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Leider fällt mir viel zu oft viel zu spät ein, was ich sagen sollte. Zum Beispiel vor gut einem halben Jahr: Da saß ich mit einer Kollegin auf einem Podium und diskutierte. Sie ist eine überzeugte Pazifistin, wünschte sich neue Friedensinitiativen und wandte sich gegen die Sicherheitspolitik der Regierung. Sie habe Hoffnung, dass man mit diplomatischen Mitteln und ohne Waffen Frieden für die Ukraine erreichen könne.
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Ich bin kein Pazifist (allerdings auch kein Militarist). Ich bin verunsichert und skeptisch. Als ich ausführte, dass ich für viele Gewaltorte, besonders für die in der Ukraine, im Moment keine Hoffnung sähe, entgegnete meine Kollegin, es sei doch unsere Aufgabe als Pfarrerin und Pfarrer, Hoffnung zu verbreiten. Genau das werde von uns erwartet, auch von kirchenfernen Menschen. Unentschlossen murmelte ich zurück, dass ich zwar grundsätzlich nichts gegen Hoffnung hätte – das wäre ja auch seltsam –, dass ich aber im Moment, anders als sie, keine echte Friedenshoffnung empfände und sie deshalb auch nicht verkünden könne. Danach stieg ich wenig ruhmreich vom Podium.
Nun, einige Monate später fiel mir eine bessere Antwort ein. Ich hätte sie zurückfragen sollen, ob das wirklich so ist, dass wir als Christen immer und ständig Hoffnung verbreiten sollen. Eine falsche Hoffnung täuscht doch über die wirkliche Lage hinweg. Sie trübt das Urteilsvermögen und verleitet zu schlechten Entscheidungen. Eine trügerische Hoffnung kann sogar zur Lüge werden, die den bitteren Ernst unserer Situation verdrängt.
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Auf diese Gegenfrage war ich gekommen, als ich mich wieder einmal mit den Propheten des Alten Testaments beschäftigte. Bei ihnen nämlich findet sich ein klares, aber erschreckendes Kriterium, mit dem man zwischen wahren und falschen Propheten unterscheiden kann. Jeremia zum Beispiel unterschied prophetische Lüge und Wahrheit danach, ob sie Gutes oder Schlechtes enthielte. Die falschen Propheten "heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: ‚Friede! Friede!‘, und ist doch nicht Friede." (Jeremia 6,14)
Die wahren Propheten dagegen rufen: "Krieg! Krieg!" Allerdings nicht, um zu einem Kreuzzug aufzurufen, sondern um das Unheil anzusagen, das über das Volk kommen wird. So befremdlich es klingt, das entscheidende Kriterium, das wahre von falscher Prophetie unterscheiden hilft, lautet: Unheil statt Heil, Krieg statt Frieden, Verzweiflung statt Hoffnung.
Als Pfarrer bin ich zwar kein Prophet. Aber ich kann von den alten Propheten lernen, keine Schein-Hoffnungen zu verbreiten, wo es eher darum gehen müsste, nüchtern und klar einem drohenden Unheil ins Auge zu sehen – und dann die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Andererseits, die ganze Wahrheit der christlichen Botschaft ist das nicht. Im gerade zu Ende gegangenen Wintersemester an der Universität habe ich mit einer anderen Kollegin ein Seminar über politische Predigten gegeben. Dabei habe ich etwas Wichtiges über das Verhältnis von Unheil und Hoffnung gelernt.
Zwei Predigten haben mir dabei besonders geholfen. Mit ihrer Hilfe würde ich gern das Wahrheitskriterium des Jeremia ergänzen und erweitern. Die erste Predigt hat der damals noch junge anglikanische Priester Desmond Tutu 1977 auf der Beerdigung des ermordeten Anti-Apartheid-Aktivisten Steve Biko gehalten. Die zweite Predigt hat Oscár Romero, Bischof von San Salvador, 1980, genau einen Tag vor seiner Ermordung gehalten.
Beide waren mit großem Elend und himmelschreiender Ungerechtigkeit konfrontiert. Vor ihnen saßen Menschen, die unter Gewalt, Armut, Ausbeutung und Verfolgung litten. Das haben beide klar benannt, genau analysiert, mutig angeprangert. Zugleich aber haben sie voller Begeisterung von der Hoffnung gesprochen. Denn der Glaube an Gott und seine Macht setzt der Gewalt der Mächtigen eine letzte Grenze. Gott regiert die Geschichte, nicht die Diktatoren dieser Welt. Wer sich gegen Unheilstifter zur Wehr setzen will, muss Grund zur Hoffnung haben.
In den Worten von Desmond Tutu: "Trotz allem, was auf das Gegenteil hindeutet: Gott ist barmherzig: Ihm liegt es am Herzen, ob etwas richtig oder falsch ist. Unterdrückung sind ihm ein Ärgernis. Aber die Mächte der Ungerechtigkeit haben verloren, weil unser Gott ein Gott der Gerechtigkeit und der Befreiung ist. Es gibt keinerlei Zweifel, dass die Befreiung kommt."
Oder bei Oscár Romero: "Die Geschichte geht nicht der Katastrophe entgegen: Gott lenkt sie. Gott will das ganze Volk retten. Gott ist der, der die Dinge neu macht."


