Hans-Henning Lotze:
Ab 8 Uhr morgens fange ich an, mich auf Konrads Anruf zu freuen. Er braucht morgens länger um wachzuwerden, darum ruft er mich an. Wir sind schon seit 36 Jahren zusammen, er ist Jahrgang 1950, ich bin Jahrgang 1945. Jeden Morgen beginnen wir damit, am Telefon zu besprechen, was wir heute zusammen unternehmen wollen. Während ich mir den Tag ausmale, entspannt mich seine ruhige, sonore Stimme. Ich höre an seiner Stimmlage, wenn ihn mal etwas umtreibt.
Ich könnte meine Wohnung verlassen und einfach die Altbautreppe hinunter zu seiner Wohnung laufen, aber das Telefonat ist unser gemütliches Morgenritual. Es ist gut, übereinander zu wohnen. Wir treffen uns, weil wir uns treffen wollen. Genauso, wie wir zusammen sind: weil wir uns lieben, und nicht, weil wir juristisch aneinander gebunden wären.
Vor 36 Jahren haben wir diese wohlige Gewissheit aufgebaut: Wir lieben uns. Wir waren beide Lehrer, als wir uns bei einem Geburtstag von Kollegen kennenlernten. Ich traf Konrad zum ersten Mal im urigen Lokal Burgfreiheit in unserer Heimatstadt Heidelberg.
Als er mich ansah, war es um mich geschehen. Es ging ein Sog von seinen dunkelbraunen Augen aus. Ich merkte schnell, dass er auch schwul ist. Seine intensiven Blicke verrieten ihn. Wir konnten die Augen nicht voneinander lassen. Er kam zu mir an den Tisch. Ich wollte ihn unbedingt kennenlernen.
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