Um halb zehn Uhr morgens schwingt sich Salma Awad, 33 Jahre alt, auf ihr Fahrrad. Es ist noch früh für die Millionenstadt Gizeh, die sich auf der westlichen Seite des Nils an die Metropole Kairo anschließt, hier wird es erst ab nachmittags richtig voll. Auf der Straße hupen Autos und Minibusse, dazwischen rütteln Pferdekarren. Mittendrin Salma auf ihrem neuen Mountainbike, in ihrem roten Mantel, mit schwarzem Fellhut und Sonnenbrille, ein Rucksack voller Bücher von ihrer Tante auf dem Rücken, die zu ihren Cousins in der Nähe sollen. Männer, die am Straßenrand stehen, schauen ihr nach.
Salma Awad war die erste Frau, die im Sudan mit dem Fahrrad Lieferungen ausfuhr. Sie ist Anfang 2025 nach Ägypten geflohen, wie geschätzt 1,2 Millionen andere Sudanesinnen und Sudanesen. In ihrer Heimat wütet ein unerbittlicher Krieg. Salma musste ihr Zuhause, ihre Familie und ihren Alltag zurücklassen. Nicht aber ihre Träume.
Ihr nächstes Ziel: Sie will endlich wieder Kunden haben, die sie dafür bezahlen, dass sie Waren ausliefert – mit dem Fahrrad. Das war schon in Khartum nicht leicht; dort gilt Fahrradfahren für Frauen als unsittlich. Erst recht quer durch die Stadt, wie Salma es für ihre Lieferfahrten machte.
Auch in Gizeh und Kairo gibt es kaum Frauen, die auf den Straßen Fahrrad fahren. Nicht nur wegen der gesellschaftlichen Normen. Wer den Verkehr in ägyptischen Großstädten kennt, weiß, wie gefährlich die Straßen dort sind. Spurübergreifend schlängeln sich Autos, Motorräder, Busse, Pferdekarren und Rikschas; überholen hupend mal links, mal rechts, die Luft ist voller Abgase. Hier gilt das Recht des Stärkeren. Doch davon lässt sich Salma nicht beeindrucken. Vielleicht, weil sie auch aus Khartum viel Verkehr gewohnt ist. Vielleicht, weil sie unter noch gefährlicheren Bedingungen Fahrrad gefahren ist: im Krieg.
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