Christliche Feiertage
Was wir von den Freikirchen lernen können
Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Doch was hat das mit mir zu tun? Und wie sähe eine begeisterte Kirche aus?
Abstrakte Taube am Himmel die leuchtet
An Pfingsten soll der Heilige Geist auf die Erde gekommen sein
S. Denisov / Getty Images
ZFrank Muchlinsky
22.05.2026
4Min

Es gibt christliche Feiertage, die einem normal engagierten Christenmenschen ein schlechtes Gewissen machen können. Ich denke dabei weniger an den Buß- und Bettag, sondern an das Pfingstfest. Das bringt gleich mehrere Möglichkeiten mit, sich irgendwie unbehaglich zu fühlen. Das geht schon damit los, wenn jemand fragt, was zu Pfingsten eigentlich gefeiert wird. Auch wer sich selbst als durchaus christlich versteht, kann hier leicht ins Wanken kommen. Vielleicht hat man noch eine eher lexikalische Antwort parat und antwortet so etwas wie: "Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes." Aber was genau ist daran zu feiern?

Eine weitere Möglichkeit, einem Christenmenschen ein schlechtes Gewissen zu machen, ist, ihm zu vermitteln, dass er nicht genügend oder nicht das Richtige tut. Auch hier hat das Pfingstfest etwas parat. Da sind diese Pfingstkirchen. Das sind Freikirchen, die sich vor allem auf den Heiligen Geist berufen. Während die katholischen und die verfassten evangelischen Kirchen immer kleiner werden, wachsen diese Pfingstkirchen weltweit mit einem enormen Tempo.

Sie sind enorm dynamisch, gehören meist zu keinen größeren Organisationen und passen sich stilistisch an ihre Umgebung an, und sie sind im wahrsten Sinne des Wortes begeistert von dem, was sie tun. In den großen Kirchen versucht man, sich mit Sätzen wie "Zahlen sind kein Argument" zu beruhigen, aber es bleibt die Frage: Was haben die, was wir nicht haben? Was machen die vielleicht richtig, was die eigene Kirche nicht hinkriegt?

Worum geht es an Pfingsten?

Schauen wir uns einmal an, was Pfingsten ist – über die lexikalische Definition hinaus. Die wichtigste biblische Geschichte zu diesem Fest steht in der Apostelgeschichte, also in dem biblischen Buch, das beschreibt, wie es weiterging, nachdem Jesus gestorben, auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist.

Dort wird erzählt, dass zehn Tage nach der Himmelfahrt alle beisammen waren, die mit Jesus verbunden waren. So viele waren es wohl nicht, denn sie passten alle in ein Haus. Das zweite Kapitel der Apostelgeschichte beschreibt, wie ein "Brausen" vom Himmel kam und das ganze Haus erfüllte. Schließlich erschienen zungenartige Flammen, die sich verteilten und sich auf jeder Person im Haus niederließen. So werden sie alle vom Heiligen Geist erfüllt und der Effekt ist, dass alle anfangen, in fremden Sprachen zu reden.

Nun ist gerade viel los in der Stadt und durch das Getöse kommen Leute aus den unterschiedlichsten Ländern näher und wundern sich, dass sie verstehen können, was diese Leute da sprechen. Es liegt die Vermutung nahe, dass diese laut und viel Redenden betrunken sind. Damit sich diese Lesart nicht festigt, ergreift Petrus das Wort und stellt richtig: "Nein, die sind vom Heiligen Geist erfüllt." Er predigt kurz und knapp, dass Christus zwar getötet wurde, aber von Gott auferweckt und schließlich in den Himmel erhoben wurde, wo er selbst den Heiligen Geist bekam, den er nun hörbar über seine Leute ausgießt. Daraufhin lassen sich laut Apostelgeschichte circa 3000 Menschen taufen.

Was hat das Pfingstwunder gebracht?

In dieser biblischen Geschichte steckt im Grunde genommen alles, was zu Pfingsten gefeiert wird, und auch, warum viele Menschen wenig und andere sehr viel mit Pfingsten anfangen können. Fangen wir am Schluss der Geschichte an: dreitausendfacher Missionserfolg! Zahlen sind für die Bibel absolut ein Indiz für kirchlichen Erfolg.

Da der enorme Erfolg in dieser Geschichte durch eine Predigt erzielt wird, bekommt die öffentliche Verkündigung ebenfalls eine große Bedeutung verliehen: Wer mitreißend predigt, ist vom Geist erfüllt und kann Menschen für Christus gewinnen. Pfingsten ist so gesehen Mission im Turbo: Der Heilige Geist drängt alle Gläubigen raus aus dem Haus, damit sie von Christus erzählen. Bist du eher extrovertiert oder doch mehr zurückhaltend? Egal, los!

Das schmeckt freilich nicht allen gleich gut. Wer lieber mit sich und Gott allein ist, wird sich über Kirchenräume freuen, in denen es ruhig zugeht. Wer christliche Gemeinschaft schätzt, braucht es auch nicht unbedingt so drängend und laut. Wer gern zu Weihnachten in die Kirche geht, um sich von den vielen Lichtern bezaubern zu lassen oder wer gern zu Ostern in der dunklen Kirche erlebt, wie das Licht zurückkehrt, wird die Flammen von Pfingsten vielleicht eher als grell empfinden. Rot ist die Farbe von Pfingsten. Rot wie Feuer, rot wie Blut. Pfingsten will weder Beige noch Mauve.

Ist Pfingsten die Geburt der Kirche?

Manche reden an diesen zwei Tagen lieber weniger vom Heiligen Geist und dafür mehr vom "Geburtstag der Kirche". Ich halte nicht viel von dieser Formulierung. Einen Geburtstag kann man auch ruhig und zurückgezogen feiern. Außerdem klingt mir das zu sehr danach, sich selbst zu feiern. Und darum geht es ursprünglich überhaupt nicht.

Pfingsten ist öffentlich und laut. Das haben die Pfingstkirchen erkannt und zu ihrem Markenzeichen gemacht. Von ihrer Botschaft bin ich nicht überzeugt, aber ich bin beeindruckt von ihrer "Unverfrorenheit", mit der sie in die Öffentlichkeit gehen, anscheinend ohne Angst davor, dass man sie für verwirrt oder betrunken hält.

Das muss einem halbwegs engagierten Christenmenschen nicht unbedingt ein schlechtes Gewissen machen, aber es könnte ein Ansporn sein, nicht darauf zu warten, dass jemand kommt, sondern rauszugehen und lächelnd zu ertragen, wenn die anderen kichern.

Pfingsten ist weniger die Geburtsstunde der Kirche als mehr ihr 18. Geburtstag. Jesus ist weg, man kann ihm nicht mehr hinterherlaufen. Ab jetzt sind alle erwachsen und müssen ihre eigenen Wege finden. Dazu gibt es einen freundlichen, aber deutlichen Schubs hinaus aus dem Haus und anscheinend die Fähigkeit, verständlich zu reden. Und dann findet es auch noch in einer so schönen Jahreszeit statt.

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