Bundeswehr
"Wer trotzt dem Tod, wenn nicht die Sanitäter?"
In einem Feldlazarett versorgen Sanitäter Verwundete. Mittendrin kümmert sich Militärpfarrer Christopher Schuller um Patienten und Retterinnen. Eine Übung, bei der es dramatisch wird
Schuller mit Soldaten beim Feldgottesdienst am Volkstrauertag
Militärpfarrer Christopher Schuller mit Soldaten beim Gottesdienst am Volkstrauertag
Verena Brüning
01.04.2026
12Min

Es ist ein müder Morgen Mitte November, Soldatinnen und Soldaten stehen um eine Feuertonne und halten sich an einer Tasse Kaffee fest. Keiner hat mehr als vier Stunden geschlafen. Im Bahnhofsgebäude hinter ihnen war bis gestern ein Feldlazarett aufgebaut: mit Notaufnahme, OP-Saal und Intensivstation. Dann kam die Meldung, dass die gegnerischen Truppen aus dem Land "Wislanien" auf die Nato-Kräfte vorrücken. Das Lazarett muss zurückverlegt, alles wieder in Kisten verpackt werden.

Wislanien ist ein alter Bekannter der Bundeswehr – auch in dieser Sanitätsübung "Cobald Grizzly 2025". Um die Versorgung von Verwundeten in Feldlazaretten zu proben, sind 260 Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsregiments 1, Führungsbereich Berlin, für zehn Tage auf einen Truppenübungsplatz in die Oberlausitz gekommen.

Der russische Angriff auf die Ukraine seit 2022 hat den Schwerpunkt grundlegend verändert. Während er vorher auf Missionen im Ausland lag, werden nun vor allem Landes- und Bündnisverteidigungsszenarien geübt.

"Guck mal, jetzt kommt Gottes Segen raus!"

Meist sind die Gegner – wie hier Wislanien – fiktiv. In manchen Übungen wird Russland aber auch klar benannt. Dass Russland bald ein Nato-Land angreift, gilt derzeit als unwahrscheinlich – aber kann eben auch nicht ganz ausgeschlossen werden. Dass Russland die Nato testet, dafür gibt es viele Beispiele wie Drohnenüberflüge, Sabotage, die russische Schattenflotte in der Ostsee, Cyberangriffe.

Würde Russland tatsächlich ein Nato-Land angreifen, käme Deutschland die Rolle einer logistischen Drehscheibe zu und die Bundeswehr würde Truppen entsenden, um die Ostflanke zu unterstützen. Noch setzt sie darauf, den Frieden durch glaubhafte Abschreckung erhalten zu können. Im Falle eines Angriffs von Russland auf die Nato-Länder wird mit bis zu 1000 Verletzten gerechnet – pro Tag.

Von der Front in die Rettungsstation, dann mit dem Krankenkraftwagen ins Feldlazarett: Dort wird der schwer verletzten Puppe im OP Saal ein Bein amputiert

Das Kernstück von "Cobald Grizzly" steht noch bevor: 48 Stunden am Stück üben. Vorher aber lädt der evangelische Militärpfarrer Christopher Schuller zum Feldgottesdienst. Schuller ist ein Teil des Szenarios. Er soll üben, wie er Sanitäter, Ärztinnen und Patienten moralisch unterstützen kann, Sterbenden Beistand leisten – und den Toten eine würdige Andacht halten.

Etwa 30 Männer und Frauen kommen auf das Feld, auf dem Schuller ein Kreuz aus Kiefernästen in den sandigen Boden gesteckt hat. Vom einfachen Soldaten bis zum Oberfeldarzt stellen sich alle in Reihe auf und blicken Richtung aufgehende Sonne, die schwach durch die Wolken leuchtet. Heute ist Volkstrauertag. Manche gedenken der Opfer von Gewalt und Krieg in aller Welt mit Maschinenpistole am Körper. Als sich die Sonne gegen die Wolken durchsetzt, sagt ein Soldat: "Guck mal, jetzt kommt Gottes Segen raus!" Seine Kameraden lächeln.

Nicht jeder steht der Kirche nah. Viele kommen auch, weil sie Schuller mögen und seine Worte ihnen guttun. Die meisten kennen ihn aus dem Bundeswehrkrankenhaus Berlin, andere von der Nato-Übung "Quadriga 2024" in Litauen. Hannes, ein junger Sanitäter, sagt über ihn: "Mein Fels in der Brandung. Wenn alle eine Fresse ziehen, lächelt der trotzdem."

"Der Volkstrauertag ist kein unkomplizierter Gedenktag", sagt Schuller. "Wir kämpfen gegen unsere Sterblichkeit, und viele haben den Wunsch, etwas Großes in die Welt zu setzen, das uns überlebt." In Deutschland hat das viele Täter und Opfer hervorgebracht, Mörder, aber auch Lebensretter. Gerade im Krieg sei es wichtig, auf der Menschlichkeit zu beharren. "Wer trotzt dem Tode, wenn nicht die Sanitäter?", fragt Schuller. "Wir haben die Macht und die Freiheit, den Menschen zuerst zu sehen." Und das ungeachtet dessen, ob es sich um einen Feind handele oder nicht. "Unser Dienst ist ein Stück weit ein Ringen mit Gott, mit unserer Endlichkeit. Ringt mit Gott um die Menschen, die Euch anvertraut sind."

Christopher Schuller hat selbst schon um viele Schicksale gerungen. "Als Jurist habe ich viel mit Menschenrechten zu tun gehabt, aber zu wenig mit Menschen", sagt er. Mit 30 fing er an, Theologie zu studieren, und als Russland die Ukraine angriff, ließ er sich zum Rettungssanitäter ausbilden. Seit Anfang 2024 ist er Militärpfarrer beim Sanitätsregiment 1 in Berlin. Durch den Krieg in unmittelbarer Nähe hat sich Schullers Blick auf die Bundeswehr verändert. "Den Kopf in den Sand zu stecken, macht die Katastrophe nicht unwahrscheinlicher", sagt er. Das Beharren auf der Menschlichkeit, auch in wirklich schlimmen Situationen, verbindet ihn als Seelsorger besonders mit den "Sanis". Und er ist gern Seite an Seite mit seiner Gemeinde.

"Einmal hat ein Notfallsanitäter eine Reanimation als Armdrücken mit dem lieben Gott bezeichnet." Der Vergleich gefällt ihm - ein Moment, der deutlich macht, dass das Leben am seidenen Faden hängt. "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", zitiert Schuller den 90. Psalm. "Gott schenkt das Leben, doch auch unsere Sterblichkeit ist etwas Gottgegebenes", sagt er. Das Leben liege nicht ausschließlich in unserer Hand.

"Sie können sich gar nicht vorstellen, was für Bilder das waren!"

Soldat

Nach dem Feldgottesdienst wird das in Kisten verpackte Feldlazarett zehn Kilometer weiter verlegt, im Ernstfall wäre es jetzt gut 40 Kilometer hinter der Front. Statt Sanitätszelte aufzublasen, nutzt man ein ausgedientes Unteroffiziersheim. Die "Role 2 Bravo", so nennt man das Lazarett, soll um 21 Uhr einsatzbereit sein. Generatoren werden zum Laufen gebracht, Warmluftschläuche durch Fenster gereicht. Es läuft "Riders on the Storm" von The Doors.

Beruhigen und Sicherheit geben: Schuller kümmert sich
im Übungsszenario um einen panischen Krankentransportfahrer

Während die Sanitäter drinnen Schockraum, Intensivstation und OP-Saal für die leicht bis lebensbedrohlich verletzten Patienten aufbauen, sucht Pfarrer Schuller in Nebengebäuden nach Orten für die Palliativpatienten und die Verstorbenen. Bei einem Massenanfall von Verwundeten sollen sie gar nicht erst mit jenen in Berührung kommen, denen man noch helfen kann. Verständlich, aus logistischer Sicht und um Panik zu vermeiden. Und doch sind es Kategorien, in denen man nicht einmal denken möchte: Triage, wann wird welchem Menschen geholfen – und ob. Gibt’s auch in zivilen Krankenhäusern.

Lesen Sie hier: Wie Seelsorge bei traumatischen Erfahrungen helfen kann

Gleich zu Beginn der Übung wird Schuller zum Einsatz in den Gefechtsstand gerufen, einem Zelt mit vielen Monitoren, in dem sich der Kommandeur mit seinem Stab aufhält. Neben dem Eingang sitzt ein junger Soldat und schaut sich hektisch um – ein sogenannter Soldat in darstellender Funktion. Als der Pfarrer sich zu ihm setzt, herrscht der Soldat ihn an: "Lassen Sie mich in Ruhe, Sie können sich gar nicht vorstellen, was für Bilder das waren!"

Schuller antwortet ruhig: "Nein, das kann ich nicht." Er fragt ihn, wie alt er ist und wo er seine Grundausbildung gemacht hat. Der Soldat, ein Krankentransportfahrer, antwortet, dann übernehmen wieder die Bilder in seinem Kopf. Schuller fragt weiter. "Was sehen Sie?" – "Ich sehe ein Schild, Spandau, da sind wir stationiert." – "Gut, was sehen Sie noch?"

Eine Panikattacke

Immer wieder holen den Soldaten die Erlebnisse an der Front ein. Immer wieder holt Schuller ihn durch Fragen zurück in den Gefechtsstand, sagt ihm, dass er hier sicher sei. Damit er zur Ruhe kommt, gibt er ihm eine Aufgabe: Er soll ein Trinkpäckchen halten. Dann macht er Atemübungen mit ihm. "Es ist absolut in Ordnung, Angst zu haben. Ich habe auch Angst. Unser Auftrag ist, es trotzdem zu tun", sagt Schuller. Der Soldat wird ruhiger. Bevor er wieder seinen Posten einnehmen könne, solle er aber erst mal schlafen, sagt Schuller.

Oberfeldärztin Melanie (mittig) und Unteroffizier Hannes (rechts) sind froh, dass ein Seelsorger ihre Arbeit begleitet

Im Auto sagt Schuller: "Eine Panikattacke." Ob sich daraus ein langfristiges Trauma ergibt, hänge auch davon ab, ob sich der Mensch in so einer Situation noch als jemand begreift, der eigene Handlungsmöglichkeiten hat. "Schlecht wäre es, wenn er die Situation als eine Art Wetterlage sieht, die er nicht beeinflussen kann." Dann könne auch aus einem vergleichsweise glimpflichen Anlass ein Trauma entstehen.

Unterdessen werden die Ärztinnen zu einem Einsatz ins Feldlazarett "2 Foxtrott" gerufen, das nahe der Front liegt. Im größeren Lazarett, der "Role 2 Bravo", ist es ruhig. Schuller liegt auf einer Pritsche der Notaufnahme, die Augen geschlossen.

Im Kuchenhinterhalt

Die meisten schlafen. Um kurz nach Mitternacht weckt Zugführer Sven den Pfarrer. "Fünf Minuten?", fragt Schuller wie benommen. Er braucht länger. Auf dem Weg ins andere Lazarett fragt der Fahrer: "Haben Sie die Parole im Kopf?" Ohne die kommt man nicht durch die Checkpoints. Hat Schuller nicht. Dafür hat gerade sein 40. Geburtstag angefangen. Schuller starrt vor sich hin. Ob er an seinen 30. Geburtstag denkt, den er auf einer UN-Konferenz in Genf mit Champagner gefeiert hat? Oder an ein gemütliches Bett?

Im kleineren Lazarett angekommen, sieht Schuller einen Oberstabsfeldwebel in Blaumann und mit angeklebtem Oberlippenbart herumlaufen. Ein Hinterhalt der Wislanier? Dann singen die Ärzte und Sanitäter für ihn, und es gibt Regenbogen-Sahnetorte mit bunten Streuseln drauf. Beim Gratulieren sagt der Bataillonskommandeur: "Der Gottesdienst gefiel mir übrigens sehr gut. Hat mich ein bisschen erwischt."

Über die Anerkennung freut sich Schuller. "Die Geschichten und Botschaften des Evangeliums ergreifen mich selbst auch immer mehr", sagt er. Aber natürlich seien die Texte Hunderte Jahre alt. "Mein Anspruch ist es, eine Brücke zu bauen zwischen den Texten und den Menschen, die ich vor mir habe." Zurück fährt der Pfarrer mit einem Lächeln. Was zählt schon Schlaf, wenn man in einen "Kuchenhinterhalt" gelockt wird?

Lesetipp: "Mein Leben ist die Hölle"

Am frühen Morgen werden "Schwerverwundete" mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus weitertransportiert. Zwei Ärztinnen fliegen mit. Zurück beim Frühstück fragt eine von ihnen, ob Schuller nicht gern auch mal bei den Fallschirmjägern wäre. "Ich spring nicht so gern aus Hubschraubern", sagt er. "Du könntest ja auch aus dem Flugzeug springen", sagt die Oberfeldärztin. Schuller lacht. "Für mich ist der Sanitätsdienst mein Fallschirmsprung."

Der Sanitätsdienst, so der Eindruck von vielen, werde unter Soldaten oft weggelächelt. Spricht man mit Hauptfeldwebel Jacqueline, 36, Fachkrankenpflegerin für Anästhesie und Intensivmedizin im Bundeswehrkrankenhaus, könnte man meinen, die Übungen seien gegen den Alltag im zivilen Leben fast eine Erholung: Etwa 30 Prozent ihrer Patienten schafften es nicht. "Manchmal gibt es jede Woche einen Toten, manchmal sogar jeden Tag, dann wieder stirbt wochenlang niemand. Da fragt man sich schon, warum."

"Sie sind hier sicher! Wir kümmern uns!"

Christopher Schuller

Hier in der "Role 2 Bravo" ist alles nur gespielt. Kein Papa und keine Mama stirbt, niemand, der sich so sehr gegen den Tod gestemmt hat. Für Jacqueline ist es auch im Krankenhausalltag eine große Hilfe, dass sie mal eben zu Menschen wie Schuller und seinen Kolleginnen gehen kann, die außerhalb der Hierarchien stehen. "Es tut gut, wenn jemand zuhört, der nicht wertet. Medizin ist schon ein hartes Geschäft", sagt sie.

Kurz darauf hält ein Krankenkraftwagen vor dem Feldlazarett. "Kann mir jemand helfen?", ruft eine Soldatin mit blutigem Gesicht und verbundenen Augen. Eine weitere Soldatin kann nichts hören, und ein Soldat ist bewusstlos – sein Unterschenkel ist abgerissen. Mehrere Sanitäter bringen die drei ins Feldlazarett. Die beiden leicht verletzten Patientinnen sind Soldatinnen in darstellender Funktion, der Patient ohne Unterschenkel ist eine Puppe. Wer am Rand steht, weiß: Ihr Blut, ihre Schmerzen sind nicht echt. Das Adrenalin aber ist es. Und die Gewissheit, dass an anderen Orten dieser Welt solche Szenen genau jetzt wirklich passieren, kommt noch mal ganz anders an einen heran.

Weil Sanitäter fehlen, tastet Christopher Schuller die taube Soldatin ab. Er prüft, ob seine Hände blutig werden, ob ihr Schmerzen entstehen. Als Seelsorger ist das eigentlich nicht seine Rolle. "Aber wenn Not am Mann ist, kann ich nicht tatenlos zusehen", sagt er.

Als die Patientin unruhig wird, sagt Schuller laut: "Sie sind hier sicher." Sie versteht ihn nicht. In solchen Situationen sei die Versuchung groß, über die Patienten zu sprechen statt mit ihnen. Jemand gibt Schuller Zettel und Stift. "Sie sind hier sicher! Wir kümmern uns!", schreibt er darauf und hält ihn ihr hin. Sie nickt. Dann bricht der Schiedsrichter die Szene ab. Er ist zufrieden.

Über Leben und Tod entscheiden

Wäre jemand schwerer verletzt, würde Schuller nun anbieten, mit ihm zu beten. Viele würden das annehmen, auch solche, die nicht gläubig sind. Aber zuvor Einvernehmen herzustellen, sei wichtig. "Ich würde nie einfach drauflosbeten bei jemandem, den ich nicht kenne", sagt er, das wäre übergriffig. Und er sei auch für die da, die eine andere Religion haben. "Wenn mich zum Beispiel ein Muslim fragt, ob wir das Glaubensbekenntnis beten können, würde ich das sofort machen. Ich kann es aber nur auf Deutsch."

Foto oben: Hauptfeldwebel Alexandra tastet eine Patientin ab.
Militärpfarrer Christopher Schuller hilft als Sanitäter aus. Foto unten: Portrait von Militärpfarrer Christopher Schuller in der Pause

Für die schwer verletzte Puppe ist das jetzt nicht dran. Sie liegt sediert auf dem OP-Tisch. Eine Knochensäge kommt zum Einsatz, Arterien und Venen werden zugenäht. Ein Soldat, der sich um die Technik kümmert, sagt: "Da bin ich froh, dass ich nur Kabel flicke."

Hören Sie hier: Wie ist es für Palliativmediziner, wenn Patienten sterben?

Zwei Dinge würde Pfarrer Schuller gern noch üben. Erstens: einen Massenanfall von Verwundeten, einen sogenannten Mascal (Mass Casualty). Wo würde er am dringendsten gebraucht, wenn Ärzte und Sanitäter versuchen, möglichst vielen zu helfen, aber nicht jedem helfen können? Schuller vermutet, dass sie mit ihrem erschütterten Selbstbild zu kämpfen haben werden. "Die haben die Erfahrung, fast jeden retten zu können", sagt er. "Was sie nicht kennen, ist das Gefühl: Ich hätte ihn retten können, wären mir nicht die Medikamente ausgegangen."

Eine besondere seelische Last liegt dann auf jenen, die sagen müssen, wer behandelt wird und wer wegen mangelnder Kapazitäten auf die Palliativstation kommt. Bei dieser Übung ist das die Aufgabe von Oberfeldärztin Melanie. "Man entscheidet über Leben und Tod", sagt die 49-jährige Reservistin.

Stresstest für die Sanitäter

Dank und Anerkennung helfen, sagt der Pfarrer. "Leider ist man in Deutschland und auch bei der Bundeswehr sehr knauserig damit, als würde es 1000 Euro pro Wort kosten", sagt Schuller, der in den USA aufgewachsen ist. Es helfe auch, den Sanitätern bewusst zu machen, wie viel sie bewegen. "Erfolg entsteht nicht erst dann, wenn der Patient weiterlebt, sondern auch, wenn er einen würdevolleren und möglichst schmerzfreien Tod gestorben ist."

Tatsächlich kommt am Ende der Übung noch ein "Mascal". Schuller muss sich nun um viele leicht verletzte Patienten gleichzeitig kümmern. Am liebsten würde er sich vervielfältigen, um ihrer aller Schmerz, Angst, Trauer aufzufangen. "Seelsorge heißt, sich komplett auf den anderen einzulassen." Doch das geht in einer solchen Situation nicht. Immerhin: Die Sanitäter und Ärztinnen kommen gut damit zurecht, allerdings stirbt auch niemand im Übungsszenario.

Schon bei Schullers erster Sanitätsübung haben alle überlebt. "Ganz realistisch ist das ja nicht", sagt er. Ein Hauptmann erklärt, dass nach dem Ausbildungsgrundsatz das Ableben eines Patienten nicht vorgesehen ist, weil es zu stark demoralisiere. Auf Nachfrage heißt es später vom Sanitätsdienst, dass es derzeit keine Ausbildungsinhalte für den Umgang mit Sterbenden für ein Szenario der Landes- oder Bündnisverteidigung gebe. Aber … man arbeite dran.

Der Umgang mit dem Tod ist das Zweite, was Schuller noch üben möchte. Er hat sich zuvor mit Kollegen dazu ausgetauscht und sich Gedanken gemacht. Praxiserfahrungen zum Nachlesen wären hilfreich, findet er. Nun probiert Schuller selbst aus, was praktikabel ist und sich angemessen anfühlt.

Schuller weiß, was er bei einer letzten Andacht sagen würde.
Auch wenn es hier zum Glück nur eine Übung ist

Den Ort der Totenablage – einen Schuppen mit Sand – hat er schon mit dem Feldkreuz markiert, um ihm Würde zu verleihen und damit keine Soldaten unvorbereitet dort hineinlaufen. Doch die ausgelegten Totensäcke bleiben leer. Als er die Aussegnung zum ersten Mal probt, gilt Sicherheitsstufe zwei: Draußen ist Schutzausrüstung Pflicht. Seine Kette mit dem silbernen Kreuz bekommt er nicht über den Helm gezogen. Beides zusammen hat er noch nie getragen.

Dann holt er die Bibel aus der Schutzweste und betet in Anlehnung an Psalm 90: "Gott, du bist unsere Zuflucht von Generation zu Generation. Ehe die Berge waren und das Meer, warst du ja, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du lässt den Menschen zum Staub zurückkehren und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschenkinder. Denn 1000 Jahre sind vor dir wie der gestrige Tag, der vergangen ist, und wie eine Nachtwache."

Dann betet er: "Gott, ich bitte zu dir, nimm diese gefallenen Kameraden auf in deinen Frieden. Sei bei den Menschen, die um sie trauern werden. Sei bei uns, die wir weiter versuchen, Leben zu retten, und vergib uns den Krieg und die Gewalt, die zu diesen Toten geführt hat. Segne deren Ausgang und Eingang. Von nun an bis in Ewigkeit. Amen."

Ob er das auch so machen würde, wenn niemand außer ihm da wäre? "Ja, aus Überzeugung und als Zeichen für die anderen: Wenn du stirbst, macht das auch jemand für dich."

Schuller mit Soldaten beim Feldgottesdienst am Volkstrauertag. Es wird gesungen, gebetet und den Opfern von Gewalt und Krieg in aller Welt gedacht
Infobox

Rettungskette der Bundeswehr  

Ebene 1: Rettungsstationen der ersten Ebene ("Role") nahe der Front, in denen Verwundete am Leben gehalten und stabilisiert werden.  

Ebene 2: Rettungszentren (Feldlazarette) etwa 40 Kilometer im Hinterland zur notfallchirurgischen Versorgung.  

Ebene 3: Einsatzlazarette zur klinischen Akutversorgung von Verwundeten.  

Ebene 4: Bundeswehrkrankenhäuser oder zivile Kliniken zur abschließenden Versorgung und Rehabilitation.

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