Die Kirche Christi Auferstehung, entworfen von Gottfried Böhm
PR
Sakralbau
Von brutalistisch bis bescheiden
Ein Sachbuch liefert einen Überblick über alle Sakralbauten, die in Köln im 20. und 21. Jahrhundert gebaut wurden - und zeigt, warum Umnutzung nicht das Ende eines Kirchenbaus sein muss
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
30.01.2026
3Min

Es gibt Bücher, denen man viele Nachahmungen wünscht. Eigentlich sollte eine Publikation ja etwas Originelles darstellen, aber wenn eine Idee besonders gut ist, dann ist gegen Nachmacher nichts einzuwenden. So ist es mit "Moderner Sakralbau in Köln" (herausgegeben von Hiltrud Kier und Martin Struck, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln 2025). Dies ist ein umfassender Überblick über alle evangelischen und katholischen Kirchen, die in Köln im 20. und 21. Jahrhundert gebaut worden sind. Mehr noch, auch Synagogen, Moscheen und Freikirchen wurden berücksichtigt. Es wäre wunderbar, wenn daraus eine Serie würde auch über moderne Kirchen in Düsseldorf, Mannheim, Hamburg, Nürnberg, Leipzig…

Jeder Bau wird mit einem kundigen Text und eindrücklichen Fotos vorgestellt. Insgesamt ergibt das fast 500 Seiten höchst vielfältiger Kirchbaugeschichte. Was mich sehr gefreut hat: Es ist kein prächtiges, massiges und überteuertes Coffee Table-Book geworden, sondern ein handliches Taschenbuch, das für nur 18 Euro zu haben ist. Das gibt Hoffnung, dass es nicht nur von Fachleuten, sondern auch von vielen Interessierten und Engagierten wahrgenommen wird.

Was mich besonders angesprochen hat: Dieses Buch geht in die Stadtteile (in Köln sagt man, glaube ich, "Veedel"). Es zeigt natürlich die grandiosen, avantgardistischen und manchmal immer noch verstörenden Erfindungen eines Gottfried Böhm und belegt dabei, dass die Diskussionen über die Moderne im Kirchbau, besonders über den Beton-Brutalismus noch lange nicht zu Ende geführt sind (zum Glück). Sondern es stellt auch die vielen kleinen, bescheidenen – ja, demütigen Kirchen und Gemeindezentren vor, mit denen Evangelische und Katholische keine gesellschaftliche und ästhetische Dominanz markieren, sondern für ihr jeweiliges Gemeinwesen da sein wollten.

Moderner Sakralbau in Köln. Hrsg. von Hiltrud Kier & Martin Struck. Buchhandlung Walther König, 480 S., 18 Euro, ISBN: 9783753308418

Natürlich, viele dieser Bauten stehen vor einer ungewissen Zukunft. Manche haben ihre bauliche Lebensdauer überschritten, anderen ist ihre Zweckbestimmung abhandengekommen. Allen guten Bemühungen zum Trotz werden sie keine Nutzung finden, sondern wahrscheinlich abgerissen und durch neue Gebäude ersetzt werden. Allerdings ist hier noch vieles im Fluss. Umso wichtiger ist es, dass sie hier gewürdigt, in ihrer Eigenart vorgestellt werden und so möglichst viele Menschen zum Nachdenken anregen. Denn die Zukunft der Sakralbauten ist kein Spezialproblem für Kirchenleute, sondern sollte die ganze Gesellschaft etwas angehen.

Übrigens, man kann in diesem Buch nachvollziehen, dass Um- und Neunutzungen nicht nur das Ende, sondern manchmal den Anfang eines Kirchbaus gebildet haben. Dafür steht das Jochen-Klepper-Haus im Stadtteil Weiden. Ein Bergwerkbesitzer gab in den 1920er Jahren die Mittel, mit der die Gaststätte St. Florian gekauft werden konnte.

Diese war vor dem Ersten Weltkrieg gebaut worden. Jetzt wurde aus dem Tanzsaal ein Gottesdienstraum, die Bühne wurde zum Altarbereich, eine Floriansfigur wurde durch ein Kreuz ersetzt. Fertig war die neue Kirche für die evangelische Gemeinde in Weiden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bau erweitert, erhielt 1978 nach einer Renovierung einen eigenen Namen und erinnert so immer noch an einen evangelischen Lieddichter, der in der NS-Diktatur mit seiner jüdischen Ehefrau und einer ihrer Töchter in den Suizid ging.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.

Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur