In der ersten Folge der Serie stellt sich Pia vor. Lesen Sie hier.
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Vor Wochen saß ich in unserem Garten. Sonne im Gesicht, Kaffee in der Hand, und ich dachte: Endlich ist es soweit. Die Akut-Therapie ist geschafft. Mein Körper und meine Seele kommen nach. Ich lasse alles hinter mir und blicke nach vorn.
Und dann: zack.
Keine zwei Tage später kamen die heftigsten Nebenwirkungen des letzten Medikaments meiner Krebsnachsorge, das meine Therapie vervollständigen sollte. Ein Medikament, das ich noch zwei Jahre nehmen muss. Und plötzlich war alles wieder da.
Die Bedürftigkeit und Abhängigkeit als geschwächte Mutter.
Das Gefühl, von den ÄrztInnen kaum gehalten zu werden.
Die Einsamkeit im Alltag, die einen ereilt, wenn man zu schwach zum Leben ist.
Die Angst und die Sorge, ob sich mein körperlicher und mentaler Zustand unter der Medikation jemals wieder stabilisiert.
Und dieses brutale Wissen: Krankheit nimmt dir nicht nur Kraft. Sie nimmt dir Freiheit.
Seitdem sind fünf Wochen vergangen. Ich sitze am Elbstrand, Containerschiffe werden beladen, das Leben läuft weiter. Ich bin dankbar, denn langsam kehrt Leben in meine müden Glieder zurück. Ich schaffe es wieder, länger wach zu sein. Ich gehe ins Theater. Ich bin mit meiner Tochter auf dem Spielplatz. Und ich weine nicht mehr über Kleinigkeiten, die vor kurzem alles zum Einsturz gebracht hätten. Leise, zarte Pläne für die Zukunft entwickeln sich in meinem Kopf: Vielleicht könnte ich es nächstes Wochenende ans Meer schaffen?
Demut ist nun mein Begleiter. Vor dem Leben, vor meinem Körper. Denn ich weiß, wie schnell alles zerbrechen kann. Das Bewusstsein für die Endlichkeit allen Daseins treibt mich an.
Das ist auch der Grund, warum der Mut anklopft und förmlich aus mir rausschreit: ICH WILL LEBEN. Ich brauche Raum dafür. Und ich nehme ihn mir.
Am Wochenende ziehe ich mich in die leere Wohnung meiner Freundin zurück. Denn da bin ich nur Pia. Keine Mutter, keine Ehefrau, keine Tochter, keine Freundin. Nur ich. Ich horche in mich hinein, schaue, was ich brauche und was nicht. Ich nehme mein Bedürfnis nach Ruhe ernst und freue mich darauf, die wohl wichtigste Verbindung in meinem Leben wieder aufzunehmen: die Beziehung zu mir selbst.
Zu der Pia, die mit den Händen gerne in der Erde wühlt und Blumen und Gemüse pflanzt. Zu der Pia, die strickt und Brot backt. Die sich am einfachen Sein auflädt.
Ich verstehe nun: Nur ich kann mich um diese Pia kümmern.
Und das werde ich tun.
Für meine Gesundheit. Für mein Leben. Für mich.

