chrismon: Am heutigen Mittwoch wird die PKS für 2024 offiziell vorgestellt, einige Zahlen sind aber bereits in der Öffentlichkeit. So haben Gewaltdelikte erneut zugenommen, um 1,5 Prozent. Das klingt beunruhigend!
Thomas Feltes: Man muss genau hinsehen. Zu den Gewaltdelikten zählen sehr schwere, aber auch leichtere Taten. Ein leichter Anstieg, wie wir ihn nun sehen, kann schon mit einem veränderten Anzeigeverhalten erklärbar sein. Es ist denkbar, dass Menschen heutzutage eher zur Polizei gehen und Anzeige erstatten als früher. Auch die Erfassungsmodalitäten innerhalb der Polizei können sich verändert haben.
Thomas Feltes
Wofür ist die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik, kurz PKS, gut?
Sie ist ein Arbeitsnachweis der Polizei und listet das auf, was Menschen bei der Polizei zur Anzeige gebracht haben oder was die Polizei selbst registriert. Und sie dient dazu, dass sich Politiker einmal im Jahr hinstellen, Zahlen verkünden und Forderungen daraus ableiten können. Bundesweit ist es die einzige Erhebung dieser Art. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit. Aber bei dieser Statistik gibt es ein Grundproblem.
Welches?
Die Polizei erfasst zum einen nicht alle Zahlen und Straftaten. Es gibt viel mehr Straftaten als die, die in der PKS auftauchen, das ist die sogenannte Dunkelfeld-Kriminalität. Zum anderen werden von den Taten, die in der PKS stehen, in etwa 70 Prozent der Fälle die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft eingestellt – darunter sind auch schwerere Taten wie Raub.
Gibt es Statistiken, die Sie persönlich für geeigneter halten?
Die in der sogenannten Verurteiltenstatistik erfasste Zahl der Verurteilungen durch Gerichte ist aussagekräftiger, aber auch komplexer. Meiner Erfahrung nach jucken diese Zahlen die Politik aber nicht weiter. Sie stürzt sich lieber auf die PKS.
Viele Menschen haben Angst, Opfer einer Straftat zu werden. Ist die Furcht berechtigt?
Es ist seit langem so, dass unser Sicherheitsgefühl nicht zur tatsächlichen Gefährdung passt. Wir haben in Bochum dazu eine Studie durchgeführt. In einem ersten Schritt haben wir Menschen gefragt: Wurden Sie im zurückliegenden Jahr Opfer eines Raubüberfalls? Und unsere zweite Frage war: Befürchten Sie, innerhalb des kommenden Jahres Opfer eines Raubüberfalls zu werden? Die Anzahl derjenigen, die fürchteten, im kommenden Jahr Opfer eines Raubüberfalls zu werden, war etwa 50 Mal größer als die Zahl der Befragten, die tatsächlich Opfer geworden waren.
Wie ist diese Diskrepanz zu erklären?
Seit mindestens zehn Jahren leben wir mit einem Treibsandgefühl. Viele Menschen verlieren den Halt. Migrationsbewegungen, Klimakrise, der Ukraine-Krieg, eine wachsende Ungleichheit, die Furcht vor Krankheit und Armut im Alter und jetzt die Trump-Regierung in den USA – es gibt viele Gründe dafür, dass es sich so anfühlt, als würden wir den Boden unter den Füßen verlieren. Die Angst spielt dabei eine zunehmende Rolle vor dem Hintergrund einer immer unüberschaubarer und - subjektiv empfunden - unsicherer werdenden Welterfahrung. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat den Zustand der Verunsicherung mit dem Begriff liquid fear umschrieben: In liquid times verlieren die Menschen die Zuversicht und das Vertrauen in die Steuerbarkeit ihrer eigenen Zukunft.
Diese Dinge haben aber erst einmal nichts mit Kriminalität zu tun.
Die R+V-Studie "Die Ängste der Deutschen" der gleichnamigen Versicherung listet die Angst vor Kriminalität auch gar nicht unter den sieben größten Ängsten auf. Themen wie steigende Lebenshaltungskosten oder die Angst davor, sich keinen Wohnraum leisten zu können, sind größer.
Aber?
Die Politik erweckt immer wieder den Eindruck, dass Kriminalität ein riesiges Problem sei. Besonders Menschen mit Migrationshintergrund erfüllen eine Sündenbockfunktion, wir laden ein allgemeines Unsicherheitsgefühl bei ihnen ab.
Im Bereich der Gewaltkriminalität gab es im vergangenen Jahr 7,5 Prozent mehr ausländische Tatverdächtige als 2023. Warum ist das so?
Weil mehr nicht deutsche Menschen bei uns leben als im Vorjahr. Mehr Menschen bedeutet schlicht auch mehr Kriminalität. Aber Kriminalität ist eine Frage der sozialen Lebenslage, nicht der Herkunft.
Das müssen Sie bitte erklären!
In der Gruppe der Nichtdeutschen gibt es besonders viele junge Männer, die im städtischen Bereich leben. Jung, männlich, im urbanen Raum lebend – das sind drei Faktoren, die Kriminalität begünstigen. Und mit Blick auf die PKS gibt es weitere Probleme: Verstöße gegen Passbestimmungen oder Ausländergesetze können deutsche Staatsbürger schlicht nicht begehen, sie fließen aber mit in die Statistik ein. Zudem werden viele Straftaten wie zum Beispiel Diebstähle oder Körperverletzungen auch von durchreisenden Personen begangen, etwa von Touristen oder von Pendlern – und nicht nur von Migranten. Auch hier differenziert die PKS nicht, sie weist schlicht "nicht deutsche Tatverdächtige" aus. Und schließlich belegen Studien, dass die Polizei häufiger Ausländer als Deutsche kontrolliert, etwa auf Drogenbesitz. Wer mehr kontrolliert, findet auch mehr. Ebenfalls ist gut belegt, dass Straftaten eher angezeigt werden, wenn die Opfer den Eindruck haben, der Tatverdächtige sei ein Ausländer.
Messerattacken werden erst seit einigen Jahren gesondert in der PKS ausgewiesen, das macht die Vergleichbarkeit mit länger zurückliegenden Zeiträumen sehr schwierig. In einigen Bundesländern sollen Straftaten, bei denen Messer im Spiel waren, um zweistellige Prozentzahlen zugenommen und sich in Bayern sogar verdoppelt haben. Meist geht es dabei um Bedrohungen. Aber die schweren Taten Solingen, Mannheim oder Aschaffenburg machen Angst. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Die spektakulären Fälle sind ein Problem. Sie setzen ein Pingpongspiel zwischen Politik und Medien in Gang, was wiederum den Eindruck erweckt, alles werde immer schlimmer. Das haben wir im Wahlkampf erlebt. Das erschwert die Differenzierung. Diese Taten sind furchtbar, keine Frage, besonders für die Opfer und die Hinterbliebenen. Aber sie haben nicht alle die gleiche Erklärung. Manchmal steht eine politische Motivation dahinter. Oft begehen – wie offenbar in Aschaffenburg – Menschen in psychiatrischen Ausnahmesituationen solche Taten. Davor habe ich schon vor zehn Jahren schon gewarnt.
Warum?
Weil klar war, dass es unter den Geflüchteten, die damals nach Deutschland kamen, auch viele Menschen geben muss, die traumatische Kriegs- oder Fluchterfahrungen gemacht haben. Wenn das auch nur auf ein Prozent von einer Million Menschen zuträfe, wären es 10.000 Betroffene. Wir haben uns nicht um sie gekümmert. Die Art der Unterbringung ist schwierig, die schlechten oder ganz fehlenden Arbeitsangebote machen es auch nicht besser. Es bräuchte viel mehr psychosoziale Betreuung, aber Forderungen danach hört man in der Politik selten. Die Folgen sehen wir auch daran, dass mehr Menschen ums Leben kommen, weil die Polizei von der Schusswaffe Gebrauch macht.
Wie meinen Sie das?
Die Polizei hat im vergangenen Jahr 22 Menschen erschossen, 2023 waren es 10. In etwa drei Viertel dieser Fälle ist eine psychiatrische Ausnahmesituation der Grund für den Polizeieinsatz gewesen. Wir haben einen Anstieg von psychischen Krankheiten in unserer Gesellschaft, die Polizei hat Probleme, darauf angemessen zu reagieren, und die psychosoziale Versorgung ist mangelhaft.
Gibt es Straftaten, die in der PKS unterbelichtet sind und die in Wirklichkeit viel häufiger vorkommen als in der Statistik ausgewiesen?
Ja, vor allem körperliche und sexuelle Gewalt in der Familie. Drei Viertel aller Gewalttaten ereignen sich hier! Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Auf den Großteil der Einsätze, den die Polizei aufgrund von Familienstreitigkeiten fährt, folgt keine Anzeige. Häufig macht die Polizei sich auch nicht selbst die Arbeit, Ermittlungen einzuleiten, auch wenn sie es könnte. Es besteht ja ein öffentliches Interesse, das wäre Grund genug. Stattdessen sagen viele Beamte, man könne ja am Folgetag Anzeige auf dem Revier erstatten. Aber das machen die wenigsten Betroffenen. Besonders Frauen nicht – weil sie Angst davor haben, dass die Situation zu Hause eskaliert.