Zuhören
Tramp ich durch Deutschland ...
Wer reist heute noch per Autostopp? Sollten wir alle mal wieder machen. Denn wer Fremden zuhört, erfährt mehr über Deutschland als aus jeder Umfrage
Eine Frau und ein Mann trampen 1985 in Locarno
Ein trampendes Pärchen 1985 ... war eigentlich ganz schön!
Sobli / RDB / Ullstein Bild / Getty Images
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
14.08.2026
3Min

Vor knapp zwei Wochen las ich eine feine lange Reportage in der "Süddeutschen Zeitung", die mich immer noch beschäftigt. Ich habe aus ihr einiges über Deutschland gelernt, was mir vorher so nicht bewusst war. Und zugleich wurde ich dazu angeregt, tief in den Keller meiner eigenen Jugenderinnerungen hinabzusteigen und schöne Dinge hervorzuholen.

Der Feuilleton-Redakteur Alex Rühle hat nämlich etwas getan, was ich als Teenager und Student sehr häufig gemacht habe. Er ist getrampt. Tatsächlich, er hat sich per Auto-Stopp fortbewegt. Ich hätte nicht gedacht, dass das heute noch funktioniert. Eine Woche lang hat Rühle sich durch Deutschland fahren lassen – von den unterschiedlichsten Menschen, die die Freundlichkeit besaßen, ihn mitzunehmen. Und er hat ihnen zugehört und zugehört und zugehört.

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Dabei hat er Interessantes erfahren, Anrührendes und manchmal auch Bedenkliches oder gar Abseitiges. Aber egal, das Ausredenlassen-und-Zuhören hat einen Wert für sich und führt zu schönen Überraschungen.

Da ist eine Autofahrerin, die Rühle auf seine Frage, was sie glücklich mache, antwortet: "Aufzuwachen und lächeln zu können, macht mich froh. Und zu sehen, dass mein Partner anscheinend was Schönes träumt." Da ist der aus Kasachstan stammende Alex, der meint: "Dieses Jammern hier. Immer, immer jammern. Wenn Deutschland so schlecht ist, warum wollen alle her?"

Ein anderer erklärt: "Wenn meine Kollegen fragen, wie ich das mache, sag’ ich: Kühlschrank voll, Dach dicht, Kinder gesund, Rest ist Luxus." Und eine junge Lehrerin antwortet dem Journalisten auf die Frage, wie man die Stimmung in Deutschland heben könne: "Ganz easy, allen die Handys und die Autos wegnehmen und wandern schicken, in zwei Tagen sind alle wieder glücklich."

Ich könnte noch mehr zitieren, aber besser: Selbst lesen.

Als ich noch trampte, habe ich Ähnliches erlebt, und dies war eine wichtige, ungeplante Vorbereitung auf meinen Pastorenberuf, der ja vor allem im Zuhören besteht. Ich erinnere mich an einen Geschäftsmann, der mir von seinem Kummer berichtete, weil er mit seiner Frau keine Kinder bekommen konnte. Da war eine schwere Traurigkeit im Auto, die ich noch heute nachempfinde.

Da waren alte Männer, die vor mir ihre Kriegserlebnisse ausschütteten. Ich lernte zum ersten Mal pietistische Christen, aber auch esoterische Engelanbeter kennen. Ich erinnere mich aber auch daran, wie ich von London nach Schottland trampte und immer weniger verstand, je weiter wir nach Norden kamen. Da habe ich irgendwann nur noch genickt. Manchmal reicht das.

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Irgendwann habe ich mit dem Trampen aufgehört. Man steht eben auch viel sinnlos herum und wartet vergeblich in Hitze und Regen. Außerdem ergaben sich bessere Reiseangebote – zum Beispiel Mitfahrzentralen. Schließlich war es mit einer Familie nicht mehr das Richtige. Aber als ich Rühles Text las, dachte ich: "Das solltest du auch mal wieder versuchen."

Höchstwahrscheinlich wird es nicht dazu kommen. Aber man kann auch auf andere Weise das Zuhören einüben. Kürzlich im Zug kam ich ins Gespräch mit meinem Nebenmann: mittleres Alter, gepflegtes Aussehen, ein Geschäftsmann auf Reisen. Und wie wir so reden, kommt bei ihm vieles hoch, viel Frust und Ärger, vor allem über den wirtschaftlichen Niedergang. Ich ließ ihn reden. Es kam mehr und Heftigeres: ein grundsätzliches Misstrauen gegen unseren Staat.

Doch dafür hatte er Gründe. Als Bundeswehrsoldat hatte er direkt erlebt, was bei Auslandseinsätzen in Afghanistan oder Afrika falsch gelaufen ist, wie darüber gelogen wurde und wir den Menschen dort massiv geschadet haben. Zum Glück konnte ich meinen Impuls unterdrücken, sein Reden gleich politisch – also rechts – einzuordnen, ihm zu widersprechen oder ihn zu beschwichtigen.

Ich hörte ihm zu und musste zugeben, dass er Gründe hatte, Wut und Trauer zu empfinden. Am Ende der Fahrt kam dann auch Fröhliches, Dankbares, Versöhnliches zu Wort – über seine spanische Frau und die gemeinsamen Kinder –, aber vorher musste ich mir seinen Frust anhören und verstehen lernen. Das war mir eine gute Lehre – nicht beim Trampen, sondern im ICE.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur