Frau vor Strohballen:  "Gefühlt ist meine Schwester immer bei mir", sagt Charlott
"Gefühlt ist meine Schwester immer bei mir", sagt Charlott
Charlotte Schmitz
Tödliche Gewalt
Ihre Schwester wurde ermordet
Der Täter, der Ehemann, wird sein Leben hinter Gittern verbringen. Aber wie geht es jetzt für die Familie weiter?
Karina ScholzPrivat
Aktualisiert am 14.05.2024
3Min

Charlott A., 47:

Meine Schwester wurde am 19. Mai 2021 erschossen. Der Täter, ihr Ehemann, bekam lebenslänglich – und die Richter stellten die besondere Schwere der Schuld fest. Nach dem Mord an Hanna war ich gelähmt vor Schock. Aber auch gefasst. Denn ich hatte das Schlimmste geahnt. Die Ehe der beiden war überschattet von Gewaltausbrüchen. Ein paar Tage vor ihrem Tod sagte sie: "Wenn ich eines Morgens tot auf der Weide liegen sollte, dann weißt du, es war Hartmut." Ich hätte ihr so gern geholfen.

Hanna war eine fröhliche, immer positive, starke Frau. Ihr war nie etwas zu viel. Als Kinder waren wir uns so nah, wir wurden oft für Zwillinge gehalten. Sie war zwei Jahre jünger als ich. Wir sind mit vielen Pferden aufgewachsen. Die tollen Erinnerungen, wie wir als Kinder zusammen geritten sind, ohne Sattel, mit unserer Mutter manchmal tagelang unterwegs – daran halte ich mich fest.

Vier Kinder, das älteste 17 Jahre

Die beiden lernten sich im Zahnmedizinstudium ­kennen. Damals haben wir, also meine Geschwister, unsere Mutter und ich, Hartmut als inspirierenden Mann wahrgenommen – ideenreich, rastlos. Doch wenn er wütend wurde, gab es kein Halten mehr. Weil meine Schwester das nie dramatisiert hat, hatten wir lange keinen Einblick.

Die beiden kauften sich einen Resthof und moderni­sierten alles mit viel Fleiß. Sie bekamen vier Kinder, heute ist das älteste 17 Jahre alt. Meine Schwester stand ­praktisch mit all der Arbeit alleine da, Hartmut entfernte sich immer mehr von zu Hause.

Hanna war nicht glücklich, weil er so extrem auf­brausend und gewalttätig war. Wenn wir zu Besuch ­kamen, lagen eigentlich immer kaputte Möbel für den Sperrmüll vor dem Haus. Meine Nichte erzählte mal, der Papa habe mit einer Axt den Fernseher auseinandergehackt. Vor Gericht kam heraus, dass er, der angesehene Zahnarzt, ein Doppelleben führte: Er hatte Affären, und er soll eine rechtsextreme Einstellung gehabt haben.

Hartmut verschwand jeden Abend

Nur einmal hat Hanna mir ihr Herz ausgeschüttet. ­ Das war vor acht Jahren, als sie mit dem jüngsten Kind im Wochenbett lag. Damals rief sie mich an und weinte so sehr, weil sie Angst hatte, dass er sie umbringen wollte. Ich rief sofort die Polizei. Leider stritt meine Schwester an der Tür alles ab. Ich bekam ein Grundstücksverbot für mehrere Jahre, per Einschreiben, direkt von Hartmut.

Später arbeitete ich in ihrer Nähe und bekam wieder mehr Einblick in ihren Alltag. Wir feierten Weihnachten und Silvester zusammen. Manches kam mir seltsam vor, Hartmut verschwand jeden Abend. Ich vermutete, dass er meine Schwester betrog. Sie meinte, ich spinne. Irgendwann hat sie ihn in flagranti beim Fremdgehen ertappt. Da schaffte sie es endlich, sich zu trennen.

Leider war das keine Befreiung für sie. Sie wurde gestalkt und zusammengeschlagen von ihrem Mann. Es gab einen Gerichtsbeschluss, dass er sich ihr bis auf 100 Meter nicht nähern durfte. Dann erschoss er sie vor der Tür ihres neuen Bekannten. Zwei Magazine feuerte er auf sie ab, fast 50 Schuss. Auch ihren Bekannten brachte er um, danach noch einen gemeinsamen Freund.

Mein Partner war eine große Stütze

Auch wenn meine Schwester jetzt tot ist und ihr Mörder im Gefängnis sitzt, für unsere Familie ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Ich möchte für ihre Kinder da sein. Zu Hause werden sie von der Verwandtschaft väterlicherseits betreut. Sie kommen mich oft besuchen. Ich würde gerne mehr für sie tun. Die beiden Jüngeren hätten hier bei mir ihre eigenen Zimmer.

Nach Hannas Tod bin ich mit meinen zwei Töchtern und meinen Pferden in die Nähe meines Partners ­gezogen, auf einen großen Hof. Ich wollte Platz für vier Kinder ­haben. Ich hängte im Wintergarten Fotos von Hanna auf, damit sie meinen Zoo sehen kann: 23 Pferde, zwölf ­Hühner und zwei Hunde. Gefühlt ist sie immer bei mir.

Ich habe viel geweint, meine Töchter auch. Mein Partner war eine große Stütze für uns. Ich lenke mich mit Arbeit ab. Am meisten hilft es mir, anderen zu helfen. Wenn ich als Ergotherapeutin Menschen behandele, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt sind und durch meine Therapie kleine Fortschritte erzielen, dann gibt mir das Kraft. Mein Traum ist eine Reitschule mit Therapiezentrum. Das würde Hanna auch lieben.

Protokoll: Karina Scholz