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Wenn mein Großvater mütterlicherseits in den 1980er Jahren abends nach dem Essen die Cognacflasche vom Buffetsschrank holte, erzählte er manchmal von seiner Heimat. Zingst, ein Badeort an der Ostsee in der damaligen DDR, und vom alten Kapitänshaus, das er und meine Großmutter zurücklassen mussten. Meine Großeltern führten nach dem Krieg in Zingst einen Pensionsbetrieb mit Mittagstisch. Es lief wohl ganz gut, so erzählten sie mir.
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1953 wurden die meisten Besitzer von Hotels und Pensionen an der Ostsee in der DDR im Zuge der so genannten "Aktion Rose" enteignet. Viele wurden verhaftet, viele kamen ins Gefängnis, einige ums Leben. Meine Großeltern wurden vor der Verhaftung rechtzeitig gewarnt und schafften die Flucht in den Westen.
Sie zogen nach Schleswig-Holstein in eine bescheidene Dachgeschosswohnung. Mein Opa kam aus einer Zingster Kapitänsfamilie. Noch mit 14, direkt nach der Konfirmation, war er wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater auf sein erstes Schiff gegangen und bis zum Kriegsende auf See geblieben. In der DDR konnte er seinen Traum nicht weiterleben, sondern gründete mit seiner Frau die kleine Ferienpension auf Zingst.
Als Erinnerung an alte Zeiten hatte er dann in Westdeutschland sein Wohnzimmer fast wie in einem Museum ein Zingster Kapitänshauses nachgebildet: mit dunklen polierten Holzmöbeln, über dem Sofa ein Barometer und das obligatorische großformatige Ölgemälde des Schiffes. Nicht das mit dem er zur See gefahren war, sondern der Viermaster eines seiner Vorfahren.
Nach ihrer Flucht mussten die beiden neu und mittellos anfangen und kamen als Pächter einer Gastwirtschaft gerade so über die Runden. Meine Oma kochte, mein Opa stand hinter der Theke. Erst spät gewöhnten sie sich an, im Sommer zwei Wochen im Sommer in den Urlaub zu fahren. Nach Kellenhusen, das einzige Ostseebad westlich der innerdeutschen Grenze, in dem sie vom Strand aus einen freien Blick hatten. So ähnlich wie in Zingst. Meine Großeltern umwehte ein Hauch von Traurigkeit, von Verlust. Sie sind nie so richtig angekommen in ihrer neuen Heimat in Schleswig-Holstein.
Doch dann erhielten sie mit der Wende ihr altes Grundstück zurück und zogen wieder nach Zingst. Mein Großvater war da 70, meine Oma über 60. Ihr Haus stand nicht mehr, und so lebten sie in einem der Bungalows, von dem aus der FDGB, der Gewerkschaftsbund der DDR, auf ihrem Grundstück eine Art Kurverwaltung betrieben hatte.
In dieser Zeit lernte ich meine Großeltern neu kennen. Vor allem mein Opa schien aufzublühen. Oft ging es jetzt um die Sanierung des Ortes, aus dem in Windeseile ein modernes Seebad wurde. Um die neu gebaute Seebrücke. Um Freunde und Verwandte meiner Großeltern, von denen ich vorher noch nie gehört hatte, weil sie auf der anderen Seite der Grenze gelebt hatten.
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Meinen Großeltern hat die Rückkehr in ihre alte Heimat offensichtlich gutgetan. Es war fast ein kleines Wunder: Viele ihrer Bekannten und Verwandten waren noch da. Und obwohl sie in den fast 40 Jahren Trennung vollkommen andere Erfahrungen gemacht hatten, in der DDR unter anderen Bedingungen als meine Großeltern in der BRD gelebt hatten, konnten sie an die alten Beziehungen anknüpfen. Vielleicht auch weil es ihnen gelungen ist, sich auf das Verbindende und nicht auf das Trennende zu berufen. Sie wurden zu Abendessen und Geburtstagsfeste eingeladen und feierten ihre Goldene Hochzeit in der Zingster Kirche, in der sie auch geheiratet hatten. Einer der wichtigsten Gäste war Ernst, der längste und engste Freund meines Großvaters, mit dem er zusammen die Schule besucht hatte.
Meine Mutter und ich besuchten meine Großeltern regelmäßig, und auf einer der langen Autofahrten nach Zingst hörte ich zum ersten Mal von der Geschichte des "Silbereschatzes".
Bevor sich mein Opa mit dem Fahrrad auf die Flucht machte, hatte er diesem Freund sein Silberbesteck zur Aufbewahrung anvertraut. Keiner von ihnen wusste, wann sie sich wiedersehen würden. Zusammen haben sie ein Loch in den Garten gegraben und das Besteck verbuddelt, ehe sie sich verabschiedeten. Verbuddelt musste es werden, weil der freundschaftliche Kontakt mit meinem polizeilich gesuchten Opa für Ernst ein echtes Risiko sein konnte.
Als mein Opa 1990 vor Ernsts Tür stand und klingelte, sagte der: "Siegfried, komm mal mit." Er holte einen Spaten und führte ihn in den Garten. Das Besteck war noch da. Es hatte 38 Jahre in der Erde gelegen.
Aus einem Servierlöffel, den sie ausbuddelt haben, hat mein Opa für meine Mutter einen Armreif schmieden lassen. Er ist nicht bequem, sie trägt ihn selten. Aber er erzählt diese Geschichte: von der Überwindung von Grenzen, von der Kraft des Ausharrens. Davon dass es sich lohnt festzuhalten. Dass Liebe und Freundschaft Trennung überdauern kann.



