Anfang des Jahres besuchte ich die Region Darfur, um auf die Krise aufmerksam zu machen, die in ihr viertes Jahr gegangen ist. Der finanzielle Bedarf ist riesig, die mediale Aufmerksamkeit hat sich längst dem Nahen Osten zugewandt. Viele Menschen in Darfur sind unterernährt, in einigen Gebieten herrschen hungersnotartige Zustände. 14 Millionen Menschen wurden innerhalb und außerhalb des Landes vertrieben. 33 Millionen benötigen Nothilfe. Die schlimmste humanitäre Krise der Welt.
Soweit die Zahlen. Doch nichts bereitet einen wirklich auf ein Camp für Vertriebene wie Feina vor. Feina ist ein kleines Dorf im Jebel-Marra-Gebirge in Süddarfur. Es hatte Stunden gedauert, dorthin zu gelangen. Über unbefestigte Straßen, vorbei an verkohlten Lastwagen und Kontrollpunkten, die von bewaffneten Jugendlichen besetzt waren.
James East
An das Dorf Feina – Hütten aus Stöcken, Steinen und Stroh – hat sich ein Vertriebenenlager angegliedert, das um ein Vielfaches größer ist. Dort leben Zehntausende Überlebende, die aus belagerten Städten wie El Geneina und El Fasher geflohen sind. Das Camp wird größtenteils von Großmüttern, Müttern und ihren Kindern bewohnt. Männer und ältere Jungen fehlen auffällig.
Am nächsten Tag machte sich meine Kollegin Abi daran, die Geschichten von Frauen und Mädchen zu dokumentieren. Mütter, Töchter und Väter, die Übersetzer, alle, die zuhörten – und ich selbst: Wir alle versuchten die Tränen zurückzuhalten, während die Menschen berichteten.
Eine Mutter namens Fatna erzählte von ihrer Flucht aus El Geneina. Bewaffnete Gruppen seien in die Häuser gekommen und hätten nach Männern gesucht. Seien welche gefunden worden, wurden sie getötet. Frauen und Mädchen seien vergewaltigt worden. Fatna habe gesehen, wie ihre Großmutter erschossen wurde. Zehn Tage zuvor war sie mit ihrem neun Monate alten Sohn im Lager angekommen. Unterwegs war ihr alles gestohlen worden. Sie wusste nicht, wo ihr Mann und ihre beiden Töchter waren – oder ob sie überhaupt noch lebten.
Unser kleines Team: überfordert. Wir verteilten Schlafmatten und Seife an die Familien. Einer Frau, Gasma, folgte ich zurück zu dem Ort, an dem sie und ihre Kinder schliefen.
Ich versuchte fotografisch festzuhalten, wie die Menschen hier leben müssen. Aber Gasmas kleiner Sohn war nackt. Ihn so zu fotografieren hätte gegen unsere Richtlinien zum Schutz von Kindern und zur Wahrung der Würde verstoßen. Bitte ich sie, ihn anzuziehen, wohl wissend, dass der Moment inszeniert wirken wird? Verzichte ich ganz auf das Foto? Ich fragte, ob er Kleidung hat. Hatte er nicht. Sie lieh sich ein schmutziges T-Shirt vom Kind eines Nachbarn. Ich fühlte mich unwohl, überhaupt gefragt zu haben.
In ihrem Unterstand schlief die Familie auf der Erde. In der Nacht zuvor hatte es geregnet; wie fast alle im Lager hatten sie keine Plane. In einer Ecke stand ein leerer Kochtopf. Die Familie hatte an diesem Tag nichts gegessen. Eigentlich wollte ich fragen, ob die Schlafmatte ihr helfen würde. Aber die Kinder zu ernähren, trocken zu halten und anzukleiden ist wichtiger als eine Matte, so nützlich sie auch ist. Die Matte würde die Kleidung sauber halten – aber der Junge hatte keine.
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Ich befragte eine andere Mutter von drei Kindern, die aus der Belagerung von El Fasher geflohen war. Ihr Mann: verschwunden. Sie begann zu weinen, ihre Kinder schauten schweigend und ausdruckslos zu. In der Kommunikationsarbeit müssen wir darauf achten, Menschen nicht erneut zu traumatisieren. Doch dort war das Trauma überall.
An einer Wasserstelle versammelten sich Frauen mit Kanistern. Sie wussten, warum ich da war: um ihre Not sichtbar zu machen. Man hatte mir eingeschärft, keine Versprechungen zu machen. Finanzierung könnte kommen, vielleicht auch nicht. Und ich fragte mich: Wie löse ich den Widerspruch zwischen dem, was ich vor Ort sehe, und dem, was ich berichten, was ich zeigen darf? Wollen die Spenderinnen und Spender die Radikalität dieses Leids sehen? Darf ich die Menschen mit meinen Fotos ihrer Würde berauben? Verstoße ich nicht gegen unsere eigenen Richtlinien als World-Vision-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, wenn ich die Realität ungeschminkt zeige? Es ist ein Widerspruch, mit dem ich als Kommunikationsprofi leben muss.
"Was eigentlich ist diese Würde? Ist sie gewahrt, wenn man die Wahrheit verbirgt, weil sie unerträglich erscheint?"
James East
Innerhalb der humanitären Hilfe gibt es seit langem eine Debatte zwischen Kommunikationsfachleuten, die nach Authentizität streben, und Schutzpersonal, das darauf besteht, in jeder Darstellung von Not die Würde der Betroffenen zu wahren. Und es heißt auch, dass die Spenderinnen und Spender sich nicht zu unwohl fühlen wollen.
Ich frage mich: Was eigentlich ist diese Würde? Ist sie gewahrt, wenn man die Wahrheit verbirgt, weil sie unerträglich erscheint? Wenn man weglässt, dass ein Kind keine Kleidung hat? Oder vermeidet zu sagen, dass man über menschliche Überreste gestiegen ist, um über ein von Drohnen zerstörtes Krankenhaus zu berichten?
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Ich soll Not zeigen. Ich soll Würde schützen. Ich soll Einverständniserklärungen der Betroffenen einholen. Doch ich zweifle, ob es in Darfur überhaupt noch Würde gibt. Wenn Kinder mit nichts ankommen, wenn Familien hungrig im Dreck schlafen, wenn Neugeborene in Lumpen gewickelt werden, um sie vor dem Regen zu schützen, und wenn Dorfälteste höflich um Hilfe bitten, um irgendeine Hilfe.
Ich habe den größten Teil meines Berufslebens der humanitären Kommunikation gewidmet. Doch es fühlt sich an, als wäre ich wieder am Anfang angekommen.
Wer rüttelt heute unser kollektives Gewissen wach?
Als junger, begeisterter Christ wollte ich ein Leben mit Sinn, Ziel und Wahrhaftigkeit führen. Das brachte mich in den 1980er Jahren zunächst zum Journalismus, dann zu World Vision. Ich habe erlebt, wie sich die Arbeit der Hilfsorganisationen und ihre Kommunikation verändert haben.
1984 brannten sich Fernsehbilder über die Hungersnot in Äthiopien tief in das Gedächtnis all jener ein, die alt genug waren, Nachrichten zu verfolgen. Sie trugen dazu bei, den Weihnachtshit desselben Jahres zu initiieren: "Do They Know It’s Christmas?" von Band Aid mit einer Vielzahl von Rock- und Popstars. Die Single erreichte Platz eins in den Charts von 13 Ländern, darunter Deutschland, und spielte allein bis Weihnachten 1984 rund acht Millionen Dollar ein.
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Der Initiator sowohl von Band Aid als auch von Live Aid, dem Benefizkonzert für Afrika im Folgejahr, war Bob Geldof, Frontmann der Boomtown Rats. Ich erinnere mich noch genau, wie ich seinerzeit als naiver christlicher Student ein Konzert der Boomtown Rats besuchte und von Bobs derber Sprache schockiert war: "Ihr solltet euch schämen, wenn ihr nichts für Äthiopien gespendet habt!", wetterte er.
Was ich in diesem Jahr im Sudan gesehen habe, machte mir klar, dass wir Hilfsorganisationen das Versprechen "Nie wieder", welches wir nach der Hungersnot in Äthiopien vor 42 Jahren gegeben haben, bei weitem nicht eingelöst haben.
Wer rüttelt heute unser kollektives Gewissen wach? Ein gestrandeter Wal erhält in Deutschland mehr Beachtung als Millionen hungernder Menschen in Darfur.
Humanitäre Hilfe hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Richtung Zusammenarbeit entwickelt. Hilfsorganisationen haben daran gearbeitet, Menschen nicht mehr als "Begünstigte", sondern als Partner und Kundinnen zu betrachten. Auch die Bildsprache hat sich verändert – weg von entwürdigenden Darstellungen hin zu respektvolleren Bildern.
Doch zugleich scheint die permanente Berichterstattung über Konflikte viele Menschen gegenüber dem Leid in anderen Teilen der Welt abgestumpft zu haben. Im Sudan hängt das Leben von Millionen Kindern und ihren Familien am seidenen Faden. Während der Regenzeit sind die Straßen in Darfur unpassierbar. Lebensmitteltransporte werden die Menschen nicht mehr erreichen. Sie werden verhungern.
Und ich frage mich: Sollten wir es zeigen – oder lieber nicht?





