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Wann immer es in den vergangenen Wochen gepasst hat, habe ich Bekannte, Freundinnen und Freunde, Verwandte oder Sportskameraden gefragt: "Warum wird so wenig über den Klimawandel berichtet - obwohl wir alle in diesem Sommer die Folgen sehen?" Insgesamt habe ich 20 Menschen gefragt - und zugehört.
Die Antworten ähnelten sich:
Was bringt es, wenn wir unsere Wirtschaft ruinieren, während der Rest der Welt keinen Klimaschutz betreibt?
Es ist doch ohnehin zu spät, wir können uns nun nur noch anpassen.
Es wird doch eh alles nicht so schlimm kommen.
Es fehlt die politische Führung. Mal hypt die Politik E-Autos, dann wieder Verbrenner. Mal Wärmepumpen, dann wieder Gasheizungen. Man weiß nicht, woran man ist.
Dieses Phänomen nennt sich "Klimaskepsis". Wie kann es sein, dass sie gerade quasi kollektiv um sich greift? Dass der riesige Elefant namens menschengemachter Klimawandel zwar im Raum steht, der Bundesverkehrsminister aber lieber von tieferen Fahrrinnen in Flüssen spricht, statt das Problem zu adressieren: Wir müssen weg von den fossilen Brennstoffen, wir müssen den Klimawandel bekämpfen!
Vielleicht liegt das auch an den sogenannten Alternativmedien: Vor wenigen Tagen ist eine Studie von Luis Paulitsch erschienen; er forscht seit Jahren zu sogenannten "Alternativmedien". Und in seiner neuer Studie geht es genau um die Frage, sie heißt: "Klimaskepsis durch 'Alternativmedien'?"
Den Link zur Studie finden Sie unter dem Interview.
Herr Paulitsch, was ist gemeint mit "Alternativmedien"?
Luis Paulitsch: Ursprünglich entstammt der Begriff aus sozialen Bewegungen, die im 20. Jahrhundert eine Gegenöffentlichkeit zur etablierten Medienlandschaft aufbauen wollten und durchaus frischen Wind brachten. Mit dem Aufstieg von Social Media in den 2010er Jahren beanspruchten weit rechts stehende Medien die Bezeichnung für sich, die unter dem Deckmantel des Journalismus Propaganda oder Desinformation betrieben. Deshalb setzt man das Wort "Alternativmedien" heute oft in Anführungszeichen. Oder verwendet andere Begriffe: Parallelmedien zum Beispiel. Oder Parajournalismus.
Welche Medien zählen Sie zu diesen Parallelmedien?
Das Spektrum rechter Parallelmedien ist mittlerweile sehr breit. Es reicht von klar rechtsextremen Publikationen wie dem "Compact"-Magazin oder hier bei uns in Österreich "AUF1". Hinzu kommen rechtskonservative bis -libertäre Publikationen, etwa "Tichys Einblick", "Achse des Guten" oder "Nius". Und dann gibt es noch sogenannte Querfront-Projekte, die häufig prorussische oder verschwörungsideologische Inhalte verbreiten. Viele der Parallelmedien stehen in einem engen, man könnte sagen symbiotischen Verhältnis zu Parteien wie der FPÖ oder AfD.
Luis Paulitsch
Warum ist der Klimawandel für diese Parallelmedien ein wichtiges Thema?
Klimabezogene Desinformation reicht zurück bis in die1980er Jahre. Speziell in den USA wurde schon damals gezielt in einschlägige Thinktanks und Kampagnen investiert, häufig finanziert von der Öl- und Chemieindustrie. In Europa rückte das Thema mit dem Aufstieg der Klimabewegung ins Zentrum, so auch bei Parallelmedien: Während sie sich um 2015 noch stark auf Migration konzentrierten, geriet mit Fridays for Future und den Wahlerfolgen grüner Parteien auch die Klima- und Energiepolitik in den Fokus.
Wir sehen Brände, erschreckend viele Hitzetote und eine ausgeprägte Dürre in Spanien, Frankreich, Deutschland, Griechenland und auch bei Ihnen in Österreich. Macht es für "Alternativmedien" überhaupt noch Sinn, die menschengemachte Erderwärmung zu leugnen?
In Europa sieht eine sehr große Mehrheit den Klimawandel als reale Gefahr. Die Klimadesinformation zielt deshalb weniger darauf ab, ihn komplett zu leugnen. Schon länger gibt es andere Strategien, um in der Bevölkerung Klimaskepsis zu verbreiten: sogenannte Verzögerungsnarrative.
Zusammenfassen lassen sich diese Narrative mit: "Nicht ich, nicht jetzt, nicht so, zu spät!" Warum sind diese Verzögerungsstrategien so anschlussfähig?
Weil sie die Klimawissenschaft nicht per se angreifen, aber Zweifel säen. Eigentlich wären zahlreiche klimapolitische Maßnahmen nötig. Aber Medienakteure stellen deren Effektivität oder Motivation in Frage - das ist enorm wirksam.
So kursieren in Parallelmedien seit Jahren Erzählungen wie: Der Ausbau der Erneuerbaren schwäche den Wirtschaftsstandort. Deutschland könne ohnehin nichts ausrichten. Klimaschutz schränke unsere Freiheit ein. Und sowieso: Mit Europa gehe es bergab. Sehr oft lässt sich auch eine gewisse Häme beobachten, wenn es im Winter doch einmal schneit oder im Juli kühl ist. "Wo bleibt denn der Klimawandel?", heißt es dann. Diese Erzählungen finden ihren Weg in den bürgerlichen Mainstream, sie verfangen – und langfristig passiert auch deshalb beim Klimaschutz zu wenig.
Auch ich ertrage die Klimanachrichten dieses Sommers kaum mehr und bin fast schon genervt vom Thema, traurig oder verärgert.
Kampagnen gegen Klimaschutz sind auch deshalb so wirkmächtig, weil sie das Publikum emotional ansprechen. Man wird wütend über die vermeintlich irrationale oder ideologiegetriebene Politik. Viele Parallelmedien bedienen das Narrativ von Deutschlands Weg in den Untergang. Immer mehr Kommunikationsexperten betonen, dass auch die Befürworterinnen und Befürworter der Energiewende emotionale Gegenerzählungen schaffen müssen. Mit positiven Zukunftsbildern, nicht immer nur dystopischen Szenarien – zum Beispiel, um wieviel gesünder und weniger stressig das Leben in einer klimaneutralen Stadt sein könnte.
Wie genau findet der Transfer von Parallelmedien in andere Redaktionen statt?
Es mag etablierte Medien geben, die Parallelmedien ideologisch nahestehen – das sehen wir oft bei Kulturkampf-Themen, Stichwort "Wokeness". Eine zentrale Rolle spielt aber Social Media. Für sich genommen haben Parallelmedien wenig Reichweite, verglichen mit Nachrichtenseiten wie bild.de ist es nur ein Bruchteil. Aber sie bilden im digitalen Raum inzwischen ein eigenes Ökosystem: Man verweist aufeinander, lädt dieselben vermeintlichen Experten ein, teilt ähnliche "Wahrheiten". Durch die Algorithmen und den ideologisch motivierten Umbau der US-Plattformen erzielen bestimmte Erzählungen dann überproportional hohe Sichtbarkeit. Auf YouTube oder X entsteht so eine scheinbare Parallelöffentlichkeit, auf die dann etablierte Medien und Politiker aufmerksam werden.
"Vor allem Postings, die negative Emotionen schüren, werden mit Reichweite belohnt"
Luis Paulitsch
Und dann sagt in einem etablierten Medienhaus, das für Qualitätsjournalismus steht, jemand: "Das sollten wir auch aufgreifen!" Oder Redakteure denken sich: Mit diesem Dreh holen wir Klicks. Ist das der ganz menschliche Weg, auf dem so etwas durchsickert?
Auf jeden Fall. Das ist das Grundproblem der heutigen digitalen Kommunikation: Die Informationsverbreitung über soziale Plattformen beruht auf dem so genannten Engagement – wie lange bleibe ich hängen, like ich es, teile ich es. Die Algorithmen sind wenig transparent, aber mehrere Studien zeigen: Es werden vor allem Postings, die negative Emotionen schüren, mit Reichweite belohnt. Bei polarisierenden Klima-Themen wie dem "Heizungshammer" - der Überarbeitung des Gebäudeenergiegesetzes unter der "Ampel"-Regierung bei Ihnen in Deutschland - wissen auch etablierte Medien, dass das die Leute aufregt, also bringen sie es umso zugespitzter. Sie passen sich den Funktionslogiken sozialer Medien an, ganz ohne Zutun der Parallelmedien.
Beim "Heizungshammer" blieb das nicht ohne Folgen...
Ja, beim Gebäudeenergiegesetz gilt die "Bild"-Zeitung als ein maßgeblicher Akteur, der teilweise mit irreführenden Verkürzungen gearbeitet hat. Aber es lohnt trotzdem, sich klimaskeptische Parallelmedien gesondert anzuschauen: Sie arbeiten weit weniger nach medienethischen Standards, oder lehnen sie komplett ab. Es handelt also eher um ein politisches Phänomen, auf das die Gesellschaft Antworten finden muss.
Lesen Sie hier: Wie Kenia mit grüner Energie klimaneutral werden will
Welche Antworten können das sein?
Wir tun oft so, als falle die Desinformation einschlägiger Portale einfach vom Himmel. In Wahrheit ist sie sehr oft eine Gegenreaktion aus partikularen Interessen heraus. Und sei es nur, dass ein Akteur noch länger Geld mit fossiler Energie machen will. Manchmal stellt Desinformation sogar ein Mittel der hybriden Kriegsform dar, weil sie demokratische Gesellschaften spaltet oder den Westen schwächen kann. In Finnland oder Estland wird deren Bekämpfung auch deshalb stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen, weshalb diese Länder auch deutlich besser bei der Medienkompetenz abschneiden.
Welche Akteure geben in deutschsprachigen Parallelmedien bei der Klimaskepis den Ton an?
Ein Großteil der deutschsprachigen Parallelmedien hat Überschneidungen zu marktradikalen bis klimaskeptischen Organisationen, die gegen Klimaschutz und Energiewende lobbyieren. Bei "Nius" zum Beispiel ist der Hauptfinanzier Frank Gotthardt. Das Portal hat sich vor allem in seinen ersten Jahren, als die Grünen noch mitregierten, durch aggressive Kampagnenarbeit hervorgetan. Wer sich die Schlagzeilen auf "Nius" zu den Grünen anschaut, sieht: Das ist kein Journalismus, das ist Agitation. Interessanter ist, dass Gotthardt viele Jahre Bundesvorstandsmitglied und heute Ehrenvorsitzender eines Landesverbands des Wirtschaftsrats der CDU ist.
"Es sind inzwischen so viele Alternativmedien, dass sie im digitalen Raum eine Parallelwelt bilden"
Luis Paulitsch
Der – anders als sein Name suggeriert – aber kein CDU-Parteigremium, sondern ein Lobbyverband ist.
Ja. Er hat rund 13.000 Mitglieder, darunter viele deutsche Unternehmen, und fällt immer wieder als scharfer Bremser beim Klimaschutz auf, etwa was den Kohleausstieg betrifft. Prominente Vertreter des CDU-Wirtschaftsrats traten in der Vergangenheit bei "Nius" auf, der Generalsekretär schrieb Gastbeiträge. Eine unmittelbare Verbindung also – der sich jeder bewusst sein sollte, der die Inhalte von "Nius" konsumiert.
Im Frühjahr hieß es, dass "Nius" defizitär sei, kaum Abonnenten habe und nicht die Reichweiten erziele, die anderen diesem Parallelmedium nachsagen. Also alles halb so wild?
Viele dieser Projekte sind stark abhängig vom Finanzierungswillen einzelner wohlhabender Personen oder von Parteien. Und ihre Websites verlieren derzeit an Reichweite, nicht zuletzt wegen KI-Apps wie ChatGPT, über die sich immer mehr Menschen informieren. Viele Akteure weichen auf soziale Plattformen aus, sie werden zu YouTubern und Podcastern, in den USA ist das schon länger zu beobachten.
Mit einzelnen Parallelmedien braucht man sich nicht zu stark beschäftigen, da haben Sie Recht, dafür ist ihre Reichweite zu gering. Aber es sind inzwischen so viele, dass sie im digitalen Raum wie gesagt eine Parallelwelt bilden. Und die ist durch ihre schiere Quantität effektiv genug, um das politische Geschehen immer wieder zu beeinflussen.
Russland ist ein Exporteur fossiler Energie. Nutzt Putins Regime Parallelmedien für seine Zwecke?
Eine Studie des Forschungsprojekts "Rusinform" hat 2024 deutschsprachige Alternativmedien auf ihr Verhältnis zu Russland hin untersucht. Das Ergebnis: Die Hälfte der zwanzig führenden Parallelmedien hat institutionelle, personelle oder mediale Verbindungen zum Kreml, darunter Jürgen Elsässer und sein "Compact"-Magazin. Als Außenstehender lässt sich aber schwer beurteilen, ob ihre Kampagnen gegen die Energiewende auch geopolitische Ziele verfolgen. Russland hat jedenfalls ein großes Interesse daran, dass Europa von fossilen Rohstoffen abhängig bleibt.
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Eine wichtige Rolle in Ihrer Studie spielt ein Institut namens "Eike", was hat es damit auf sich?
Das Kürzel "Eike" steht für Europäisches Institut für Klima und Energie, ist aber entgegen der Eigendarstellung kein Forschungsinstitut, sondern ein seit 2007 eingetragener Verein mit Postfachadresse in Jena. Im deutschsprachigen Raum gilt Eike als zentraler Akteur der Klimawissenschaftsleugnung. Nur ein Teil seiner Mitglieder sind Wissenschaftler, einige davon im Ruhestand, außerdem stehen mehrere der AfD nahe.
Jährlich veranstaltet Eike Klimakonferenzen, die quasi als Gegenöffentlichkeit zu den seriösen UN-Klimagipfeln dienen. In seinem Jahresrückblick 2025 erwähnt Eike die intensivierte Zusammenarbeit mit Alternativmedien als Schwerpunkt und führt beispielhaft die Schweizer "Weltwoche", den "Kontrafunk" und "Tichys Einblick" an. Man macht daraus kein Geheimnis mehr – trotzdem wird es in der Öffentlichkeit bislang zu wenig thematisiert.
Was wäre also Ihr Appell?
Man sollte einem Medium keine Vorschriften machen, worüber es berichten soll, und es ist natürlich legitim, Social-Media-Debatten zum Klima und zur Energiewende aufzugreifen. Aber ich kann mir als seriöses Medium immer die Frage stellen: Lasse ich mich von einer Kampagne instrumentalisieren, die gezielt lanciert wurde? Genau das ist ja das Ziel: dass bestimmte Narrative den Weg in die breite Öffentlichkeit finden. Bernhard Pörksen hat vor zwei Jahren im "Spiegel" die deutsche Klimaberichterstattung durchaus gelobt, aber auch kritisiert, dass ein investigativer Klimajournalismus fehlt.
Wie könnte ein investigativer Klimajournalismus aussehen?
Es geht vor allem um die Frage, welche Akteure ein Interesse daran haben, dass beim Klimaschutz weiterhin zu wenig passiert. Da ist die deutsche Öffentlichkeit eher zurückhaltend, auch die Öffentlich-Rechtlichen berichten selten zu Lobbyismus. Dabei zeigt sich die US-Regierung aktuell gewillt, Think Tanks in Europa zu fördern, die der MAGA-Bewegung ideologisch nahestehen. Es könnten in den nächsten Jahren also sehr viele klimaskeptische Organisationen Geld bekommen.
Woran erkenne ich schnell, dass ich einen Beitrag aus einem Parallelmedium vor mir habe?
Ich sollte skeptisch werden, wenn ein Artikel mich in meiner Weltsicht komplett bestätigt. Fehlt im Beitrag jeder Zweifel, habe ich es sehr oft mit einem hyperparteiischen Medium zu tun. Weitere Merkmale: Es wird ein Vorfall nur aus einer Perspektive beleuchtet. Eine Person oder Gruppe wird attackiert, ohne dass deren Sicht im Beitrag berücksichtigt wird. Und es treten vermeintliche Fachleute auf, die im akademischen Betrieb keine Reputation genießen, sondern vorrangig auf YouTube-Kanälen präsent sind. Es hilft dann zu recherchieren, ob die Person auch für seriöse Einrichtungen arbeitet, zum Beispiel an einem Lehrstuhl einer Universität.
Die Studie "Klimaskepsis durch 'Alternativmedien'? Strategien und Muster in der Klimaberichterstattung können Sie hier lesen und herunterladen.
Luis Paulitsch ist Autor des Buches "Alternative Medien. Definition, Geschichte und Bedeutung", das 2025 in der Reihe "Medienwissen kompakt" erschienen ist, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ISBN 978-3-658-47632-8, 109 Seiten, 17,99 Seiten


