Frau mit gelber Fahne auf Rohbau. Auf der Fahne steht IBA
Zurzeit können bei der IBA-Stuttgart vor allem Baustellen besichtigt werden.
IBA’27/Nikolaus Grünwald
Bauausstellungen
Eine Fabrik der Zukunft
Viele Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft kämpfen mit Veränderungen. Internationale Bauaustellungen machen vor, wie Wandel gelingen kann. Gerade jetzt in Stuttgart. 2027 ist Präsentationsjahr
Tim Wegner
21.05.2026
5Min

Warum es in Stuttgart eine Internationale Bauausstellung gibt? Andreas Hofer muss nicht lange nachdenken. Seit 2018 lebt der Schweizer Architekt in Stuttgart, leitet seitdem die "IBA 2027 StadtRegion Stuttgart" und weiß: Internationale Bauausstellungen, kurz IBA, sind und waren immer schon ein Anzeichen von Krise: "Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann mache ich eine IBA", bringt er es auf den Punkt.

Bezogen auf Stuttgart allerdings geht es vor allem darum, eine drohende Krise abzuwenden. Immer noch zählen Stadt und Region zu den wirtschaftlich erfolgreichsten des Landes. Doch Wachstumsdruck und Mangel an bezahlbarem Wohnraum, demografischer Wandel und Zuwanderung, Strukturwandel in der Industrie, Klimawandel, Landschaftsschutz und vor allem die Krise der Autoindustrie senden drohende Vorzeichen. Die Idee, in der Region Stuttgart eine IBA zu organisieren, entstand vor über zehn Jahren. Ein Team wurde zusammengestellt, die Arbeit begann. 2027 kommt das "Präsentationsjahr". Dann soll sich zeigen, ob die IBA-Stuttgart gehalten hat, was sie versprochen hat.

Internationale Bauausstellungen sind, anders als der Name vielleicht vermuten lässt, keine zeitlich eng begrenzten Ausstellungen auf fest definierten Flächen mit schicken Architekturbauten, einem festen Anfang und Endpunkt. Sie sind vielmehr "Bewegungen" mit jahrelangen Planungen, langwierigen Prozessen und oftmals auch ungeplanten Ergebnissen. Um es mit den Worten des vor einigen Jahren gegründeten IBA-Expertenrates zu sagen: "Seit mehr als einem Jahrhundert rücken diese Experimentierfelder die aktuellen Fragen des Planens und Bauens in den Fokus der nationalen und internationalen Diskussion." Jede IBA sei eigenständig, mit einem eigenen Format, "erfinde sich ständig neu" und sei ein "Markenzeichen nationaler Bau- und Planungskultur".

Ein Blick zurück zeigt, was eine IBA bewirken kann: Noch heute pilgern Architekturfans ins Hansa-Viertel nach Berlin, wo mitten im Zentrum der damals noch geteilten Stadt im Rahmen der IBA-57 ein komplett neues Wohnquartier mit Hochhäusern entstand; wegweisend für Architektur und Städteplanung der nächsten Jahrzehnte. "Zukunft StadtLand!" lautete das Motto der IBA-Thüringen von 2012 bis 2023. Sie zeigte erfolgreich an vielen Beispielen, welche Ressourcen Leerstand bietet - der großartige Eiermann-Bau in Apolda beweist dies eindrücklich. Die IBA-Hamburg, von 2006 bis 2013, schaffte den in der Hansestadt seit Jahrzehnten gewünschten Sprung über die Elbe und ließ völlig neue Stadtviertel an der südlichen Stadtgrenze entstehen.

Noch eines eint alle Internationalen Bauausstellungen: Keine wurde je komplett staatlich finanziert. Allerdings gibt es mittlerweile eine institutionelle Unterstützung des Bundes. Organisiert wird diese von Bérénice Preller vom "Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung" in Bonn. Wichtig, so erzählt sie mir am Telefon, sei das völlig freie Format einer jeden IBA, die theoretisch jeder und jede ins Leben rufen könne. Niemand zertifiziert, niemand vergibt ein Label. Was es dagegen gibt, sind der oben zitierte und vom Bund organisierte Expertenrat und regelmäßige Netzwerktreffen zwischen den Teams alter, gerade laufender oder auch angedachter Bauausstellungen: "Das Format soll offen bleiben und sich weiterentwickeln können", sagt Bérénice Preller, doch gleichzeitig müsse der hohe Qualitätsanspruch gewahrt werden. Deshalb engagiert sich der Bund auch finanziell.

Denn längst ist die IBA, entwickelt in Deutschland und viele Jahrzehnte ein rein deutsches Phänomen, nicht nur dem Namen nach international geworden. So gab es bereits eine IBA in der Schweiz, eine in Wien.

Mit am bekanntesten in der Geschichte der Bauausstellungen ist die IBA Emscher Park, von 1989 bis 1999 in Nordrhein-Westfalen organisiert. Sie bewirkte, dass aus dem ehemals rußverdreckten und schlecht beleumundeten Ruhrpott eine Vorzeigeregion für gute Lebensqualität wurde. Und sie trug dazu bei, dass Industriedenkmale von Weltruf geschaffen wurden. Die Zeche Zollverein in Essen zählt heute zum Welterbe der Unesco.

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Auch das Haus von Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung gehört seit einigen Jahren zum Welterbe. 1927 organisierte der Deutsche Werkbund hier eine Ausstellung zum neuen Wohnen. Heute gilt die Siedlung als Ikone in der Geschichte des Wohnungsbaus und feiert im Rahmen der aktuellen IBA ihr 100-jähriges Bestehen.

Noch befindet sich das Besucherzentrum der Weissenhofsiedlung im historischen, von Le Corbusier erbauten Wohnhaus von 1927

In Stuttgart empfängt Andreas Hofer seine Gäste in der Etage eines eher schmucklosen Altbaus, nichts weist draußen darauf hin, dass hier gerade wegweisende Ideen für die Region entwickelt werden sollen. Vielleicht auch ein Kennzeichen dafür, dass die IBA in Stuttgart bisher eher im Hintergrund agiert, oder, wie Kritiker in der Stadt bemängeln, viel zu wenig wirklich realisiert wurde?

Andreas Hofer widerspricht. Die IBA Stuttgart zeige sehr wohl, was Bauausstellungen heute leisten könnten. Ganz bewusst habe man auf ein pompöses Büro mit Publikumsverkehr in der Stadt verzichtet: "Wir sind eine Fabrik der Zukunft". Stolz ist er auf die über 40 laufende IBA-Projekte in der Stadt und in der Region. Die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft sei in vielen Bereichen sicher auch schmerzhaft, doch genau das zeichne ja auch Bauausstellungen aus.

Neu an der IBA-Stuttgart, darauf verweist Andreas Hofer immer wieder, sei der explizite Schwerpunkt auf dem Thema Gewerbe: Arbeits- und Wohnwelt würden stets zusammen gedacht, was es in der Geschichte der Bauausstellungen bisher so nicht gegeben habe.

Allerdings weiß auch er: Viele Projekte sind 2026 längst nicht so weit, wie sie vor acht oder neun Jahren mal angedacht waren. Corona, Ukraine, jetzt der Iran-Krieg zeigen Auswirkungen, vieles ist immer noch im Anfangsstadium. Und natürlich gab es auch für die Finanzierung derartiger Großprojekte schon mal bessere Zeiten als heute. Die Projekte werden von den jeweiligen Projektträgern finanziert, also von den Städten, Gemeinden, Genossenschaften oder privaten Investoren. Und da gibt es überall Finanzprobleme. Die IBA selbst ist ausschließlich beratend tätig.

Gedankenaustausch im Altbau mit Balkon: Besuch in Stuttgart bei Andreas Hofer

Doch warum lohnt sich jetzt und im nächsten Jahr ein Besuch in Stuttgart trotz allem? Weil eben auch Baustellen spannend zum Besichtigen sind, weiß Andreas Hofer. Und davon gibt es in Stuttgart ja viele...

Völlig zeitlos lockt die historische Weißenhof-Siedlung. Noch befindet sich das Besucherzentrum im Le-Corbusier-Haus von 1927. Doch das soll sich zum 100. Geburtstag ändern. Denn diese IBA-Baustelle ist im Plan: das neue, spektakulär schöne "Weissenhof.Forum" nur wenige Meter von der historischen Siedlung entfernt, öffnet pünktlich zum Jubiläumsjahr 2027.

Infobox

Mehr zu den Projekten der IBA gibt es auf der Webseite. Informativ ist auch die Webseite des Bundes ganz allgemein zu den Bauausstellungen.

Und wenn es noch eines weiteren Grundes bedarf, um mal nach Stuttgart zu fahren: Am 19. und 20. Juni 2026 treffen sich über 1000 Menschen aus dem großen Bereich gemeinschaftliches Bauen und Wohnen zum großen Zusammen Leben Festival im Kunstverein Waagenhallen. Ein echtes Happening.

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Kolumne

Dorothea Heintze

Wohnen wollen wir alle. Bitte bezahlbar. Mit Familie, allein oder in größerer Gemeinschaft. Doch wo gibt es gute Beispiele, herausragende Architekturen, eine zukunftsorientierte Planung? Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß: Das eigene Wohnglück zu finden, ist gar nicht so einfach.