Hilfe, die sind aber komisch!
Wie soll man mit Menschen umgehen, die krank oder schwierig sind? Die Antwort ist ziemlich einfach, wie Psychiater, Autor und der neue chrismon-Herausgeber Dr. Jakob Hein weiß.
Susanne Schleyer
12.06.2023

Eine der häufigeren Fragen, die mir zu ­meiner ­Arbeit gestellt werden, ist die nach dem Wie. Wie soll man mit suizidgefährdeten oder gar an Wahnvorstellungen leidenden Personen ­sprechen? Wie sollen wir dies oder jenes ­unseren Kindern bei­bringen? Wie kann ich meinen Eltern diese Nachricht überbringen?

In vielen Jahren psychotherapeutischer Arbeit habe ich herausgefunden, dass die Antwort darauf überraschend einfach ist: Sprechen Sie mit jedem Menschen so, wie Sie selbst möchten, dass in dieser Situation mit Ihnen gesprochen wird. Gehen Sie vor allem nicht davon aus, dass es kategorial anders­artige Menschen gibt. Zwar ist der ­Gedanke für uns faszinierend, und es mag einige ­wenige solcher Menschen geben, aber es ist viel wahrscheinlicher, dass Ihr Gegenüber nicht so verschieden von Ihnen ist.

Vermutlich weil Männer zwischen zwanzig und vierzig körperlich stärker sind als andere Menschen, hat sich eine hierarchische Fehlannahme breitgemacht. Diese geht davon aus, dass die Meinungen, Weltsicht und Denkweisen von (besonders männlichen) Menschen zwischen zwanzig und vierzig "normal" und "richtig" sind, während die Meinungen, Weltsichten und Denkweisen anderer Personen "falsch" und weniger "wichtig" sind.

Susanne Schleyer

Jakob Hein

Jakob Hein wurde 1971 geboren. Der Psychiater für Kinder und Erwachsene ist auch Schriftsteller und seit Mai 2023 zudem Mitherausgeber bei chrismon. Als angestellter Arzt war er der erste Väterbeauftragte an der Berliner Charité. Seit 2011 führt er seine eigene Praxis für Psychotherapie. Er hat zahlreiche Romane veröffentlicht, im Frühjahr 2022 "Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken" (Galiani). Hein lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Berlin.

Die Meinungen jüngerer Menschen werden abgetan, weil diese eben noch keine Lebenserfahrung haben. Wenn hingegen eine ältere Person eine abweichende Meinung äußert, wird dieser Meinung nicht etwa besonders viel Wert beigemessen, obwohl diese doch überdurchschnittlich viel Lebenserfahrung hat. Stattdessen behaupten wir, diese Person sei aus der Zeit gefallen.

Hat ein Mensch Liebeskummer, so gilt das als schlimm und einschneidend und wir sind überzeugt, dieser Mensch braucht Trost und Zuwendung – so lange er zwischen zwanzig und vierzig ist. Betrifft der Liebeskummer eine jüngere Person, können wir das Problem als "Jugendliebe" oder gar Teil der "Pubertät" abtun. Und die Liebe älterer Menschen müssen wir ja sowieso nicht so ernst nehmen, schließlich bekommen sie keine Kinder mehr.

Wir können versuchen, uns von anderen zu unterscheiden durch Kategorien wie Einkommen, hierarchische Stellung oder Lebensalter. Aber wenn wir wirklich ­offen und empathisch in ein Gespräch mit einer anderen ­Person gehen, werden wir feststellen, wie wenig sinnvoll oder hilfreich diese Unterscheidungen für das gegenseitige Verständnis sind. Ich habe durch meinen Beruf unzählige Menschen mit schweren psychischen Krankheiten kennengelernt, also Menschen, deren Denken teilweise stark gestört war. Und ich habe genauso oft erlebt, wie eben diese Menschen Schönes und Großartiges geleistet haben, ihr Geist also Großes hervorgebracht hat.

Es ist gut, mit aller möglichen Offenheit in jedes Gespräch zu gehen, und jede ­Theorie, die darauf fußt, dass andere irgendwie ­dümmer oder geringer als wir selbst sind, wird sich auf lange Sicht als falsch ­herausstellen. Beispielsweise war die Forschung über Jahrhunderte davon ausgegangen, dass unsere Art der Landwirtschaft die einzig richtige und geeignete für die Ernährung großer Menschengruppen ist.

Aktuelle archäologische Forschungen belegen jedoch, dass dies auch ohne klassischen Ackerbau möglich war und dass sich ­unsere Vorfahren bewusst dagegen entschieden hatten. Vorher war es jahrhundertelanger wissenschaftlicher Konsens, dass Menschen früher einfach schlechter denken konnten.

Also sprechen wir meiner Meinung nach mit Menschen am besten, indem wir ihnen zuhören, ihre Anliegen ernst nehmen und ihre Bedürfnisse zu verstehen versuchen. Dann ist es auch egal, wie alt diese Menschen sind oder welche Schwierigkeiten sie gerade haben mögen.

Wer Jakob Hein live ­erleben möchte: ­Lesung und Gespräch am 27. Juli 2023 im Erfurter Haus ­Dacheröden mit der ­Illustratorin Kat Menschik  www. galiani.de

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