Krieg im Nahen und Mittleren Osten
Wann Gewalt notwendig wird
Krieg soll nicht sein - und doch lässt er sich nicht immer verhindern. Warum und wann militärische Gewalt notwendig sein kann. Ein Kommentar
Ein Mann wendet sich von einem Krater ab, den ein Raketenangriff der Hisbollah in der Nacht vom 12. März 2026 in Haniel, Israel, hinterlassen hat
Ein Mann in Haniel in Israel besichtigt am 12. März 2026, was eine Hisbollah-Rakete in der Nacht angerichtet hat.
Avishag Shaar-Yashuv/The New York Times/laif
19.03.2026
4Min

"Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein." Wer wollte diesem Satz nicht zustimmen? Er wurde auf der Gründungsversammlung des Weltkirchenrates im Jahre 1948 in Amsterdam formuliert. Da war der Zweite Weltkrieg gerade drei Jahre vorbei. Ein Krieg, der Millionen Menschen das Leben kostete und in dessen Schatten im europäischen Osten das Menschheitsverbrechen der Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden und Jüdinnen stattfand.

Im selben Jahr 1948 wurde der Staat Israel gegründet. Und diese Staatsgründung war ebenso eine Antwort auf den Zweiten Weltkrieg wie der Satz "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein".

Allerdings zeigte sich sofort, dass mit diesem Satz Kriege nicht vermieden werden. Der neugegründete Staat Israel musste sich unmittelbar gegen einen kriegerischen Angriff der ihn umgebenden arabischen Staaten zur Wehr setzen. Und kriegerische Auseinandersetzungen haben die politische Situation im Nahen Osten bis auf den heutigen Tag geprägt. Dabei kommt dem Iran seit der sogenannten Islamischen Revolution und der damit verbundenen Errichtung eines totalitären Gottesstaates eine besondere Bedeutung zu. Es zeigt sich: Regime, die sich nach innen radikalisieren und die eigene Bevölkerung unterdrücken, neigen dazu, diese Gewalt auch nach außen zu wenden. Ähnliches lässt sich im Russland Putins beobachten.

Der Iran wurde zu dem maßgeblichen Finanzierer des islamischen Terrors, der in Gestalt der Hamas und der Hisbollah den Staat Israel und die in ihm lebenden Menschen immer wieder mit tödlichen Attacken überzieht. Das forcierte Atomprogramm, das der Iran konsequent verfolgt, macht diesen Staat zu einem der gefährlichsten Akteure der Weltpolitik.

Darf man nun gegen einen solchen Gewaltstaat nach innen und nach außen militärisch vorgehen? An dieser Frage entzündet sich die gegenwärtige politische Diskussion. Ich kann viele der vorgebrachten Argumente nachvollziehen, komme aber doch zu einer anderen Sicht als Heinrich Bedford-Strohm in seinem Essay für chrismon. Ein Regime, das über Jahrzehnte solche Gewalt nach innen und nach außen ausübt, darf auch militärisch bekämpft werden.

Der Verweis auf das Völkerrecht scheint mir in diesem Zusammenhang wichtig. Und es mag sein, dass der gegenwärtige Krieg völkerrechtlich nicht gedeckt ist. Aber diese Tatsache verweist zugleich auf ein wesentliches Manko des gegenwärtigen Völkerrechts. Das Völkerrecht sollte eigentlich die Menschen vor ungerechtfertigter Gewalt schützen. De facto schützt es aber Regierungen. Gerade wer das Völkerrecht anspricht, und das ist so legitim wie notwendig, sollte sich für eine erweiternde Umgestaltung einsetzen, in der es mehr als bisher nicht Regierungen schützt, sondern, wie sein Name sagt, die Völker, also die konkreten Menschen, die in einem Land leben.

Die Attentäter des 20. Juli 1944 haben in einer Verlautbarung davon gesprochen, es gelte, "die Würde des Rechts" wiederherzustellen. Vielleicht kann als Konsequenz dieses Krieges das Völkerrecht durch Erweiterung in seiner Würde neu erstrahlen.

Darin sehe ich die eigentliche Herausforderung der gegenwärtigen weltpolitischen Lage. Ja, auch ich bezweifle, dass es Donald Trump primär darum geht, die Menschen im Iran zu befreien. Und meine Solidarität mit dem Staat Israel wird gegenwärtig auf eine harte Probe gestellt durch eine dortige Regierung, bei der man einen starken Willen zur Versöhnung nach innen und außen vermisst.

Lesetipp: Wie kann mit Israel und Palästina gleichermaßen solidarisch sein?

Heinrich Bedford-Strohm hat in seinen Überlegungen immer wieder auf Dietrich Bonhoeffer Bezug genommen. Dafür bin ich ihm dankbar. Denn wir können bei Bonhoeffer in der Tat lernen, wenn wir heute über die Frage von Krieg und Frieden nachdenken. Er hat sich in seiner Theologie in den 1930er Jahren stark an Prinzipien wie Frieden und sozialer Gerechtigkeit orientiert.

Je stärker er in den 1940er Jahren in den konkreten politischen Widerstand involviert war, desto mehr erkannte er auch die blinden Flecken einer solchen Prinzipienethik. Deshalb bezweifle ich, dass man sagen kann, Bonhoeffer sei bis an sein Lebensende Pazifist gewesen. Er selbst hätte sich wohl nicht gescheut, Adolf Hitler mit eigener Hand zu töten, wenn dies notwendig und möglich gewesen wäre. Und nach dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 war er überzeugt, dass nur noch die Truppen der Alliierten dem Schrecken des Naziterrors ein Ende setzen können.

Ich wünsche mir einen phantasievollen und engagierten Pazifismus. Wir werden darauf wohl nur zu unserem Nachteil verzichten können. Aber, und das zeigt die Geschichte nachdrücklich, Pazifismus konnte Kriege nicht prinzipiell verhindern. Aus diesem Grunde habe ich persönlich auch nie eine pazifistische Position eingenommen. Bei der von mir skizzierten Erweiterung des Völkerrechts werden allerdings Pazifisten und Nicht-Pazifisten konstruktiv zusammenarbeiten können.

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