Am Morgen hat Sharon Tyebileyo sich wieder über die unsichtbare Grenze gewagt. Hinter ihrem Haus beginnt das Revier der Gangs, jeder weiß: Wer dort im falschen Moment vorbeigeht, riskiert Überfall oder Vergewaltigung. Tyebileyo ist trotzdem hineingegangen. Sie hat eine Mission.
Hinter der nächsten Reihe Wellblechhütten wohnt die junge Frau, die im vergangenen Jahr in der Klinik ihr Testergebnis erhielt, während Sharon Tyebileyo auf ihren Termin wartete. Die Jüngere stand versteinert im Gang, Tyebileyo ging zu ihr und sagte: "Ich lebe auch damit, seit mehr als zehn Jahren." Dann schrieb sie ihre Telefonnummer auf einen Zettel.
Als die Frau später tatsächlich anrief, weinte sie: Sie habe keine Zeit für die endlosen Wartestunden in der Klinik, sie könne ihre fünf Kinder nicht so lange allein lassen, sie werde an dieser Krankheit sterben. Tyebileyo organisierte für sie den Besucherservice: Helfer brachten ihr fortan die Behandlung und die Medikamente direkt an die Tür.
Seit Januar 2025 gibt es diesen Dienst nicht mehr. Die finanzierende US-Entwicklungshilfebehörde USAID wurde geschlossen, alle Programme in Südafrika wurden von einem Tag auf den anderen eingestellt. Die junge Frau mit den fünf Kindern hat seitdem keine HIV-Medikamente mehr genommen. Und sie ist nicht die Einzige. Man erwartet, dass als Folge des abrupten Stopps die Zahl der Infizierten steigt. Ärzte fürchten zudem resistente Virusstämme, wenn Therapien massenhaft abgebrochen werden. In den kommenden zehn Jahren könnten so mehr als eine halbe Million Menschen sterben.
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USAID, die zentrale Behörde der Vereinigten Staaten für Entwicklungszusammenarbeit, war über zwei Jahrzehnte wichtiger Geldgeber im globalen Kampf gegen HIV und Aids. Auch über das Programm PEPFAR (The United States President’s Emergency Plan for AIDS Relief), 2003 initiiert von George W. Bush, flossen bis Januar 2025 Milliarden Dollar nach Afrika. Es wurde im Januar 2025 ebenfalls vorübergehend eingestellt. In Südafrika finanzierte USAID über PEPFAR nicht die Medikamente selbst – die kauft die Regierung seit Jahren eigenständig –, sondern alles drum herum: Aufklärungskampagnen, Hausbesuche, Transportdienste, Ernährungshilfen, Personal. Mitte Oktober 2025 hat Südafrika eine sechsmonatige Überbrückungsfinanzierung von PEPFAR erhalten. Die Zukunft des Programms und der Hilfe ist weiter ungewiss. Andere internationale Partner sind bisher nur punktuell eingestiegen, um die Finanzierungslücke zu schließen.

