Die Energiewende bietet auch eine Chance für mehr Frauen im Handwerk
Netzwerk Energiewende Jetzt e.V.
Energiewende
Mehr Frauen - schnellere Energiewende?
Wenn es mit der Energiewende vorangehen soll, braucht es mehr engagierte Frauen, sagt Lara Track - auch, weil Frauen von der Energiewende besonders profitieren
Tim Wegner
30.03.2026
5Min

Die Folgen des Angriffs der USA und Israels auf Iran führen allen vor Augen, wie abhängig wir nach wie vor von fossilen Energieträgern sind, besonders von Öl und Gas. Jedes Jahr importiert Deutschland nach einer Erhebung von "KfW Research" fossile Brennstoffe im Wert von durchschnittlich 81Milliarden Euro. Diese Zahl sollten alle Menschen im Kopf behalten, wenn Kritiker der Erneuerbaren einwenden, die Energiewende sei doch viel zu teuer. Denn: Über einen Zeitraum von zehn Jahren überweisen wir eine Billion Euro ins Ausland - häufig in Weltregionen, in denen autoritäre Regime die eigene Bevölkerung unterdrücken.

Während das Energiesystem früher zentral war (wenige große Kraftwerke versorgten viele Haushalte und Betriebe mit Energie), wird es mit der Energiewende dezentraler. Das bedeutet: Viele kleine Kraftwerke (zum Beispiel PV-Anlagen oder Windräder) an vielen Orten versorgen die Menschen mit Energie.

Wichtige Akteure dabei sind Energiegenossenschaften, ohne die in der Stromversorgung nichts ginge und die viele Chancen bieten: Mitglieder können demokratisch mitbestimmen und sich an der Energiewende beteiligen. Aber: Energiegenossenschaften stehen unter Druck, seitdem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche die Energiewende immer wieder infrage stellt und die Verbraucher mit ihrem Kurs verunsichert.

Hinzu kommt ein weiteres, grundlegendes Problem: Bürgerenergiewende und Genossenschaften sind immer noch eher eine Männerdomäne. Die Organisation "Frauen* für die Energiewende" möchte das ändern. Darüber habe ich mit Lara Track, Coachin und Senior Projektmanagerin im "Netzwerk Energiewende Jetzt e.V." gesprochen.

Frau Track, warum ist es wichtig, Frauen für die Energiewende zu gewinnen?

Es gibt viele Perspektiven, von denen aus man diese Frage betrachten kann – aber aus allen macht es Sinn, Frauen anzusprechen und zu gewinnen. Wir beim Netzwerk Energiewende Jetzt e.V. haben uns der Bürgerenergie, also der Energiewende durch Energiegemeinschaften, verschrieben. Was auch heißt: der Energiewende in Bürger*innenhand. Der Begriff sagt es schon: Wir wollen eine Energiewende von allen und für alle. Wenn wir etwas aufbauen möchten, muss es gleichberechtigt und divers sein.

Welche Perspektiven kommen noch hinzu?

Die Energiewende ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, eine große Zahl Menschen außen vorzulassen. Das sind ja Potenziale, denn jeder Mensch hat individuelle Stärken, die für die Bürgerenergie genutzt werden könnten. Umfragen zeigen immer wieder: Frauen sind sogar stärker an der Erhaltung unserer Lebensgrundlagen interessiert als Männer. Sie gestalten ihren Alltag nachhaltiger und wählen häufiger Parteien, die sich für Klimaschutz starkmachen.

Wie kommt es dann, dass deutlich weniger Frauen in der bürgergetragenen Energiewende vertreten sind?

Viele Menschen verbinden die Energiewende erst einmal mit Technik, und die gilt immer noch häufig als "Männersache". Das ist historisch gewachsen, aber inzwischen erhöht sich die Zahl von Frauen, die in technischen und handwerklichen Berufen arbeiten. Trotzdem wirkt das Bild fort, sodass manche Frauen sich erst einmal nicht angesprochen fühlen, wenn sie das Wort Energiewende hören. Umgekehrt haben Männer auch das Klischee im Kopf, dass Frauen sich eben nicht für Technik interessieren würden und bemühen sich darum nicht, sie für ihre Bürgerenergiegemeinschaft zu aktivieren. Das ist schade, denn erstens gibt es viele technikbegeisterte Frauen und zweitens haben viele Aufgaben in einer Genossenschaft nichts mit Technik zu tun – zum Beispiel Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliedermanagement, Finanzierung…

Gibt es noch mehr Gründe, warum Frauen in der Energiewende unterrepräsentiert sind?

Die Frage kann man nicht abkoppeln von gesellschaftlichen Realitäten. Energiegemeinschaften leben gerade in der Gründungsphase vom ehrenamtlichen Engagement. Wenn das fehlt, kommen Projekte gar nicht erst zustande.

Die Frage ist: Wer hat diese Zeit? Im aktuellen Freiwilligensurvey sehen wir, dass sich zwar viele Frauen ehrenamtlich einbringen; dass ihr Engagement aber dann überproportional abnimmt, wenn sie Kinder haben – wenig überraschend, weil Studien zum Gender Care Gap zeigen, dass Frauen überdurchschnittlich viel unbezahlte Fürsorge-Arbeit leisten und damit auch bei Einberechnung der Erwerbsarbeit weniger freie Zeit zur Verfügung haben als Männer.

In unserem Projekt EPOS zum Thema Energiewende und Geschlecht wird außerdem deutlich, dass Menschen lieber in Gruppen mitarbeiten, in denen sie sich repräsentiert fühlen. Wenn schon ein paar Frauen da sind, kommen auch leichter weitere dazu. Organisationen, die mehr Frauen gewinnen möchten, sollten sich selbst hinterfragen: Wie läuft unsere Kommunikation? Wie werden Verantwortlichkeiten vergeben? Machen wir familienfreundliche Beteiligungsangebote?...

Welche Chancen bietet die bürgergetragene Energiewende?

Die Bürgerenergie hat das Potenzial, eine breite Bewegung zu werden, die viele Menschen anspricht und motiviert – erst recht, wenn wir sie als Bürger*innenenergie denken. Man kann zum Beispiel politisch eher konservativ eingestellt und gerade deshalb daran interessiert sein, dass es der eigenen Region gutgeht, weil lokale Handwerksbetriebe von der Energiewende profitieren. In Zeiten gesellschaftlicher Spaltung ist das viel wert. Das ist übrigens auch einer der Gründe, die mich persönlich für das Thema begeistern.

Der Verein möchte Frauen aus unterschiedlichen Mileus ansprechen. Besonders beliebt sind Kurse, in denen die Teilnehmerinnen lernen, wie sie Solaranlagen selbst installieren können

Was tun Sie konkret mit Ihrem Schwerpunkt "Frauen* für die Energiewende", um das Thema voranzubringen?

Im vorigen Jahr waren wir in Rheinberg bei Duisburg und konnten Frauen erreichen, die bisher nichts mit dem Thema zu tun hatten – Frauen, die wenig Geld haben, jeden Cent umdrehen müssen, viele mit Migrationsgeschichte. Eine sagte hinterher: "Ich gehe mit mehr Selbstbewusstsein aus dem Workshop." Das fand ich toll. Unsere Kurse zum Solarselbstbau sind ebenfalls sehr beliebt. Frauen sind unter sich und können gemeinsam lernen, wie man Solaranlagen installiert, etwa auf Schuldächern. Dass Frauen von Frauen lernen, senkt die Hemmschwelle. Wichtig ist auch: Sie tun sehr praktisch etwas gegen ein Problem, das Frauen überdurchschnittlich stark betrifft.

Welches Problem meinen Sie?

Energiearmut. Menschen mit wenig Geld müssen einen relativ hohen Teil ihres Einkommens für Fixkosten ausgeben – Energiekosten gehören dazu. Und wir wissen, dass Frauen stärker von Armut betroffen sind als Männer, erst recht Alleinerziehende. Sie besitzen auch seltener Wohneigentum, sodass zum Beispiel Balkonkraftwerke, aber auch Mieterstrom, den viele Bürgerenergiegemeinschaften anbieten, und natürlich die Mitgliedschaft in einer Energiegemeinschaft Möglichkeiten sind, auch ohne eigenes Dach an der Energiewende teilzuhaben und sie zu gestalten.

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Kolumne

Nils Husman

"Wir müssen die Schöpfung bewahren!“ Da sind wir uns alle einig. Doch was heißt das konkret? Nils Husmann findet, wer die Schöpfung bewahren will, sollte wissen, was eine Kilowattstunde ist oder wie wir Strom aus Sonne und Wind speichern können – um nur zwei Beispiele zu nennen. Darüber schreibt er - und über Menschen und Ideen, die Hoffnung machen. Auch, aber nicht nur aus Kirchenkreisen.