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Schon mal in Paris gewesen? Auf dem Eiffelturm? Wir ja, mit unseren Söhnen. Die wollten da unbedingt mal rauf …
Heute weiß ich: Ein ähnlich spektakuläres Erlebnis hätten wir auch einfacher haben können: in Wuppertal. Dort nämlich schweben an einer Art quergelegtem Eiffelturm Eisenbahnwaggons über die Wupper. Und zwar fast schon so lange, wie es den Eiffelturm gibt. Der wurde 1889 fertig, die Wuppertaler Schwebebahn fuhr das erste Mal 1901.
Seither hat sie Millionen von Menschen ohne Stau und elegant schwebend quer durch die Stadt transportiert. 13,3 Kilometer lang ist die Strecke, mit Halt an 20 Stationen. Alle paar Minuten fährt ein Zug. Und während der Eiffelturm hauptsächlich von zahlenden Touristen besucht wird, nutzen die Schwebebahn vor allem die Wuppertaler selbst, und dafür reicht zum Beispiel ein Deutschlandticket. Ich bin gleich ein paar Mal hin und her geschwebt, so klasse war das.
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In meiner Heimatstadt Hamburg lebte mit Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt ein Politiker, der Menschen mit Visionen zum Arzt schicken wollte. Wuppertal dagegen hat schon immer Visionäre angezogen und tut es auch noch heute.
Christian Hampe ist einer von ihnen. Ich kenne Christian durch mein Ehrenamt beim Netzwerk Immovielien e.V. schon länger, aber wir hatten uns noch nie persönlich gesehen. Christian hat Kommunikationsdesign studiert, ein Stadtmagazin gegründet und dann vor über 20 Jahren angefangen, zusammen mit seiner Kollegin Beate B. Blaschczok an der Idee einer "Utopiastadt" herumzudenken: aus der über 60.000 qm großen Brache des Bahnhofs Wuppertal-Mirke einen Campus für die Stadtgesellschaft zu schaffen – einen sogenannten "Dritten Ort" an der Schnittstelle zwischen Sozialem, Kultur, Sport und Mikroökonomie.
Seit 2011 organisieren sie hier Veranstaltungen im Mirker Bahnhof: Konzerte, Konferenzen, Sportevents, Näh-Nachmittage, Fahrrad-Reparatur-Treffs und vieles mehr.
An die 70.000 Menschen besuchen pro Jahr die Utopiastadt. Viele von ihnen kommen vielleicht erst mal nur auf einen Drink ins Café Hutmacher, das bereits 2012 im ehemaligen Wartesaal 1 eröffnet wurde. Viele bleiben und machen mit. Neben einer Handvoll bezahlter Kräfte ist die Utopia-Gemeinschaft von Ehrenamtlichen mittlerweile auf 200 Menschen angewachsen, berichtet mir Christian.
Als wir uns an der Utopiastadt auf einen kleinen Plausch treffen, steht er kurz vor der Bauabnahme weiterer, wichtiger Bauabschnitte.
Das Café Hutmacher ist gerade noch zu, soll aber in den nächsten Wochen wieder öffnen. Überall in den großen alten Wartesälen, an der Fassade und in den Stockwerken oben sehen und hören wir Handwerker, die teilweise mit schwerem Gerät unterwegs sind. Gut zehn Millionen Euro umfasst das Budget, finanziert aus Bundes- und Landesmitteln. Die Stadt Wuppertal und die Utopiastadt selbst sind mit jeweils zehn Prozent dabei. Zehntausende von Ehrenamtsstunden kommen hinzu.
Auch jetzt, noch mitten in den Bauarbeiten, lässt sich erahnen, wie prachtvoll dieser Bahnhof mal war. Christian betont: "Wir machen keine Schönheitsreparaturen." Dafür gibt es weder die Mittel noch soll die Geschichte des Hauses übertüncht werden. Das Konzept für die nächsten Jahre sieht natürlich auch rein kommerzielle Vermietungen, wie zum Beispiel private Familienfeiern, vor. Ein paar Zimmer zum Übernachten sind kurz vor der Fertigstellung. Für Herbst 2027 ist das Ende der gesamten Sanierungsarbeiten im Bahnhof geplant.
Das alles ist ein Riesenprojekt. Trotz öffentlicher Förderung fehlt es an Geld, immer mal wieder kann irgendwas nicht termingerecht übergeben werden. Es ist ein oft zermürbender Kampf, bei steigenden Baukosten, komplizierten Verwaltungsvorschriften und Rückschlägen. Das Wichtigste sind dann ein gutes Team und Zusprache von Förderern, Spenden. Christian baut genau darauf und bleibt dran. Ein Visionär eben.
Als erster Ort in Deutschland war die Utopiastadt 2022 Gastgeberin des europäischen "Solar Decathlon", eines studentischen Wettkampfs für Architektur und Energietechnik. 18 Teams aus elf Hochschulen Europas waren nach Wuppertal gekommen und erbauten hier für die Zeit der Ausstellung temporäre Vorzeigebauten mit neutraler oder sogar positiver Energiebilanz. An die 120.000 Menschen kamen innerhalb weniger Wochen. Und das, obwohl der Wettkampf wegen Corona mehrmals verschoben werden musste und der Besuch von Großveranstaltungen auch im Sommer 2022 für viele Menschen noch tabu war.
Anders als bei früheren Decathlons in anderen Ländern wurden nicht alle Häuser zurückgebaut, fünf blieben der Stadt erhalten. Dazu gehört auch das "Haus Pecs", das heute als Info-Point für die Bundesgartenschau dient, die 2031 nach Wuppertal kommt. Auch wieder so ein visionäres Projekt, mit Seilbahn und Radfahrweg einmal rund um die ganze Stadt.
Apropos Radfahren – auch das ist in Wuppertal ein besonderes Erlebnis. Zum einen, weil es in der Hügelstadt ständig auf und ab geht; echt anstrengend …
Aber dann vor allem wegen der Nordbahntrasse, der ehemaligen Bahnstrecke, an der auch der Mirker Bahnhof liegt. Auch hier gab ein Visionär den Anstoß, der Wuppertaler Unternehmensberater Carsten Gerhard. Ihn nervten die vielen Kilometer von zugewachsenen Bahngleisen oben am Nordrand der Stadt, und so gründete er den Verein "Wuppertalbewegung".
Politik und Bürgergesellschaft zogen an einem Strang, und es begann der Ausbau der alten Bahnstrecke zu einem Fahrradweg. Der führt heute fast ebenerdig oben am Nordrand des Wupper-Tals 22 Kilometer an der Stadt vorbei. Ein fantastisches Erlebnis, das mich in Teilen an die High Line in New York erinnert.
Politik. Verlag Klaus Wagenbach. 160 Seiten, 20 Euro
Die Trasse führt durch lange Tunnel, an Häusern vorbei, über Straßen hinweg, und so wie den Mirker Bahnhof gibt es noch andere alte Bahnhofsgebäude, die sich wieder mit Leben gefüllt haben. Unglaublich, was möglich ist, wenn viele anpacken und gute Ideen haben. Wer die Wohnlage regelmäßig liest, kennt die "Montag Stiftung Urbane Räume". Auch sie hat in Wuppertal Projekte. Am Ende meiner Fahrradtour schau ich mir in Wuppertal-Barmen noch ihren Bob-Campus an; ein Nachbarschaftsort auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik, gemacht von und für die Menschen, die hier leben.
Schon einmal habe ich hier in der Wohnlage über Uwe Schneidewind erzählt, der von 2020 bis 2025 Bürgermeister in Wuppertal war. Auch Uwe habe ich jetzt zum ersten Mal persönlich kennengelernt, und wir haben uns lange und intensiv darüber ausgetauscht, was es alles braucht, damit aus guten Ideen, aus Visionen auch tatsächlich gelebte Realität werden kann.
Uwe hat ein Buch über seine Zeit als OB geschrieben: "Dienstschluss" heißt es, und er berichtet darin über seine Erfahrungen. Wie ihm, dem grünen, vielleicht manchmal auch etwas naiven Wissenschaftler, der mit vielen ungewöhnlichen Ideen Verwaltung und Politik in der Stadt durcheinanderwirbelte, Skepsis wie Hoffnung entgegengebracht wurden. 2025 ist er zur Wiederwahl nicht mehr angetreten, obwohl er ganz gute Chancen gehabt hätte.
Frust? Zum Teil natürlich ja, davon erzählt er im Gespräch wie im Buch. Da ist der gestandene Kommunalpolitiker, der ihm, dem Quereinsteiger, gleich im ersten Gespräch beipult, wer wirklich das Sagen in der Stadt hat: "Ich!" Kapitelweise beschreibt Uwe den "föderalen Wahnsinn", "Normenfallen" oder, besonders prägnant: die hohe "Kunst des professionellen Nein-Sagens".
Aber natürlich bleibt es nicht dabei - schließlich sind wir in Wuppertal, und ich spreche mit einem Visionär. Viel wichtiger als die Menschen, die bremsend wirken, sind die anderen: gestandene Verwaltungsprofis, die schon so lange darauf warten, dass sich was tut. "Verwaltungs-Guerilla" nennt Uwe sie; oder die "produktiven Anarchisten" wie Christian Hampe oder Carsten Gerhard. "Gerade in der vermeintlichen Ohnmacht entstehen Inseln des Gelingens", heißt es im Buch.
Fazit: Wuppertal lohnt einen Ausflug!
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