chrismon: Nun ist eingetreten, wovor viele Menschen in der queeren Community lange Angst hatten: Es gab einen Anschlag auf einen CSD mit einer Toten und vielen Schwerverletzten. Was löst ein solcher Angriff in der queeren Community aus?
Tim Lahr: Die Sorge, dass so etwas passieren könnte, war schon lange da. Angriffe auf queere Menschen haben in den vergangenen Jahren zugenommen, das zeigen auch die Statistiken. Trotzdem hat uns alle erschüttert, dass diese Bedrohung nun Realität geworden ist.
Besonders schwer wiegt, dass der Anschlag ausgerechnet einen CSD getroffen hat: einen Ort, der für viele queere Menschen ein Safe Space ist. Auch bei mir hat das große Trauer ausgelöst – aber ebenso Wut: auf die Politik und auf all jene, die Queerfeindlichkeit seit Jahren verharmlosen und nicht ernst genug nehmen.
Tim Lahr
Hast du dich mit Menschen unterhalten, die direkt beim CSD in Berlin vor Ort waren?
Ich war selbst zwei Stunden vor dem Anschlag auf dem CSD und wir waren alle unter Schock, als wir von der Nachricht erfahren haben. Denn natürlich wussten wir: Es hätte jeden von uns treffen können.
Ihr habt in euer queeren Kirche in Köln am Sonntagabend einen Trauergottesdienst gehalten.
Ich selbst konnte nicht vor Ort sein, da ich im Zug von Berlin nach Köln war, aber meine Kollegin Lisa Kluge hat mir davon berichtet. Eigentlich hätte es an dem Gottesdienst um "Queer Joy" gehen sollen, also darum, wie befreiend es sein kann, sein wahres Ich auszuleben. Es wurde dann aber kurzerhand zu "Queer Grief", also queere Trauer.
Wie war die Stimmung?
Natürlich sehr betrübt. Wir hatten ein Seelsorgeteam vor Ort und es bestand viel Redebedarf. Es wurde geweint, viel gesprochen und man hat sich gegenseitig gestärkt. Die queere Community ist durch diesen schrecklichen Anschlag noch mehr zusammengerückt. Der Gottesdienst war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Meine Kollegin Lisa Kluge hat sehr starke Worte gefunden: "Die, die hassen, die, die verletzen, ja, die, die töten, definieren nicht, wer wir sind, nicht unser Sein, nicht unsere Liebe." Trotzdem war da die Angst: Wo kann man denn nun überhaupt noch sicher sein?
Der Attentäter hatte sich in der islamistischen Szene radikalisiert. Wurde die Queerfeindlichkeit, die vom Islamismus ausgeht, in der Öffentlichkeit zu lange ignoriert?
Das wird nun von vielen Seiten behauptet, aber ich sehe das anders. Dass es im Islam genauso Queer- und Frauenfeindlichkeit gibt wie in vielen anderen Religionen und auch im rechten Spektrum, weiß jeder.
Man muss beides ansprechen: die Gefahr, die vom Islamismus ausgeht, aber auch die, die vom Rechtsextremismus ausgeht. Ich persönlich kenne niemanden aus der queeren Community, der vor dem Anschlag gesagt hätte: "Islamismus ist kein Problem mehr für uns."
Wird der Anschlag deiner Meinung nach politisch instrumentalisiert?
Es kommt drauf an. Es gibt Menschen, die Anteilnahme zeigen und auch schon seit Jahren an der Seite der queeren Community stehen. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die die Tat zu ihren Zwecken instrumentalisieren. Konservative, Rechte, aber auch sogenannte Christfluencer, also christliche, teils fundamentalistische Influencer wie Jasmin Friesen mit ihrem Account "Liebe zur Bibel" oder Jonathan Albrecht. Die bezeichnen Queersein schon seit Jahren als Sünde und gießen Öl ins Feuer. Die queere Community ist nicht dumm. Wir schauen ganz genau darauf, wer gerade seine Trauer bekundet.
"Die queere Community ist durch diesen schrecklichen Anschlag noch mehr zusammengerückt"
Tim Lahr, Pfarrer
Hast du in deiner Kirche auch queere arabische Menschen, die aufgrund ihrer Homosexualität aus ihren Herkunftsländern geflohen sind?
Ja, wir haben hier zum Beispiel Menschen im Kirchenasyl. Das sind queere Muslime aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und anderen arabischen Ländern. Darüber hinaus stehe ich auch in Kontakt mit queeren Christen aus Russland und der Ukraine.
Diese Menschen sind zum Teil aufgrund ihrer Homosexualität aus ihren Herkunftsländern geflohen, aber viele können und wollen nicht offen darüber reden, weil es auch Gefahr für sie bedeutet. Ich stehe mit Menschen in Kontakt, die mir schreiben, aber die noch nicht den Schritt gewagt haben, meine Kirche zu besuchen. Das braucht Zeit.
Hast du den Eindruck, dass diese Menschen nun sowohl Angst vor Islamisten als auch Angst vor Rassismus haben?
Ja, denn häufig wird vergessen, dass es auch unter religiösen Menschen viele queere gibt. Ich stehe auch mit schwulen Muslimen im Austausch, die mir schreiben: "Ich wünschte, so ein Angebot wie deine queere Kirche gäbe es auch für uns." Und ein paar von ihnen besuchen auch unsere Gottesdienste, da sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in ihrer Moschee nicht erwünscht sind und ihren Glauben dann hier mit uns gemeinsam ausleben.
Queere Menschen gibt es überall. Der Täter kam aus dem Libanon. Aber auch unter dem Sicherheitspersonal, das den CSD geschützt hat, waren viele Menschen aus dem Libanon und anderen arabischen Ländern, die an der Seite unserer Community stehen und mit uns gemeinsam feiern und tanzen.
Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, fordert mehr Schutz queerer Menschen. Nicht nur auf CSDs, sondern auch im Alltag. Wie könnte dieser aussehen?
Der erste Schritt wäre Prävention. Und gerade da plant die Bundesregierung aktuell die Streichung von finanziellen Mitteln. Der Aktionsplan "Queer leben", der Maßnahmen umfasst wie einen besseren Schutz vor queerfeindlicher Gewalt, den Ausbau von Beratungsangeboten, mehr Aufklärungsarbeit in Schulen sowie die Förderung von Vielfalt in Kultur, Sport und Arbeitswelt, wurde zum Beispiel nicht verlängert. Das finde ich falsch.
Wichtig wäre es, an die Schulen zu gehen, mit Schülern zu sprechen über Queersein, denn da fängt es an. Einer der unsichersten Orte für queere Menschen ist die Schule, weswegen sich viele auch erst nach ihrer Schulzeit outen.
"Queere Menschen gibt es überall"
Tim Lahr
Auch die Polizei müsste darin sensibilisiert werden, wie sie die Community besser schützen kann. Wir tauschen uns in den nächsten Wochen mit der Polizei darüber aus, was konkret verbessert werden kann. Es fühlt sich nicht immer so an, als würde die Polizei zu hundert Prozent zu einem stehen und dass man sie jederzeit rufen kann, wenn man sie braucht, selbst hier in Köln nicht.
Im Alltag sollte man homophoben Äußerungen widersprechen. Denn Gewalt fängt bei Worten an. Deswegen fände ich es auch wichtig, den Schutz queerer Menschen ins Grundgesetz aufzunehmen, unter Artikel 3, Absatz 3. Dort heißt es bislang: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." Da sollte meiner Meinung nach auch die sexuelle Orientierung mit hinein.
Die Gewalt gegen queere Menschen in Deutschland nimmt laut Bundeskriminalamt seit Jahren zu, vor allem der Anteil religiös motivierter Straftaten ist stark angestiegen. Wird hier zu wenig getan, auch in der muslimischen Community?
Was Religion und Queerfeindlichkeit angeht, muss deutlich mehr getan werden. Queere Menschen müssen ihre Religion ausüben dürfen und brauchen da einen geschützten Ort. Aber es ist schwierig. Die liberale, queerfreundliche Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin musste zum Beispiel zeitweise schließen, weil sie von Islamisten bedroht wurde. Nicht der Islam ist das Problem, sondern der Islamismus. Genauso wie ich immer sagen würde: Christlich zu sein, ist nicht das Problem, sondern christlicher Fundamentalismus ist es.
Wie blickst du in die Zukunft?
Ich hoffe, bei aller Traurigkeit, dass diese Tat ein Weckruf ist. Wenn dieser Anschlag eine gute Sache zur Folge hat, dann vielleicht, dass die Menschen jetzt aufwachen und erkennen: Queere Menschen veranstalten CSDs nicht, um Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern es geht um unsere Sicherheit, es geht um unser Leben.


