Berliner Genossenschaft
"Die Häuser denen, die drin wohnen"
Die "Bremer Höhe" eG gehört mit ihren über 700 Wohnungen zu den großen Genossenschaften in Berlin. Was zeichnet sie aus? Und wie geht es weiter?
Transparent 'Wohnungsbaugenossenschaft Bremer Höhe' über die Gneiststraße, März 2000
Ein Bild aus der Zeit, als die Genossenschaft frisch gegründet war
Genossenschaft Bremer Höhe eG
Tim Wegner
25.08.2026
5Min

Es waren die Jahre nach dem Mauerfall in Berlin – vieles war da möglich, was heute undenkbar scheint. Zum Beispiel mit gut 50 anderen Menschen eine Genossenschaft gründen, und innerhalb weniger Monate 21 Grundstücke mit 49 Häusern darauf kaufen. Mitten in Berlin.

Ulf Heitmann erinnert sich gerne an diese verrückte Zeit. Der heutige Vorstand der Genossenschaft "Bremer Höhe" eG war schon damals mit dabei und beschreibt gerne die Verhandlungen mit dem Berliner Senat: "Wir kannten uns alle und von vielen wussten wir, dass wir einander vertrauen konnten." Und dieses Vertrauen war nötig.

Im Oktober 1999 wohnen an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg Hunderte von Menschen in den ziemlich heruntergekommenen Wohnungen, die zwischen 1870 und 1913 von der "Berliner Gemeinnützigen Baugesellschaft" errichtet wurden. Die drei großen Blocks mit Mietshäusern mit ihren charakteristischen roten Backsteinfassaden hatten den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden. In der DDR-Zeit wurden die Bestände ins Volkseigentum überführt, die Wohnungen weiterhin vermietet. Doch wie bei vielen Altbauten wurden die Gebäude kaum gepflegt. An die 130 Wohnungen von insgesamt über 500 standen leer. "Total verrottet waren sie", erinnert sich Ulf.

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Aber es wohnten immer noch Menschen hier, zu sagenhaft preiswerten Mieten – und die wehrten sich mit allen Kräften gegen den Verkauf. Ulf wohnte damals zwei Häuser weiter. Der gebürtige Magdeburger hatte sich schon während der DDR-Zeit mit dem Thema Genossenschaften im Wohnungsbau befasst und nach der Wende unter anderem die Berliner Genossenschaft Selbstbau eG mitbegründet.

Ein historisches Bild der Gründungssitzung der Genossenschaft

Als die "Bremer Höhe" verkauft werden sollte, wurde er von der Mieterinitiative angefragt, ob er helfen könne – und das konnte er: Der schon aufgesetzte Kaufvertrag an den privaten Investor wurde durch eine Klausel ergänzt: Sollten sich innerhalb der nächsten Monate (Stichtag 30. April 2000) genügend Menschen in einer Genossenschaft organisiert haben und könnten sie dem Senat einen Projekt- und Finanzierungskonzept vorlegen, dann sollten sie die Möglichkeit zum Kauf bekommen.

Noch heute kann es Ulf Heitmann kaum fassen, dass genau das geschah. Die frisch gegründete Genossenschaft "Bremer Höhe" eG (51 Gründungsmitglieder) kaufte alle Häuser aus eigener Kraft (13,5 Millionen Euro und einem Sanierungsstau von 25 Mio. €). Ein Wunder, das bis heute wirkt.

Denn heute gehört die Genossenschaft "Bremer Höhe" eG zu den Erfolgsgeschichten im breiten Spektrum des gemeinwohlorientierten Berliner Wohnungsbaus – also dem großen Bereich, in dem es eben "nur" darum geht, Mietern und Mieterinnen ein bezahlbares und trotzdem qualitätsvolles Wohnen zu ermöglichen. Die Durchschnittsmiete der Wohnungen der Bremer Höhe (alle grundsaniert) liegt bei 6,60 Euro.

Die Geschäftsstelle der Bremer Höhe findet sich im ältesten Gebäude des Ensembles in der Schönhauser Allee 59. An dem Tag Anfang Juli, als ich Ulf und sein Team dort besuche, schüttet es aus allen Kanälen. Ich kann weder die wunderschön renovierten Fassaden noch den grünen, riesigen Innenhof besichtigen, wenn ich nicht klatschnass werden will. Also bleiben wir im Büro im kleinen Konferenzraum und Ulf erzählt mir, was gerade in der Genossenschaft los ist.

So schön sehen die Fassaden der historischen Gebäude der Genossenschaft heute an der Schönhauser Allee aus

Viel ist los, denn die Genossenschaft wächst weiter. 14 Projekte mit ca. 830 Wohnungen und Gewerbeeinheiten gehören mittlerweile zur Dachgenossenschaft "Bremer Höhe".

Spektakulär war der Kauf eines ganzen Dorfes an der nördlichen Stadtgrenze von Berlin, in der Gemeinde Panketal. 107 Wohnungen gibt es in Hobrechtsfelde, einer ehemaligen Landarbeitersiedlung. Seit 2010 gehört sie zur "Bremer Höhe".

Das jüngste Projekt, das Ulf gerade sehr beschäftigt, liegt in Sichtweite der Geschäftsstelle, ebenfalls an der Schönhauser Allee, schräg gegenüber auf der anderen Seite des Viadukts der hier laufenden U2. Das riesige alte Mietshaus, Baujahr 1907, sollte 2021 an einen Investor verkauft werden, mit den dann drohenden bekannten Folgen: Entmietung, Luxussanierung, teure Neuvermietungen oder Umwandlung zu teuren Eigentumswohnungen. Doch wie schon 20 Jahre vorher bei der Bremer Höhe formierte sich Widerstand über eine Mieterinitiative, der wieder eine Frist gesetzt wurde – dieses Mal waren es nur fünf Wochen.

Und wieder geschah ein kleines Wunder, diesmal mit tätiger Unterstützung der "Bremer Höhe", die das Haus übernehmen konnte – weil das Bezirksamt Pankow sein Vorkaufsrecht ausübte.

Ulf und ich sind uns bei dieser Gelegenheit einig: Wo es den politischen Willen gibt, die Spekulation am Wohnungsmarkt zu beenden, da gibt es schon längst die richtigen Instrumente: Mietpreisbremse, Vorkaufsrechte und so weiter. Und wo sie angewandt werden, wirken sie – ganz ohne die so öffentlichkeitswirksamen Forderungen nach Enteignungen von Wohnungsbaukonzernen. Doch Ulf erzählt auch: Die öffentliche Verwaltung in Berlin sei ausgeblutet und völlig überfordert. Es fehle an guten Leuten; die würden wegen der schlechten Bezahlung und untragbarer Arbeitsbedingungen in lukrativere Jobs abwandern.

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Seit über 20 Jahren macht Ulf jetzt den Job an der Spitze der "Bremer Höhe" – und manchmal ist er des Kampfes müde. Die politischen Bedingungen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, werden schwerer und schwerer. Wo er vor über 20 Jahren einen Aktenordner für wichtige Bauabschnitte brauchte, sind es heute Dutzende. Das "4‑fache an Kosten und das 3‑fache an Zeit" müsse er heute generell für die Grundsanierung eines Hauses einplanen. Trotzdem kann die "Bremer Höhe" die an diesem Ort immer noch sehr günstigen Mieten von rund sieben Euro halten. Als Bestandsgenossenschaft kann sie neue Projekte über die alten Bestände (in Summe 780 Wohnungen) querfinanzieren. "Neue Genossenschaften, die ihr erstes Haus bauen oder sanieren", ergänzt er aber, müssten dann aber die volle Kostenmiete nehmen. Beim Neubau sogar noch mehr. Und die lägen oft bei über 15 Euro und näherten sich damit Mieten, die auch im privat finanzierten Wohnungsbau verlangt werden.

Wofür braucht es dann überhaupt noch Genossenschaften? Wenn sie am Ende genauso teuer sind wie alle anderen?

Ulf kann das erklären: Weil Genossenschaften keinen Gewinn für Stakeholder generieren, sondern ihr verdientes Geld reinvestieren, für ihre Mitglieder. Weil sie ihre Häuser nicht bauen (oder sanieren), um sie irgendwann mal mit Profit zu verkaufen, sondern weil sie in Jahrzehnten planen und die Mieten so kalkulieren, dass sie kostendeckend sind, aber nicht auf reine Gewinnabsicht ausgerichtet sind. Weil es Genossenschaften, Baugruppen oder ähnlichen Initiativen immer darum geht, bezahlbaren (!) Wohnraum zu ermöglichen, nicht nur einfach Wohnraum. "Die Häuser denen, die drin wohnen", das ist Ulfs Leitspruch seit vielen Jahren.

Um das noch mal deutlicher zu machen, geht Ulf in die Vergangenheit zurück. Er erinnert an die Jahre um die Jahrtausendwende 1900, als sich viele Genossenschaften gründeten,

Hieß es noch um das Jahr 1900 bei der Gründung von Genossenschaften

Die Alten sind tot
Die Kinder in Not
Die Enkel in Brot

hätten heutige Gründer von Wohnungsbaugenossenschaften schon nach rund 10 bis 15 Jahren entschiedene Vorteile im Vergleich zu "normalen Wohnungsmietern", weil dort die Mieten eben immer weiter steigen. Und das - da sind wir uns beide einig - ist doch ein Lichtblick. Oder?

PS: Die Wohnlage legte eine Urlaubspause. Im Oktober erscheint dann wieder eine Folge

Infobox

Mehr Infos zur Genossenschaft "Bremer Höhe" eG gibt es auf deren Webseite. Und eine gute Lektüreempfehlung ist die August Ausgabe vom Surplus Magazin über die Mietenexplostion.

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Kolumne

Dorothea Heintze

Wohnen wollen wir alle. Bitte bezahlbar. Mit Familie, allein oder in größerer Gemeinschaft. Doch wo gibt es gute Beispiele, herausragende Architekturen, eine zukunftsorientierte Planung? Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß: Das eigene Wohnglück zu finden, ist gar nicht so einfach.