Moderne Kirchenfenster
Leuchten für die Ewigkeit
Farbig und warm wirkt der einst strenge Greifswalder Dom, seit Ólafur Elíasson dort spektakuläre Kirchenfenster gestaltet hat. Auch in kleinen Dorfkirchen gibt es jetzt großartige Glaskunst zu sehen
Die Fenster im Ostgiebel des Greifswalder Doms zeigen in 65 verschiedenen Farbtönen, verteilt auf 3400 Glasscheiben, die Farbpalette eines Sonnenaufgangs.
Christian Roedel/epd-bild
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
10.05.2024
8Min

Es ist ein Geschenk zum 250. Geburtstag für Caspar David Friedrich, ein leuchtender Höhepunkt im Jubiläumsjahr. Am Sonntag nach Ostern wurden im Greifswalder Dom, seiner Taufkirche, neugestaltete ­Kirchenfenster der Öffentlichkeit vorgestellt. Der dänisch-­isländische Künstler Ólafur Elíasson hat mit ihnen Caspar David Friedrich seine Reverenz erwiesen. Intensiv hat er sich mit Friedrichs Werk auseinandergesetzt. Aufmerksam hatte er den Greifswalder Dom erkundet, dessen Chor viel der Romantik verdankt. Ganz in Friedrichs Sinne hatte dessen Zeitgenosse, der Baumeister Gottlieb Giese, ab 1824 dafür gesorgt, dass die gotische Grundstruktur freigelegt wurde und nichts die lichte Klarheit störte. Im sandfarbenen Binnenchor steht nur ein schlichter Altar und hinter ihm ein großes, goldenes Kreuz, was an ­einige von Friedrichs Gemälden erinnert. Darüber erhebt sich ein hohes, getünchtes Gewölbe. Ursprünglich hatte man farbige Fenster geplant, doch zur Ausführung war es nie gekommen. Nun, mit 200-jähriger Verspätung, ­konnte Elíasson, weltbekannt durch seine überwältigenden ­Multimedia-Installationen, diese Lücke schließen.

"Huttens Grab" – dieses Bild von Caspar David Friedrich, gemalt um 1823/24, hat Ólafur Elíasson 200 Jahre später inspiriert

3400 Scheiben mit 65 unterschiedlichen Farbtönen

Dafür hat Elíasson sich an einem von Friedrichs ­Gemälden orientiert: "Huttens Grab" (1823/24). Es zeigt eine Kirchenruine, in deren Apsis ein einsamer Wanderer sich vor dem Grab des humanistischen Freiheitskämpfers Ulrich von Hutten verneigt. Durch die offenen Fenster­flächen – Friedrich hat wegen seiner Liebe für Ruinen leider nie intakte Kirchenfenster gemalt – schaut man in einen glühenden Sonnenuntergang. Sakralraum und Himmel bilden so eine ästhetische und atmosphärische Einheit.

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Den Farbverlauf des Gemäldes – unten dunkles Rot, ­darüber leuchtendes Gelb, nach oben hin ein helles, intensiver werdendes Blau – hat Elíasson aufgenommen, dabei aber den Sonnenuntergang in einen Sonnenaufgang verwandelt. Denn die Kirche ist nach Osten ausgerichtet. Was hier dämmert, ist der Morgen. Zum Staunen ist, wie sich die ungefähr 3400 Scheiben mit ihren 65 unterschiedlichen Farbtönen zu einem Ganzen verbinden. Dazu trägt auch die Struktur der Bleiruten bei: Ein geometrisches ­Muster von Rauten und Quadraten im unteren Bereich entwickelt sich zu Kreisen im oberen Bereich. "Der ­Verlauf", erklärt Elíasson, "spielt auf einen Prozess potenziell endloser Veränderung an, der sich über die ­Grenzen der ­Fenster hinaus fortsetzen könnte." ­Konnte man den Greifswalder Dom vorher auch als kühl und streng ­erleben, so wirkt er nun farbig, warm, lebendig.

Die "Lichtbogen" von Günther Uecker im Schweriner Dom: blaue Flächen, weiße Risse und Löcher

Dabei fehlt noch ein wichtiges Element: der Heliostat. Denn anders als Friedrich, der so etwas in seinen Ge­mälden natürlich nicht brauchte, will Elíasson eine Lichtverstärkung einrichten, weil die Altarfenster nach den Morgenstunden zu wenig Sonnenstrahlen empfangen. Seine Werkstatt, immerhin ein mittelständisches Unternehmen mit ungefähr hundert Mitarbeitern, baut einen beweglichen Spiegel, der auf dem Dach des gegenüberliegenden Alfred-Krupp-Wissenschaftskollegs Licht einfangen und umlenken soll. "Der Tag", so Elíasson, "wird sozusagen gespiegelt." Im Sommer soll der Heliostat angebracht und programmiert sein, dann wird sich die Wirkung der Fens­ter noch einmal verstärken. Dabei hat auch die halbfertige Installation ihren Reiz. Denn jetzt werden die dunklen Rottöne unten von den milchigen Fenstern des Binnenchors zart gebrochen. Doch man darf gespannt sein, wie der endgültige Eindruck sein wird und wie er sich je nach Lichtverhältnis verändert.

Bemerkenswert ist, wie gut sich die neuen Fenster – ausgeführt von der Werkstatt Hein Derix – in den alten Dom einfügen und ihn zugleich verändern. Ein Lichtraum ist entstanden, den die Kirchengemeinde als österlich empfinden und symbolisch deuten kann: der Auferstandene als das Licht der Welt. Nicht christliche Besucher können sich an dem von Elíasson gewählten Titel der Installation ausrichten: "Fenster für bewegtes Licht". Die christliche und die künstlerische Deutung stehen nicht im Gegensatz oder in Konkurrenz zueinander. Denn Elíassons Konzept ist darin gut romantisch, dass es seinen spirituellen Gehalt nicht in die exklusiv christlichen Bildmotive der kirchlichen Tradition fasst, sondern in ein Licht, das ­allen – wie immer sie weltanschaulich eingestellt sein ­mögen – ­einen "Sinn und Geschmack für das Unendliche" (Friedrich Schleiermacher) schenkt, wenn sie dafür offen und ­bereit sind. Der Glaube, um den es hier geht, lebt aus einer ­außergewöhnlichen Atmosphäre, die gemeinsam durch ein ­modernes Kunstwerk und einen mittelalterlichen ­Kirchraum geschaffen wird.

Unter dem Titel "Lichtungen" hat die Evangelische Landeskirche Anhalts für über 30 Dorfkirchen neue Fenster gestalten lassen. Von links oben im Uhrzeigersinn: Nutha, Großwülknitz, Pulspforde und Kleinleitzkau

Dass ein solches Projekt gelingt, ist alles andere als selbstverständlich. In den vergangenen Jahren haben sich mehrere bekannte Künstler an Kirchenfenstern versucht. Angefangen hatte dies eigentlich schon in den 1960er und 70er Jahren mit Marc Chagall. Dann erregte Gerhard Richter 2007 mit seinem Fenster für den Kölner Dom erhebliche Aufmerksamkeit. Im selben Jahr entwarf Neo Rauch Fenster im Naumburger Dom. Es folgte 2009 Sigmar Polke mit einer ganzen Serie von Glaskunstwerken im Zürcher Großmüns­ter oder Leiko Ikemura in der Wunderblutkirche von Bad Wilsnack im vergangenen Jahr. Jedes Mal ist das ­Interesse groß, versprechen solche Auftragsarbeiten doch einen ­intensiven, überraschenden Dialog zwischen Kirche und Kunst, der den Sakralraum und die Gottesdienste, die in ihm gefeiert werden, in einem neuen Licht erstrahlen lässt.

Doch solch ein Engagement prominenter Maler kann Nachteile mit sich bringen. Manchmal nämlich gewinnt man den Eindruck, dass diese sich nicht wirklich auf den Raum, seine Sinngeschichte, rituelle Nutzung und Gemeinde oder die Eigentümlichkeiten der Glaskunst ­einlassen, sondern sich eher dafür interessieren, dem ­eigenen Markenzeichen einen sakralen Rahmen zu verschaffen. Besonders deutlich wird dies bei Künstlern, die ihren Zenit hinter sich haben. Sie scheinen zu fürchten, dass ihre Werke nicht mehr lange hoch gehandelt und prominent in Museen präsentiert werden. Da verheißt ein eigenes Kirchenfenster ein Stück Ewigkeit. Man ­möchte es ihnen gönnen, doch was nutzt es dem Kirchraum, wenn sie sich mit ihm gar nicht richtig auseinandergesetzt ­haben? Das ist eine Frage, auf die man kommen kann, wenn man das neue Fenster von Markus Lüpertz in der Hannoverschen Marktkirche betrachtet.

Wie es anders geht, zeigt ein zweites Projekt aus ­Meck­lenburg-Vorpommern: die "Lichtbogen"-Fenster von ­Günther Uecker für den Schweriner Dom. Intensiv ­hatte der 94-jährige Künstler, der in der Nähe der Landeshauptstadt aufgewachsen ist, den gotischen Bau ­erkundet, seine Struktur und Farbigkeit betrachtet. Drei Jahre brauchte er, bis er nach seinem Besuch im Jahr 2017 der ­Gemeinde endlich seine Entwürfe zeigen konnte. Es sind auf große Tücher aufgetragene blaue Farbflächen, die neben ­weißen Rissen und Löchern helle Bogen zeigen, die je nach ­Betrachtung die Blicke nach oben ziehen oder das Licht ­he­rabregnen lassen. Vier Fenster – ebenfalls ausgeführt von Hein Derix – vor der Vierung und dem Altar, zwei links und zwei rechts, sollten es werden. Zwei auf der nordwestlichen Seite wurden im vergangenen Jahr "in den Dienst genommen", wie man in der Gemeinde sagt. Sie geben schon einen Eindruck des Ganzen.

Kunstwerk von Tracey Emin: Ode ans Bett

Es ist erstaunlich, wie bescheiden sie sich in den ehr­würdigen Raum einpassen. Die strenge gotische ­Struktur wirkt lebendiger, und ein Dialog entspinnt sich mit den ­anderen Fenstern aus Mittelalter, ­früher Neuzeit und 19. Jahrhundert. Verblüffend ist zudem, wie präzise das ­Symbol "Lichtbogen" den christlichen Sinn des Doms ins Bild setzt und zugleich eine überkirchliche Weite eröffnet, die auch nicht christliche Besucher willkommen heißt. Darum geht es Uecker: "Ein Licht­bogen, der uns ins Universum führt, auf der Narbe ­unserer Verletzungen aus einer Quelle von Leben und seiner Gefährdung, ­unserer Verwundbarkeit, im Aufbegehren, im Überschreiten der Schwelle einer Endlichkeit, einer Vision aus der ­Tiefe ­unserer Herkunft, die Farbe geführt im Kreis." Wenn ­alles nach Plan geht, werden ­Ende dieses Jahres auch die anderen beiden ­Fenster auf der gegenüberliegenden Seite eingebaut, so dass die Vierung eine blau-mysterienhafte Rahmung erhält.

Der Engel in der Dorfkirche von Wertlau (rechts). Links die Auferstehungskirche in Dessau

Dass großartige Glaskunst auch ohne weltberühmte Künstler und jenseits von national bedeutsamen Kathedralen möglich ist, hat das vielleicht schönste Kirchen-­Kunst-Projekt der vergangenen Jahre bewiesen. Unter dem fein-doppeldeutigen Titel "Lichtungen" hat die Evangelische Landeskirche Anhalts, die kleinste in Deutschland, für inzwischen über 30 Dorfkirchen neue Fenster ­gestalten lassen. Die Künstlerinnen und Künstler ­wurden nicht nach der Prominenz ihrer Namen ausgewählt, auch wenn der bekannte Bildhauer Tony Cragg oder der renommierte Glaskünstler ­Jochem Poensgen mit dabei sind.

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Wichtiger war, dass die Fenster sich – auf welche Weise auch immer – auf den Kirchraum beziehen. In den Kirchen von Dörfern wie Elsnigk, Pulspforde, Kermen, Kleinleitzkau oder Nutha sind jetzt sehr unterschiedliche "Lichtungen" zu bestaunen, mal kräftig-­farbig, mal zurückhaltend. In Großwülknitz zum Beispiel hat ­Gisela Krell in ein archaisch anmutendes Kirchlein aus dem 12. Jahrhundert schlichte weiß-blau-gelbe Farbfelder in die schmalen Öffnungen hinter und neben den groben ­Backsteinaltar gesetzt – und plötzlich ist es, als strahlte der Raum von innen heraus. Sehr ungewöhnlich ist das Glaskunstwerk, das Hella Santarossa für Wertlau erfunden hat. Es ist mehr als nur ein Fenster, nämlich eine Art dreidimensionales Glasrelief. Zwischen zwei Scheiben hat die Künstlerin eine Mischung aus Gemaltem und Geformtem gesetzt. Dadurch ist eine Engelfigur entstanden, die bei jedem Lichteinfall anders wirkt. Übrigens ist dies eine der wenigen ­figurativen Arbeiten. Die meisten ­neueren Kirchenfenster sind ja ungegenständlich, auf Farbe, Form und Licht konzentriert.

Oft waren die "Lichtungen" Teil einer größeren Sanierung, vor allem aber versuchen sie, den Kirchraum für alle Menschen ihres Gemeinwesens zu öffnen. Hier zeigt sich, dass Glaskunstfenster in Kirchen weit mehr als ein schmückendes Beiwerk sind. In ihnen findet die Kunst der Gegenwart ein Heimatrecht in der Kirche und tritt mit ihr in einen lebendigen, mit jedem Wetterumschwung, im Laufe des Tages und des Jahres sich verändernden Dialog. Durch sie gewinnt der Gottesdienst, der hier gefeiert wird, an Weite und Tiefe. Zugleich begrüßen sie Menschen, die nicht kirchlich gebunden sind, und schenken auch ihnen Momente unvergleichlicher Schönheit.

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