Kinderbücher
Danke, Janosch!
Seit mein Sohn ganz klein ist, lese ich ihm regelmäßig die Geschichten von Janosch vor. Warum mich sein Tod traurig macht und ich ihm als Vater viel zu verdanken habe
Motiv Tiger und Bär aus «Oh, wie schön ist Panama»
Der kleine Bär mit dem kleinen Tiger und der Tigerente aus "Oh, wie schön ist Panama"
Janosch film & medien AG, Berlin
Tim Wegener
05.11.2026
4Min

"Janosch ist tot!" Selten haben mir so viele aufgewühlte Kolleginnen und Kollegen denselben Satz gesagt oder geschrieben. Es schien die Nachricht des Tages - und das am Tag nach den spektakulären Midterm-Wahlen in den USA. Der erfolgreichste Kinderbuchautor und -illustrator der Nachkriegszeit, geboren als Horst Eckert im oberschlesischen Zabrze, ist im Alter von 95 Jahren in seiner Wahlheimat Teneriffa gestorben.

Alle, mit denen ich darüber gesprochen habe, waren betroffen, egal wie alt. Denn fast allen wurde aus Janoschs Büchern über den kleinen Tiger und den kleinen Bären vorgelesen. Oder sie hatten schon ihren Kindern und Enkeln vorgelesen, von der Tigerente, von Günter Kastenfrosch oder von Schnuddel, Schnuddelpferdchen und Schnuddelsuse. Zuletzt haben sie sich vielleicht selbst über die kurzen Geschichten von Herrn Wondrak und seiner Luise im ZEIT Magazin amüsiert, die Janosch dort wöchentlich von 2013 bis 2019 veröffentlichte.

Auch ich habe einen kleinen Stich verspürt, als ich von Janoschs Tod erfahren habe. Erst am Abend zuvor hatte ich meinen Kindern die Geschichte von Schnuddel vorgelesen, der den Hasen Rudi überredet, ihn auf dem Tandem durch die Gegend zu kutschieren, weil natürlich vorne auf dem Rad immer der Stärkere und Klügere sitzt. So ließ sich der einfältige und eingebildete Hase Rudi von Schnuddel hereinlegen und strampelte sich einen ab, während Schnuddel auf dem hinteren Sattel eine schöne Zeit hatte. Wie beispielhaft diese Geschichte für Janoschs Werk steht: witzig, pointiert, frei von Moral und auf der Seite des faulen Genießers.

Janoschs Figuren durften auch mal ihre fiesen Seiten zeigen, die ja auch Kinder durchaus haben können. Sie sind faul, frech oder egoistisch, aber nie wirklich böse. Es ist ja nicht so, als ob es in seinen Geschichten gar keine Moral gab. Als Schnuddel einmal den Hasen Baldrian mit einer Falle fangen will, stürzt er selbst hinein und wird von ebenjenem gutmütigen Hasen gerettet.

Janoschs Geschichten entziehen sich einer Erwachsenen-Logik

Kein Wunder, dass mein 3-jähriger Sohn Janosch liebt. Eines seiner ersten Kinderbücher war "Oh, wie schön ist Panama". Als die Kinder in seinem Kindergarten einen Steckbrief über ihr Lieblingsland ausfüllen sollten, wollte mein Sohn unbedingt Panama nehmen und als berühmte Bürger des Landes schrieben wir einfach "Tiger und Bär" auf das Papier. In seinem Zimmer hängt ein Janosch-Kalender an der Wand. Wenn er krank ist, ziehen wir als Erstes "Ich mach dich gesund, sagte der Bär" aus dem Regal. Es wirkt besser als jede Medizin. Mein Sohn saugt jedes Wort auf und fühlt sich dann "schon wieder ein wenig besser", wie es in der Geschichte oft heißt. Doch dann "ging es ihm gleich wieder ein wenig schlechter, denn er wünschte sich Besuch".

Janosch hat den Wortschatz meines Sohnes um so tolle Beschimpfungen wie "du Lümmel" und "ihr Halunken" erweitert, die er jetzt nur zu gern benutzt, wenn er sauer ist. Ich musste ihm erklären, was es heißt, wenn jemand "arm wie eine polnische Feldmaus" ist. Und ich liebe es, Sätze vorzulesen wie: "Ein Köder ist, wenn einer kommt und ihn essen will, weil derselbe seine Leibspeise darstellt, geht er in die Falle und die Falle schnappt zu, dann ist er gefangen. Das ist ein Köder." Würde sowas heute in einem Kinderbuch stehen?

Janoschs Geschichten entziehen sich oft einer klassischen Dramaturgie oder Logik, die Erwachsene nachvollziehen können. Figuren tauchen auf, die danach keine Rolle mehr spielen und sagen Sachen, die keinen Sinn ergeben. Zum Beispiel die wirren Reden des dicken alten Waldbären, der vor und nach den einzelnen Folgen der Zeichentrickreihe "Janoschs Traumstunde" auftaucht, die Ende der 1980er produziert wurde.

Der Waldbär, eine gottgleiche, anarchische Figur, schwebt mit bescheidener Gleichgültigkeit über den Dingen und liegt als eine Art alter Ego von Janosch häufig in seiner Hängematte. Als "Ansager" fügt er der Geschichte nichts Gehaltvolles hinzu. Aber Kindern ist das egal, denn es ist lustig. Janosch war einer dieser Erwachsenen, die es verstanden haben, sich wirklich in ein Kind zu versetzen und nicht nur kindgerecht eine erwachsene Geschichte zu erzählen.

Es ist viel darüber geschrieben worden, dass Janoschs Kindheit mit einem prügelnden, alkoholkranken Vater in einem erzkatholischen Umfeld die Hölle war. Und doch gelang es ihm, daraus etwas Positives zu schaffen und die Kindheit von Millionen Kindern zu bereichern. Wenn ich meinem Sohn heute Abend wieder ein Buch vorlese, wird es eines von Janosch sein. Er wird lachen und ich werde ein bisschen traurig sein, denn ohne Janosch hätten wir nie den Tiger getroffen, und den Bär nicht. Und wir hätten den Hasen und den Igel nicht getroffen und wir hätten nie erfahren, wie schön Panama ist.

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Kolumne

Michael Güthlein
,
Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: zwei (Säugling, 3) und drei Kinder (7, 10, 12). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.