Seitdem Israel und die USA militärisch gegen das iranische Mullah-Regime zu Feld ziehen, wiederholt sich ein altbekanntes Muster in der deutsch-kirchlichen Debatte über Nahost. Israel handelt militärisch – und augenblicklich folgen die vertrauten Reaktionen seitens der Kirche: Warnung vor der Gewaltspirale, Aufruf zur Deeskalation, Empfehlung zur Besonnenheit. Die Worte kommen zuverlässig, beinahe reflexhaft. Sie klingen nach Friedensethik, nach moralischer Verantwortung und kirchlicher Besinnung.
Doch allzu oft verraten sie vor allem eine merkwürdige Distanz zu nahöstlicher Wirklichkeit und eine Weigerung, der Realität eines Konflikts ins Auge zu schauen, in dem Israel sich seit Jahrzehnten gegen ein Regime verteidigen muss, das seine Vernichtung nicht nur propagiert, sondern mit allen verfügbaren Mitteln darauf hinarbeitet.
Daniel Neumann
Sicher: Der Ruf nach Deeskalation und Frieden gehört zum kirchlichen Standardrepertoire. Aber in diesem Fall klingt er nicht nur hohl. Er grenzt an moralische Realitätsverweigerung. Denn wer mit Blick auf die Islamische Republik Iran vor allem die Eskalation beklagt, ohne die jahrzehntelange Eskalation dieses Regimes zu benennen, verwechselt friedensethische Absichten mit ritualisierter Rhetorik. Und wer verdrängt, dass militärische Gewalt nicht schon deshalb zu verurteilen ist, weil sie Gewalt ist, hat nicht verstanden, dass Freiheit und Sicherheit in dieser Welt manchmal nicht nur beschworen, sondern verteidigt werden müssen. Notfalls mit Gewalt.
Mag sein, dass wir Juden ein besonderes Gespür für die Abgründe der Geschichte haben. Jedenfalls wissen wir, dass es nicht Aufrufe zur Deeskalation, nicht Mahnungen zum Dialog und gewiss keine Friedensgebete waren, die die Tore der nationalsozialistischen Vernichtungslager aufgesprengt haben. Es waren Soldaten, Armeen und militärische Gewalt, die der "Endlösung" und Nazi-Deutschland ein Ende setzten.
Worüber reden wir heute also? Nicht über ein missverstandenes Regionalregime. Nicht über einen bloßen Konflikt zwischen gleichrangigen Parteien. Sondern über die Islamische Republik Iran: ein totalitäres, islamistisches Herrschaftssystem, das die eigene Bevölkerung unterdrückt, Opposition brutal vernichtet, Frauen entrechtet, Minderheiten verfolgt und politische Freiheit systematisch erstickt. Und wir reden über ein Regime, dessen außenpolitische Identität seit Jahrzehnten auf Terror, Stellvertreterkrieg und der offen verkündeten Vernichtungsdrohung gegen Israel beruht.
Der Iran führt seit Jahren Krieg. Nicht immer mit eigenen Divisionen oder Panzern, aber mit allem, was moderne Aggression ausmacht: mit Hamas, Hisbollah und den Huthis, mit Raketen, Drohnen und systematischer Destabilisierung. Teheran hat einen Feuerring um Israel gelegt und ihn über Jahre hinweg bewaffnet, finanziert, trainiert und ideologisch aufgeladen. Wer so handelt, führt Krieg. Wer dabei zugleich die Vernichtung Israels propagiert, führt ihn nicht zufällig, sondern zielgerichtet.
Und genau hier beginnt der Denkfehler vieler Menschen im Westen. Sie erkennen Aggression erst dann an, wenn es für die Angegriffenen zu spät ist. Sie tun so, als entstehe das Recht zur Selbstverteidigung erst mit dem Einschlag der ersten Rakete. Als müsse ein Staat erst vernichtend getroffen werden, bevor er sich wehren darf. Als sei das Völkerrecht eine Vorschrift zur Selbstaufgabe. Aber das ist es nicht.
Lesetipp: Wie die Geschichte des Islam den Krieg beeinflusst
Mit Blick auf das ius ad bellum (das Recht zum Krieg) spricht viel dafür, dass der Angriff auf das iranische Regime rechtlich und jedenfalls der Idee des Völkerrechts nach legitim ist. Denn das Selbstverteidigungsrecht aus Artikel 51 der UN-Charta darf nicht so eng ausgelegt werden, dass erst ein vernichtender Erstschlag erfolgen muss, bevor das Recht zur Verteidigung greift. Das mag bei einem traditionellen Krieg anders erscheinen. Aber nicht in einer Wirklichkeit, in der schon der erste Angriff vernichtende Wirkung entfalten kann – etwa im Fall eines atomaren Erstschlags. Wer hier auf letzter juristischer Eindeutigkeit beharrt, führt das Völkerrecht ad absurdum. Es wird dann zum zahnlosen Tiger, der aus Prinzip zu spät kommt.
Israel musste nicht so tun, als sei vom Iran eine unmittelbare Gefahr ausgegangen. Diese Gefahr war und ist real. Sie besteht nicht nur in Worten, obwohl auch Worte zählen, wenn sie über Jahre hinweg Vernichtungsdrohung, Staatsdoktrin und strategische Absicht zugleich sind. Sie besteht längst in einer Gesamtaggression aus direkten Angriffen des Iran, aus den Terrorkriegen seiner Proxys und aus dem systematischen Aufbau militärischer Fähigkeiten, die offenkundig nicht friedlichen Zwecken dienen.
Lesetipp: Darf man sich über den Tod von Ali Khamenei freuen?
Gerade das Atomprogramm gehört in diesen Zusammenhang. Ein Regime, das Uran auf über 60 Prozent anreichert, Israel die Existenz abspricht und zugleich seine Vernichtung propagiert, arbeitet nicht an der friedlichen Zukunft der Menschheit. Es baut sich ein Instrumentarium auf, das seinen Drohungen technische Ernsthaftigkeit verleihen soll. Es geht nicht um zivile Energiepolitik. Es geht um nukleare Bewaffnungsfähigkeit. Und wer so tut, als sei das bloß eine Frage geduldiger Inspektion und weiterer Gesprächsformate, verwechselt Realismus mit Wunschdenken.
Natürlich kann man darüber streiten, wann genau die Schwelle der Unmittelbarkeit eines Angriffs überschritten ist. Aber genau diese Debatte zeigt doch das Problem: Soll ein Staat mit seiner Verteidigung wirklich warten, bis ein eliminatorisches Regime den Punkt erreicht hat, an dem aus Absicht Fähigkeit geworden ist? Soll Israel erst dann handeln dürfen, wenn aus dem Versprechen seiner Feinde operative Gewissheit geworden ist? Niemand, der die jüdische Geschichte ernst nimmt und das "Nie wieder" nicht nur vor sich herträgt, kann das verlangen.
Denn für Israel ist diese Frage nicht theoretisch. Für den jüdischen Staat ist sie existenziell. Die jüdische Erfahrung aus der Geschichte lautet nicht: Die Welt steht an der Seite der Juden. Sie wird sie schützen oder verteidigen. Die jüdische Erfahrung aus der Geschichte lautet: Wenn andere offen ankündigen, dich vernichten zu wollen, dann nimm sie beim Wort. Die Schoah hat den Juden beigebracht, dass man die Vernichtungsdrohungen seiner Feinde ernst nehmen sollte.
Lesetipp: Wie kann man solidarisch sein mit Israel und Palästina?
Christen und andere deutsche Nichtjuden haben aus den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und der Judenvernichtung ganz andere, geradezu gegensätzliche Lehren gezogen als Juden. Auf der einen Seite die vehemente Absage an Nationalismus, der Verweis auf eine internationale Ordnung, die konsequente Verurteilung der Nutzung von Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele. Auf der anderen, der jüdischen Seite jedoch: die Wiederbelebung des jüdischen Nationalstaates Israel, das Beharren auf der eigenen Souveränität, eine gesunde Skepsis gegenüber den Urteilen der Mehrheit, das Wissen, dass nur Stärke und Verteidigungsfähigkeit das eigene Überleben sichern können. Kurz gesagt: "Nie wieder Krieg!" auf der einen Seite und "Nie wieder Opfer!" auf der anderen.
Genau deshalb greift auch die Forderung, Gewalt dürfe nur als Ultima Ratio eingesetzt werden, so oft ins Leere. "Letztes Mittel" heißt nicht: weitere Gesprächsrunden mit einem Regime, das seit Jahren täuscht, Zeit gewinnt, seine Gegner über Stellvertreter angreift und seine Bedrohungskapazitäten ausbaut. Verhandlungen sind kein sakrales Gut. Sie sind Mittel zum Zweck. Und wenn sie diesen Zweck erkennbar nicht mehr erfüllen, wird ihr moralischer Glanz schnell zum Deckmantel organisierter Verantwortungslosigkeit.
Auch die Absicht dieses Krieges ist klarer, als viele Kritiker wahrhaben wollen. Es geht nicht um Eroberung. Nicht um Kolonialisierung. Jedenfalls nicht von Israels Warte aus. Es geht um die Abwehr einer existenziellen Bedrohung, um die Schwächung eines Regimes, das Terror in der Region organisiert, und um die Zerstörung militärischer Infrastruktur, bevor aus ihr irreversible Gefahr wird. Und ja, auch um die Hoffnung, dass ein geknechtetes Volk dort Luft zum Atmen bekommt. Eine Selbstbefreiung der Menschen im Iran ist ohne Hilfe von außen nahezu aussichtslos.
Zugegeben: Ein Regimewechsel lässt sich nicht herbeibomben. Aber daraus folgt nicht, dass die Fortexistenz eines mörderischen Regimes die moralisch saubere Alternative wäre. Es ist bemerkenswert, wie oft man in Europa vom Leid der iranischen Bevölkerung spricht und wie selten von der Ursache dieses Leids. Man beklagt den Krieg, vermeidet aber das Wort Befreiung.
Dann ist da noch das ius in bello, also die Frage, wie Krieg geführt wird. Auch hier hilft nur Nüchternheit. Zivile Opfer sind eine Tragödie. Aber ihre Existenz beweist für sich genommen noch nicht die Rechtswidrigkeit militärischer Operationen. Entscheidend sind die Maßstäbe des humanitären Völkerrechts: militärische Notwendigkeit, Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Zielen, Verhältnismäßigkeit.
Und genau an diesem Punkt verläuft der entscheidende Unterschied. Israel zielt auf militärische Infrastruktur, Kommandostrukturen, Raketenstellungen, Nuklearanlagen und Führungszentren der Revolutionsgarden. Der Iran hingegen zielt, direkt und durch seine Proxys, auf Zivilisten, Städte, Wohngebiete und zivile Infrastruktur. Hamas, Hisbollah, die Huthis und die übrigen Vorfeldarmeen Teherans führen keinen Krieg im Modus militärischer Begrenzung, sondern im Modus gezielter Entgrenzung. Wer diese Unterschiede unter dem harmonischen Begriff der "Gewaltspirale" moralisch einebnet, betreibt keine Ethik, sondern Vernebelung.
Sicher: Uns erreichen Berichte über den amerikanischen Beschuss einer Mädchenschule mit zahlreichen Opfern. Das ist eine Tragödie. Aber im Krieg passieren Fehler, oft mit tödlichen Konsequenzen. Doch mit Blick auf Tausende militärische Ziele, die hochpräzise anvisiert und ausgeschaltet oder zerstört worden sind, braucht es eine faire Einordnung. Und die kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Dieser Krieg ist ein gerechter Krieg. Und er ist so notwendig wie gerechtfertigt.
Manche Stimmen verlangen in diesem Zusammenhang die Anrufung des UN-Sicherheitsrates. Ein Verweis auf seine alleinige legitime Autorität wirkt zwar sauber, ist aber politisch naiv. Denn dort sitzen auch China und Russland. Eine Weltordnung, die in entscheidenden Fragen durch Vetomächte gelähmt wird, ist keine verlässliche Garantie kollektiver Sicherheit. Wer einem bedrohten Staat in dieser Lage erklärt, legitime Verteidigung dürfe erst nach Erlaubnis einer institutionell blockierten Weltinstanz stattfinden, verlangt von ihm, seine Sicherheit auch autokratischen Staaten anzuvertrauen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Krieg schlimm ist. Natürlich ist er schlimm. Die eigentliche Frage lautet, ob es Situationen gibt, in denen militärische Gewalt nicht nur erlaubt, sondern geboten ist, um größeres Unrecht abzuwenden. Gegenüber dem iranischen Regime muss die Antwort lauten: ja.
Die biblische Tradition kennt übrigens mehr als nur die Sehnsucht nach Frieden. Sie kennt auch die Pflicht zur Unterscheidung. "Schaffe das Böse weg aus deiner Mitte." "Jage der Gerechtigkeit nach." Das ist kein Aufruf zur Gewaltverliebtheit. Es ist die Erinnerung daran, dass Frieden ohne Gerechtigkeit verlogen ist und Gerechtigkeit ohne Wehrhaftigkeit oft bloß ein frommer Wunsch bleibt. Vor allem aber heißt es in den Psalmen: "Gott wird seinem Volk Kraft geben, Gott wird sein Volk mit Frieden segnen." Für uns Juden ist die Botschaft klar: Erst braucht es Kraft, Mut und Entschlossenheit. Erst dann wird der Ewige mit Frieden segnen.
Krieg ist nicht schon deshalb ungerecht, weil er Krieg ist. Er ist eine tragische, aber notwendige Form der Selbstverteidigung gegen ein Regime, das die Sprache der Vernichtung spricht, Terror strategisch organisiert und das Recht auf Leben anderer seit Jahrzehnten bestreitet. Entscheidend ist: Hier wird nicht der Frieden gebrochen, sondern die Fiktion, man könne mit einem eliminatorischen Regime auf Dauer ohne Härte auskommen.
Der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks hat einmal daran erinnert, dass Frieden mehr ist als die Abwesenheit von Krieg. Frieden entsteht nicht dadurch, dass man das Böse ignoriert. Er entsteht, wenn man ihm entgegentritt. Und das gilt nicht nur für Juden, sondern für uns alle.


