Kirchen allerdings nicht als christliche Konfession anerkannt, sondern als "synkretistische Neureligion amerikanischer Prägung" eingeordnet.

Ein Engel soll Smith 1827 das Versteck jahrhundertealter goldener Platten in einem Hügel im Staat New York gezeigt haben, die Smith aus einem "reformierten Ägyptisch" ins Englische übersetzt und einem Freund diktiert haben will. So entstand das "Buch Mormon". Es präsentiert sich als Chronik über einen Zeitraum von 600 vor Christi Geburt bis rund 400 nachher und entwirft eine Ergänzung und Fortschreibung der biblischen Geschichte in Amerika. Im Jahr 1847 gründete Smiths Nachfolger im US-Bundesstaat Utah die Stadt Salt Lake City, wo sich bis heute auch der Hauptsitz der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage befindet.

Aufgrund zahlreicher Spaltungen gibt es heute etwa 70 verschiedene mormonische Gemeinschaften, die Heiligen der Letzten Tage sind mit weltweit mehr als 17 Millionen Mitgliedern die größte Gruppe. In Europa sind es über eine halbe Million, in Deutschland um die 40.000 Mitglieder.

Mormonen sind sehr wertkonservativ. Sie trinken keinen Kaffee, Tee oder Alkohol, rauchen nicht und haben keinen Sex vor der Ehe. Für Männer ist es eine religiöse Pflicht, eine Familie zu gründen.

Die Mormonen sorgten bis 1890 mit ihrer – im Wesentlichen auf Männer beschränkten – Vielehe für Ärger in den USA. Heute leben nur noch mormonische Splittergruppen polygam. Smith sah in der dunklen Hautfarbe der amerikanischen Ureinwohner eine Gottesstrafe. Schwarze wurden zudem bis 1978 vom Priesteramt ausgeschlossen.

Bestimmte Rituale der Kirche finden in einem der weltweit 170 nicht öffentlich zugänglichen Tempel statt. Es geht dabei unter anderem um sogenannte Siegelungen, mit denen Eltern und Kinder sowie Eheleute auf ewig miteinander verbunden werden können.

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