Montagmorgen, 10 Uhr, Redaktionskonferenz. Ich habe sofort eine Idee. Doch ich sage nichts. Mein Gesicht wird heiß, meine Handflächen sind feucht, mein Herz schlägt schneller. Zögernd hebe ich die Hand und räuspere mich. "Mhm." "Ja?", fragt mein Chefredakteur. Ich öffne den Mund. Kein Ton. Beschämt lasse ich die Hand wieder sinken und schüttle den Kopf.
Als ich abends nach Hause radle, geht mir die Situation nicht aus dem Kopf. Was ist mit meiner Stimme passiert? Das war früher anders. Damals habe ich pausenlos geredet, auf dem Fußballplatz gebrüllt und jahrelang im Chor gesungen. Später habe ich auf WG-Partys mitgesungen und mitgegrölt. Und dann wurde ich irgendwann immer leiser. In meinem Freundeskreis bin heute eher ich diejenige, die Fragen stellt, als von sich zu erzählen. Und wann habe ich eigentlich das letzte Mal geschrien? Ich weiß es nicht mehr.
Wenige Tage später sitze ich im ICE nach Köln. Vor mir liegt ein Termin bei der Sängerin und Stimmtrainerin Ragna Kuhn, bei dem es genau darum gehen soll: meine Stimme. Sie ist überzeugt, dass wir schon in der Kindheit und auch später im Erwachsenwerden den Zugang zu unserer natürlichen Stimme verlieren. Gerade Mädchen und Frauen lernten früh, dass sie eher belohnt werden, wenn sie leise und höflich sprechen.
Das sowie Kuhns Internetauftritt insgesamt hatten mich neugierig gemacht. Trotzdem bin ich vor unserer Session nervös. Was wird dort passieren? Werde ich stöhnen oder schreien müssen? In meinem Kopf ähnelt so ein Stimmen-Mentoring eher einem Geburtsvorbereitungskurs als einer Gesangsprobe.
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