chrismon: Frau Gomringer, Sie schreiben für chrismon plus Gedichte über die Tage der Schöpfung. Überschrieben haben Sie die Gedichte mit "Bericht der Hospitantin. Aufzeichnungen eines nur noch ungenau rekonstruierbaren Hergangs (Entnahme aus dem Maulwurfarchiv, Teilstelle V/III, 1-7)" Wer ist die Hospitantin und wer der Maulwurf?
Nora Gomringer: Die Hospitantin ist die stille Beobachterin der Schöpfung. Denn immer schon las sich die Genesis als Bericht, nicht? Irgendeiner muss doch da alles beobachtet haben! Na, und die Maulwürfe, die sind die Erdarchivare. Die Gedichte, die ich hier vorlege, bauen sich alle an dieser spielerischen Perspektive entlang auf. Mir hat das viel Spaß gemacht.
Hätten Sie Gott bei der Schöpfung wirklich gern hospitiert?
Natürlich! Ich denke, es ist einer Operninszenierung, einem großen Filmset, einem Riesenchorkonzert doch sehr vergleichbar. Ich bin eher furchtsam oder besser: durchaus beeindruckbar. Ich wäre wohl sicher im Hintergrund geblieben.
Hätten Sie Gott nicht gern etwas eingeflüstert und die Schöpfung so ein bisschen beeinflusst?
In Ermangelung von Gottes Weisheit und Weitsicht hätte ich nur gefragt, ob ihm der Nacktmull ästhetisch vollends genügt. All die Miseren, in die Mensch geraten ist seit den ersten paradiesischen Tagen - ich nehme an, Sie zielen indirekt mit der Frage auf diesen Zeitraum -, sind allzu sehr selbst gemacht, als dass Gott mitten im Schöpfungsakt damit zu konfrontieren gewesen wäre.
Tag 1
Die Ungeduld der Welt vor der Welt
als weder die Welt noch das Licht,
sie zu sehen, erfunden, beschreibe ich
als Unruhe in einem langen, hohen Raum aus Zeit und Luft.
Die Vorfreude darin, versichern die Kolibris in ihrer viel zu rasch gesprochenen Sprache,
war unbändig. Ein Hufescharren und ein unbestimmtes Kratzen wurden lauter.
Einer schüttelte den Raum wie eine Kiste
mit vatergroßer Hand.
Ich frage im Archiv der Maulwürfe,
ob es Bilder oder Messungen von damals gibt,
die sie bewahren? Die Maulwürfe machen Delfinsprünge
durch die irdene Gischt und häufeln und graben nur immerfort.
"Natürlich ist alles bewahrt!", sagt einer und ergänzt: "Bis im Kern."
In den Erzählungen der Spinnen
war alles schon da. Sie stecken sich je acht Zigaretten an,
wenn sie davon erzählen:
"Nur Licht fehlte noch! Von dieser Erfindung wurde viel gemunkelt.
Hier war alles Zimzum für diesen Moment.
Jedenfalls öffneten sich gewaltige Augenlider
und die Augen sahen alles an! Wir gingen einem auf!
Seither gilt der Oktopus als faszinierend,
wir als hässlich.
Sein Licht schied Ding von Ding und Schatten wuchsen
vom Boden an die Decke im Raum aus Zeit und Luft.
Seither sind die Schatten die Vermieter der Igel und Asseln.
Das Licht in den Augen des Schüttlers machte aus uns, was wir sind."
Ein Chor singt heute noch:
Wir sind die Welt aus Zeit und Luft,
augenblitzlich, lichtdurchflutet.
Dass wir uns die Weltentstehung nicht richtig vorstellen können, ist ja auch Teil des großen Geheimnisses unseres Lebens. Wäre es ohne dieses Geheimnis nicht langweilig?
Deshalb ist es gut, dass ich den Bericht der erfundenen Hospitantin vage gestalte. Das Geheimnis ist das Geschenk! Und sein Bewahren ist der Beitrag aller daran.
Glauben Sie, dass Gott die Welt erschaffen hat?
Ja. Die Atome und Moleküle buchstabieren alle seinen Namen, scheint mir.
Steht das für Sie in einem Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Theorien über die Entstehung der Welt?
Nein. Dafür bin ich dankbar. Ich denke, dass Gott, wenn er noch zusieht, durchaus Interesse daran hat, was uns alles ein- und auffällt, was wir sehen und erforschen, annehmen und widerlegen. Gott ist aber auch sehr unabhängig. Wie alle gute Forschung auch!
Seit wann schreiben Sie eigentlich Gedichte?
Schon lange. Mein erstes ist in einer Freistunde in der Schule entstanden. "Die schwarze Tann", und die nächsten waren Ablenkungsmanöver vom miserablen Übungszustand meiner Etüden im Klavierunterricht.
Warum schreiben Sie Gedichte?
Weil ich auch bete, atme und dabei großes Glück und großes Elend fühle. Gedichteschreiben ist existenziell.
Was gewinnen wir durch Lyrik?
Perspektive und Rhythmus, inniges Vergnügen, Trost und Irritation. Von guter Lyrik zumindest.
Welche Gedichte lesen Sie selber?
Ich mag viele Gedichte von Ulrich Koch, Volha Hapeyeva, Paul-Henri Campbell, Nadja Küchenmeister, Ilya Kaminsky und von der wunderbaren Elaine Equi. Heinrich Heine und Dorothy Parker, Robert Hass, Eugen Gomringer & Co, Mark Strand sind meine Hausgötter.
Nun haben Sie auch Ihr erstes Prosabuch geschrieben. Was machen Sie lieber?
Ins Kino gehen. Aber im Ernst: Lyrik ist wie Springreiten. Prosa wie Dressur. Für beides braucht man einen Helm.




