Ein Kinderrad mit bunter Quaste
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Väterzeit
Einen Gang runterschalten
Schneller, effizienter, schon beim nächsten Termin? Nicht mit unserer Tochter. Was ich beim Fahrradfahren (mal wieder) von ihr gelernt habe
Lena Uphoff
19.03.2026
4Min

Gestern hatten wir in der Redaktion einen Workshop, der mit kleinen Pausen acht Stunden gedauert hat. Das war so intensiv, dass ich von den Themen des Workshops nicht nur geträumt habe, sondern sie auch heute Morgen noch sehr präsent im Kopf hatte.

Da das Wetter schön war, wollte meine Tochter gern mit dem Fahrrad in die Schule fahren. Sie ist erst sieben Jahre alt, deshalb begleite ich sie, wenn sie mit dem Rad fährt. Meistens fährt sie mit dem Bus. Der Bus fährt nur einmal am Tag, und das recht früh. Wenn man mit dem Fahrrad fährt, kann man sich morgens also ein bisschen mehr Zeit lassen. Da ihre Brüder nicht Fahrrad fahren wollten, konnte die Tochter länger beim Frühstück sitzen bleiben und hat das auch voll ausgenutzt. Besonders viel Freude hatte sie daran, mehr Zeit als die Brüder zu haben. So hat sie sich genüsslich noch einen Marmeladentoast geschmiert, als die Jungs schon schnell Zähne putzen mussten.

Doch auch wenn man mehr Zeit hat, ist diese Zeit irgendwann zu Ende. Ich war immer noch voller Energie vom Workshop und hatte das Gefühl, schnell mit der Arbeit beginnen zu müssen. Doch unsere Tochter hatte die Ruhe weg. Also schaute ich ihr zu, wie sie langsam und ganz ordentlich die Handschuhe anzog und ihre Schuhe, den Fahrradhelm und alles andere. Ich stand schon bereit und wollte losdüsen. Doch nicht mit ihr. Sie wusste, dass wir noch genug Zeit hatten, bis die Schule losging.

Als wir schließlich losfuhren, hatten wir noch eine halbe Stunde bis zum Schulbeginn. Ich ließ sie vorfahren. Das Wetter war wirklich schön. Eigentlich also der perfekte Zeitpunkt, um den morgendlichen Weg auf dem Fahrrad zu genießen. Es geht durch kleine Straßen und Fußwege. Nur ganz kurz fährt man an einer vielbefahrenen Straße entlang. Am Ende kann man sich ganz genüsslich durch den Wald zur Schule rollen lassen.

Wenn ich alleine Fahrrad fahre, schalte ich immer in den höchsten Gang und versuche, so schnell wie möglich anzukommen. Das schnelle Fahrradfahren macht Spaß, aber es ist auch dem ständigen Gefühl geschuldet, dass ich jede Minute Arbeitszeit nutzen muss, weil die Schule schon bald wieder aus ist oder eine Veranstaltung in der Schule stattfindet, eine Theateraufführung, eine Art-Show mit den Bildern der Kinder oder, oder, oder. Ich werde schon beim Schreiben all dieser schönen Ereignisse (bis auf den Elternabend) ganz atemlos. Und dann gibt es ja auch noch die weniger schönen Ereignisse: Wenn sich ein Kind in der Schule verletzt, sich nicht wohlfühlt oder (nicht so schlimm, aber auch nicht so toll) ein Elternsprechtag stattfindet – so wie heute!

"Dann ist es aber nicht so gemütlich"

Ich stand also innerlich unter Strom. Der Workshop, alles Sonstige (heute erscheint übrigens wieder eine neue Folge des chrismon-Podcasts. Ich habe mit dem Comedian Florian Schröder gesprochen … Sollten Sie mal hören), am Nachmittag der Termin mit der Klassenlehrerin. Aber die Tochter wusste von all dem natürlich nichts, sollte sie auch nicht. Warum sie unnötig stressen. Sie hätte sich davon wahrscheinlich eh nicht hätte aus der Ruhe bringen lassen. Sie lässt sich nicht so leicht fremdbestimmen.

Wir fuhren also sehr gemächlich durch den Sonnenschein, und auf meinen Kommentar hin, dass sie ruhig in einen höheren Gang schalten könne, denn es gehe ja bergab und dann wären wir schneller da, sagte sie nur: "Dann ist es aber nicht so gemütlich." Und wie als Untermalung dieses völlig richtigen Satzes ließ sie die Pedale nach hinten drehen, wie man es eben macht, wenn man ohne Stress und mit Zeit mit dem Fahrrad gemütlich bergab fährt. Und in diesem Moment merkte ich, wie recht sie hat.

Mein ganzer Stress war vielleicht verständlich, aber er war in genau diesem Moment am Morgen, in der Sonne, mit der fröhlichen Tochter auf dem Fahrrad auch völlig unnötig. Ich atmete tief durch, und die Erkenntnis sickerte in mich ein. Den Rest des Weges war ich viel entspannter und konnte die Fahrt genießen.

Als wir an der Schule ihr Fahrrad angeschlossen haben, war es genau 8:45 Uhr. Dann klingelt es, und die Kinder sollten in die Klassen gehen. Wir haben genau die halbe Stunde für den Weg gebraucht, die wir hatten. Beim Verabschieden habe ich ihr gedankt. Sie war verwundert, hat aber nicht weiter nachgefragt. Entspannt bin ich wieder aufs Fahrrad gestiegen, um den Rückweg anzutreten. Nach einer Minute aber habe ich wie automatisch hochgeschaltet, und nach fünf Minuten war ich zuhause, um schnell diese Kolumne zu schreiben.

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Kolumne

Michael Güthlein
,
Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: zwei (Säugling, 2) und drei Kinder (7, 10, 12). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.