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Zum Beispiel Sizilien! Wenn uns in Deutschland im März oder April der graue Winter noch in den Knochen steckt, würde ich gern ans Mittelmeer und Sonne tanken. Wenn Fliegen doch nur nicht so klimaschädlich wäre, es ist ein Jammer. Mit dem CO₂-Rechner der Klima-Kollekte, einem kirchlichen Kompensationsfonds, habe ich ermittelt, dass für den Hin- und Rückflug von Frankfurt nach Palermo gut eine Tonne Kohlendioxid auf mein persönliches Konto gingen. Wenn wir in Zukunft das Ziel Netto-Null-Emissionen erreichen wollen, hätte ich mit zwei Flugstunden auf einen Schlag alles verpulvert, was mir rein rechnerisch für ein ganzes Jahr zustünde.
Man kann aber auch nachhaltig reisen. Oder nachhaltiger, wie es Anna Brockmöller und Yannik Roth formulieren. Denn Reisen sei nie komplett nachhaltig, sagen die Reiseblogger von "Grün um die Welt", die auf ihrer Homepage und auf Instagram von ihren Reisen berichten. Aber möglichst umweltfreundlich möchten sie trotzdem unterwegs sein. Dabei kommen sie auch ohne Flugzeug sehr weit – Prag, Narvik und Dublin, all diese Orte haben sie schon erkundet. Ein inspirierendes Gespräch, das mich ermutigt, doch nach Palermo zu reisen – mit dem Nachtzug!
In ein paar Monaten bilden sich wieder Schlangen in den Flughäfen, wenn viele Menschen in Urlaub fliegen. Vermisst Ihr dieses Reisegefühl?
Anna Brockmöller: Weit weg zu reisen – das fehlt uns schon manchmal. Ich würde es fast Flugscham nennen, die uns umtreibt. Wir versuchen, Flüge zu vermeiden. 2022 und 2023 haben wir eine Weltreise unternommen und dabei ebenfalls auf Nachhaltigkeit geachtet, ganz ohne Fliegen ging es damals nicht. Seit drei Jahren sind wir in Europa unterwegs und nicht mehr geflogen. Ob sich das dieses Jahr ändert, steht noch nicht fest. Eventuell bietet sich die Möglichkeit, ein Land mit dem Zug zu erkunden, das wir ohne Flugzeug nicht erreichen können. Für uns wäre der Kompromiss: Wenn wir fliegen, bleiben wir möglichst lange im Land. So haben wir es auch auf der Weltreise gehandhabt. Es wäre dann der erste Flug nach drei Jahren – und das als Reiseblogger!
Ihr lebt in Celle in Niedersachsen. Wie weit kommt man ohne Flugzeug, wenn man morgens am Bahnsteig in Celle steht?
Yannik Roth: Mir kommen spontan Schottland und Irland in den Sinn. Das schafft man nicht an einem Tag mit dem Zug, aber wir sind morgens in Celle losgefahren und waren abends in Holyhead, Wales. Von dort aus sind wir am nächsten Tag mit der Fähre nach Irland gefahren.
Anna Brockmöller: Und in Schottland kamen wir am Folgetag mit dem Caledonian Sleeper an, das ist ein Nachtzug, der in London startet. Überhaupt: Allein schon dieser Weg nach London! Jedes Mal denken wir: Krass, es gibt einfach keinen Grund zu fliegen, weil man mit dem Zug schnell und komfortabel nach England kommt.
Wer euch auf Instagram folgt, sieht auch häufig Bilder aus Norwegen oder Schweden. Das ist ja auch nicht um die Ecke!
Yannik Roth: Wir fahren gern mit dem Nachtzug nach Göteborg oder nach Stockholm, von Hamburg oder auch von Berlin aus.
Anna Brockmöller: Wenn man von Stockholm aus weiterreisen möchte, kann man sich die Stadt am folgenden Tag ansehen. Skandinavien gehört zu unseren Lieblingsregionen, wir haben es schon bis nach Narvik in Norwegen oder Rovaniemi geschafft; nach Rovaniemi sind wir über Helsinki gereist. Auch die finnische Hauptstadt kann man sehr gut erkunden. Klar, Fliegen wäre schneller, aber wir verzichten auf nichts, im Gegenteil: Es gibt Schlimmeres, als sich Stockholm oder andere Orte entlang der Strecke anzusehen. Und wenn man von Göteborg Richtung Oslo reist, ist es fast, als würde man übers Wasser fahren. Wunderschön!
"In einer Welt ohne Reisen würden alle für sich bleiben"
Yannik Roth
Ihr nutzt häufig auch Nachtzüge. Könnt ihr darin gut schlafen?
Yannik Roth: Es gibt verschiedene Kabinen. Einzel- oder Zweierabteile sind teurer, aber ruhiger. In Schweden gab es auch Sechserabteile. Es kann sein, dass jemand schnarcht oder nachts auf die Toilette muss. Und ja, der Zug ruckelt. Wenn man leichten Schlaf hat, ist man nicht immer hundertprozentig erholt am nächsten Tag. Es kommt auch sehr auf den Zug an. Der nach Schweden zum Beispiel ist eher etwas älter und ruckeliger.
Anna Brockmöller: Der hat auch diese Klappbetten, eher schmal und kurz und mit dünnen Matratzen.
Yannik Roth: Der Nachtzug in Finnland ist für uns der komfortabelste Nachtzug. Da ist die Spurbreite auch ein bisschen breiter – und die Betten sind deshalb auch länger und breiter.
Anna Brockmöller: Die ÖBB-Nightjets aus Österreich sind auch super komfortabel. Selbst in der Mini-Cabin ist es echt gemütlich, die sind super ausgestattet.
Kommt man auch mit anderen Reisenden ins Gespräch?
Anna Brockmöller: Ja, deswegen sind wir manchmal bewusst in Sechserabteilen unterwegs. Es ist sehr interessant zu erfahren, warum andere im Nachtzug unterwegs sind und welche Tipps sie haben. Wir haben schon halbe Nächte durchdiskutiert. Das ist eine Gemeinschaft von Menschen, die eben nicht oder möglichst selten fliegen, sondern den Zug nehmen möchten.
Was motiviert euch, mit "Grün um die Welt" im Internet und auf Instagram unterwegs zu sein?
Anna Brockmöller: Die Welt ist so schön und wir haben festgestellt, dass es leider viele Orte so nicht mehr geben wird, wenn wir nicht besser mit unserem Planeten umgehen. Trotzdem haben wir eine große Reiselust. Und dann war die Frage: Wie können wir reisen, ohne die Umweltprobleme noch zu befeuern? Das war der ursprüngliche Gedanke vor unserer Weltreise.
Und wie geht das?
Anna Brockmöller: Ein Beispiel: Auf der ganzen Weltreise haben wir nicht eine einzige Plastikflasche gekauft. Es gab überall nette Menschen, bei denen wir Wasser auffüllen konnten. Und natürlich war unser Ziel auch: so wenig Flüge wie möglich, so viel wie möglich über Land fahren. 36 Stunden mit dem Bus durch Mexiko, mit dem Nachtzug durch die USA... All das hat unsere Liebe zu öffentlichen Verkehrsmitteln geweckt, die uns in den vergangenen Jahren Europa hat entdecken lassen.
Yannik Roth: Reisen ist nie komplett nachhaltig, so ehrlich sind wir. Deswegen sagen wir auch nie, wir reisen nachhaltig, sondern wir reisen so nachhaltig wie möglich – also nachhaltiger. Wir machen nachhaltigeres Reisen. Menschen wollen reisen. Es geht auch um Völkerverständigung. In einer Welt ohne Reisen würden alle für sich bleiben. Wir wollen zeigen, wie man möglichst nachhaltig reisen kann.
"Wir zeigen, wie wir es machen – macht es nach, wenn ihr wollt!"
Anna Brockmöller
Aber ist das nicht viel teurer, mit all den Zügen?
Yannik Roth: Wenn wir Zugreisen vorstellen, sagen wir: Die Tickets – zum Beispiel nach Schweden – gibt es für unter 40 Euro. Und dann können wir die Uhr danach stellen, bis wir die ersten Nachrichten bekommen, dass das aber viel teurer sei. Doch, es geht! Es ist natürlich ein bisschen Recherche dabei, klar. Und man kann nicht erwarten, dass es Freitagnachmittag, wenn alle ins Wochenende starten, die günstigsten Preise gibt. Oder dass ich ein Schnäppchen mache, wenn ich heute gucke, wo ich morgen hinfahren kann. Man muss möglichst früh schauen – und vielleicht auch mal an einem Dienstag und nicht an einem Freitag reisen. Die Ferienzeit verteuert die Reisen auch, aber nicht alle sind auf Schulferien angewiesen.
Anna Brockmöller: Viele Leute wollen nach London und der Eurostar ist berühmt-berüchtigt dafür, dass es sehr schnell sehr teuer werden kann. Allerdings gibt es auch eine Last-Minute-Plattform. Das wissen viele nicht, das ist Eurostar SNAP. Man muss nur etwas flexibel sein.
Inwiefern?
Anna Brockmöller: Man weiß, dass man an einem bestimmten Tag nach London kommt, muss aber spontan sein, was die genaue Uhrzeit angeht. Die finale Zeit bekommt man 48 Stunden vorher. Aber wenn ich den Eurostar lange im voraus buche, finde ich auch 40-Euro-Tickets. Generell machen wir die Erfahrung: Sowohl über die Deutsche Bahn als auch über die Anbieter in unseren Nachbarländern kann man echt gute Preise bekommen. Gerade haben wir eine Reise nach Prag gebucht, 25 Euro pro Person, ohne Bahncard, über die Deutsche Bahn. Und das an einem Samstag! Gebucht haben wir zwei Wochen vor der Reise. Man hat Recherchearbeit, aber die lohnt sich.
Yannik Roth: In Deutschland können Kinder bis einschließlich 14 Jahren bei der Deutschen Bahn kostenlos im ICE mitfahren mit einer erwachsenen Begleitperson. Auch das ist für Familien ein guter Tipp.
Vieles, was im Internet mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu tun hat, zieht Hass an. Passiert euch das auch?
Anna Brockmöller: Hin und wieder kommt mal so etwas wie 'Ökospinner'. Aber das ist selten. Unser Ansatz ist auch nicht der erhobene Zeigefinger. Sondern: Wir zeigen, wie wir es machen – macht es nach, wenn ihr wollt! Der Gedanke, "Aha, so geht es auch und das ist besser für die Welt" – der muss den Zuschauenden selbst aufkommen. Klick machen muss es bei jeder und jedem selbst.
Yannik Roth: Auf jeder Reise besuchen wir vegane Restaurants, weil wir uns selbst so ernähren. Das zeigen wir immer, sagen es aber nicht jedes Mal dazu. Es ist sehr interessant: Oft erhalten wir Nachrichten. "Ich bin da hingegangen, weil es bei euch so gut aussah, und habe festgestellt, das ist ja alles vegan und es war richtig lecker!" So funktioniert es: einfach vorleben. Wir wollen nicht missionieren, wir wollen inspirieren.
"Grün um die Welt": Hier gibt es mehr Informationen über und von Anna und Yannik!
Auf ihrer Internetseite bloggen Anna und Yannik über ihre Reisen. Ihre Berichte haben sie nach Länder sortiert, in Europa finden sich beispielsweise Tipps von "B" wie Belgien bis "T", Tschechische Republik. Es gibt auch Infos zur Weltreise und sogar Empfehlungen für Packlisten - und viele Reisefotos.
Auch auf Instagram gibt es aktuelle Einblicke in die Reisen oder in den Alltag abseits von Zügen und Bussen.
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