1973 hatte die Bundesregierung aufgrund der Ölkrise den autofreien Sonntag angeordnet. Maßnahmen wie diese können auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken
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Ölkrise und Klimaschutz
Runter vom Gas!
Die Bundesregierung zapft die Ölreserven an, Tankstellen sollen nur noch ein Mal am Tag die Preise erhöhen dürfen. Aber wie wäre es damit, wenn wir Energie sparen? Ein Kommentar
Tim Wegner
23.03.2026
3Min

Die Nächste, bitte! Seit Jahren folgt Krise auf Krise. Aktuell: Seit die USA und Israel den Iran angegriffen haben, schnellt der Ölpreis in die Höhe. Die Straße von Hormus, eine wichtige Schiffspassage, ist für viele Tanker dicht. Der Liter Diesel und Benzin kosten hierzulande mehr als zwei Euro. Das belastet besonders Haushalte, in denen das Geld knapp ist und die ohnehin einen hohen Anteil ihrer Budgets für Energie und Mobilität ausgeben müssen.

Mit dem Ölpreisschock kommt auch die nächste Ohnmachtserfahrung. Schon in der Corona-Zeit und nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fühlten sich viele Menschen Entwicklungen ausgesetzt, gegen die sie machtlos waren. Und doch: In jeder Krise gibt es Hoffnungsschimmer.

Stephan Grünewald gilt als "Psychologe der Nation", weil er mit seinem Rheingold-Institut jährlich mehr als 5000 Tiefeninterviews führt und so viel über die Menschen erfährt. Ausgerechnet die bei vielen verhasste "Ampel"-Koalition lobt er für ihre Krisenkommunikation zu Kriegsbeginn: "Viele fürchteten, dass wir bald alle in kalten Wohnungen sitzen, weil uns das Gas ausgeht. Alle gemeinsam haben Energie gespart. Es gab eine Selbstwirksamkeit: Ich bin nicht allein, mein Nachbar spart auch Energie, genauso wie die Industrie", sagte Grünewald im Oktober auf dem chrismon-Zuversichtskongress.

Ist nun wieder so ein gemeinsamer Moment gekommen? Viele Menschen sind im Alltag auf ihr Auto angewiesen. Aber sparsamer fahren – das geht, auch wenn man ein Auto nutzen muss. Warum beschließt die Politik nicht wenigstens temporäre Höchstgeschwindigkeiten? Das Umweltbundesamt hat schon mehrfach berechnet, was Tempolimits bringen. Im Fokus dabei: Treibhausgase, die die Atmosphäre erwärmen, Stickoxide und Feinstaubemissionen. Würde auf Autobahnen Tempo 100 und auf Landstraßen Tempo 80 gelten, ginge ihr Ausstoß um acht, sechzehn und elf Prozent zurück. Und es würden Tonnen an Kraftstoff gespart. Denn mit steigender Geschwindigkeit wächst der Luftwiderstand und damit auch der Verbrauch eines Autos. Der TÜV empfiehlt, möglichst schnell in den nächsthöheren Gang zu schalten und ein Tempo zwischen 60 und 90, auf Autobahnen zwischen 100 und 130 km/h anzupeilen. Laut ADAC verbraucht ein Auto, das 100 km/h fährt, 50 Prozent weniger Kraftstoff, als wenn es mit 160 km/h unterwegs wäre.

Sind doch nur Peanuts? Bringt doch alles nichts? Es geht nicht allein um die Ersparnis, sondern auch ums Signal: Von einer Höchstgeschwindigkeit wären alle gleichermaßen betroffen. Die alleinerziehende Mutter mit altem Auto ebenso wie der Geschäftsmann mit Dienstwagen und Tankkarte, der seinen Sprit immer auf Firmenkosten kauft. Das würde die Lösung fair machen. Einfach wäre ein Tempolimit auch – 80 und 100 Stundenkilometer? Versteht jeder! Hinzu käme die Signalwirkung, denn alle wüssten: Die Lage ist ernst, wir sind immer noch viel zu abhängig von fossilen Rohstoffen und fragwürdigen Regimen, aber wenn wir gemeinsam sparen, können wir uns unabhängiger und freier machen. Damit erfüllt ein Tempolimit vier von fünf Kriterien für die Kommunikation von nachhaltiger Politik, die Forschende um die Erfurter Professorin Cornelia Betsch erst kürzlich präsentierten. Ein Tempolimit bringt etwas (Wirksamkeit), ist gerecht, weil sich alle daran halten (Fairness), ist einfach und hat einen sozialen Nutzen, weil es den Zusammenhalt in der Krise stärken kann. Wir sitzen alle im selben Boot.

Es gibt sogar noch ein fünftes Kriterium, der individuelle Nutzen einer nachhaltigen Maßnahme. Den sehen sicher nicht alle, das Geschrei wäre groß, "freie Fahrt für freie Bürger". Doch in Umfragen gibt es immer wieder Mehrheiten für ein Tempolimit, sogar unter den ADAC-Mitgliedern. Einmal in Kraft, würden viele Menschen merken, dass es leiser und sicherer wird auf den Straßen. Eine gute Nachricht in der aktuellen Krise! Jede Wette, dass längst nicht alle zurückwollen in die ungebremste Raserei.

Und es gibt noch eine Idee für eine solidarische Entschleunigung. Wie wäre es mit autofreien Sonntagen? Am 25. November 1973 galt zum ersten Mal ein bundesweites Fahrverbot. Auch damals herrschte eine Ölkrise, die Bundesregierung hatte den autofreien Sonntag angeordnet. Menschen gingen auf Autobahnen spazieren, Kinder spielten auf den Straßen, in Städten wie Kiel roch es wieder nach Meer und nicht nach Abgasen. Von montags bis samstags galt übrigens ein vorübergehendes Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf Autobahnen und 80 auf Landstraßen. Vielleicht erleben wir bald eine Neuauflage?

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