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Kirchen sind Geschichtshäuser. Mit ihnen verbinden sich Erzählungen – historische und persönliche. Dessen sollte man sich gerade jetzt bewusst sein, da viele Kirchenbauten ihre ursprüngliche Bestimmung verlieren, eine neue erhalten oder ganz außer Gebrauch genommen werden. Jetzt ist eine Zeit, in der manche Geschichte aufhört. Auch Kirchenbauten unterliegen dem Gesetz der Endlichkeit, so traurig es ist.
Allerdings – so viel Ehrlichkeit sollte sein – ist nicht jede Aufgabe eines Kirchengebäudes ein traumatischer Verlust. Fachleute haben schon vor Jahrzehnten davor gewarnt, dass zu viele Kirchen gebaut würden, die Planungen nicht auf Nachhaltigkeit angelegt seien, die Bedürfnisse der Gemeinden nicht ausreichend berücksichtigt würden und die Gestaltung zu oft einem nur modischen Verständnis von Moderne folge. Deshalb haben einige neuen Kirchbauten zu der "Unwirtlichkeit unserer Städte" beigetragen, die Alexander Mitscherlich in einem berühmten Buch 1965 beklagt hatte. Trotzdem, auch mit jeder tatsächlich oder vermeintlich hässlichen Nachkriegskirche verbinden sich Geschichten, die anzuhören sich lohnt. Manchmal führt dies zu erfreulichen Überraschungen.
Lesetipp: Noch ein schönes Beispiel, wie eine Kirchen auferstehen kann
Vor wenigen Wochen war ich in Zürich. Im Großmünster, der Zwingli-Kirche, durfte ich predigen. Nach dem Gottesdienst kam eine alte Dame auf mich zu. Sie hatte etwas auf dem Herzen. Nachdem ich die anderen Gottesdienstbesucher verabschiedet hatte, setzte ich mich mit ihr auf eine Bank. Sie erzählte mir von ihrem Vater, der aus der Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückgekehrt war mit dem Wunsch, Kirchen zu bauen. Eins seiner wichtigsten Werke sei die Neue Pauluskirche in Essen gewesen. Aber sie habe gehört, dass diese aufgegeben worden sei und abgerissen werden sollte. Das treibe sie um. Seit langem lebe sie in Zürich und habe keinen Kontakt nach Essen. Ob ich ihr sagen könne, was da los sei und ob sich das Unheil noch verhindern ließe. Ich wusste von nichts, versprach ihr aber, der Sache nachzugehen. Es sollte sich lohnen.
Bei Wikipedia erhielt ich zur Essener Pauluskirche diese Informationen: Sie war eine der vielen neugotischen Kirchen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert gebaut worden waren – für die rasant anwachsende Zahl von Arbeiterfamilien. Einmal kam Kaiser Wilhelm II. zu Besuch; interessanter ist, dass der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann hier Presbyter war, bevor das NS-Regime das Presbyterium auflöste; 1944 wurde die Kirche von alliierten Bomben zerstört; die Reste wurden in den 1950er Jahren gesprengt und abgetragen.
Doch wurde ein neuer Anfang gewagt: Die Neue Pauluskirche in Essen-Huttrop wurde gebaut. Der Architekt war Denis Joseph Boniver (1897–1961), offensichtlich der Vater meiner Zürcher Gesprächspartnerin. Über ihn las ich, dass er – laut Wikipedia – "nach 1945 maßgeblich an Wiederherstellung und Neubau zahlreicher Kirchen beteiligt und Mitglied im Leitungskreis des Deutschen Evangelischen Kirchbautages war". Das hatte ich nicht gewusst, obwohl ich mich seit langem beim Kirchbautag engagiere.
Als die Neue Pauluskirche 2007 unter Denkmalschutz gestellt wurde, hieß es zur Begründung: "Das Gebäude ist sehr beeindruckend und überzeugend als Sakralraum konzipiert worden." Es folgt eine ausführliche Beschreibung der künstlerischen Ausgestaltung des Innenraums. Dennoch wurde die Kirche wegen rückläufiger Mitgliederzahlen und eines strukturellen Finanzdefizits im selben Jahr entwidmet.
Was dann geschah, erklärt Jörg Beste, einer der erfahrensten Kirchraum-Transformatoren, in dem Leitfaden "Kirchenräume neu denken" der Stiftung "Baukultur NRW": Nachdem die Entscheidung der Kirchengemeinde zur Entwidmung gefallen war, gründete sich in der Huttroper Bürgerschaft ein Verein für den Erhalt der Kirche. Mit der Adolphi-Stiftung fand man einen evangelischen Partner aus Essen, der den Standort umnutzen wollte. Sie baute die Seniorenwohneinrichtung und das Pflegeheim "Paulus-Quartier" in die Kirche. Dazu wurde sie um zwei neue, viergeschossige Baukörper ergänzt. Das neue Nutzungskonzept bedeutete auch harte Eingriffe, da in die Hülle drei neue Ebenen eingebaut wurden. Doch blieben das äußere Erscheinungsbild und die städtebauliche Dominante bewahrt. Mit dem Altarbereich und der Taufkapelle sowie der Glaskunst wurden wichtige Raumteile und ihre Ausstattung erhalten.
Das ist nun schon gut zehn Jahre her, aber die verzweifelte Tochter des Ursprungsarchitekten hatte in Zürich davon nichts erfahren. Nun habe ich eine Botschaft für sie, die sie hoffentlich gut aufnehmen wird.



