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Viele Menschen schauen gerade nach, ob ihre Eltern-, Groß- oder Urgroßeltern Mitglieder der NSDAP gewesen sind. "Spiegel" und "Zeit" machen es möglich. Ich mache da nicht mit, denn ich bin gerade dabei, meine kleine Familienforschung abzuschließen. Dabei hätte mir die nackte Information über eine Parteimitgliedschaft nichts geholfen.
Aber ich habe Freunde und Bekannte, die wollen dank der neuen Möglichkeit genau das wissen und haben den Namen eines Vorfahren gesucht.
Nicht wenige waren überrascht, dass der eine oder andere ein "PG" ("Parteigenosse") war. Zugleich waren sie überrascht, dass sie überrascht waren. Die NSDAP war eine Massenorganisation. Warum also hätten ausgerechnet ihre Vorfahren keine PGs gewesen sein sollen? Aber in den wenigsten Familie war eben darüber gesprochen worden. Deshalb rätseln manche heute über die Motive für die Entscheidung damals. War es echte Überzeugung oder äußerer Druck oder schlichter Opportunismus gewesen?
Lesetipp: Wie prägen uns unsere Vorfahren? Und was genau ist Epigenetik?
Manche machten auch kuriose Entdeckungen. Einer las, dass sein Großvater eingetreten war und bald darauf einen Antrag auf Austritt gestellt hatte. Das war anscheinend möglich, denn es gab einen Stempel, der sagte: "Antrag auf Austritt abgelehnt". Ein anderer dagegen machte die Entdeckung, dass sein Vater 1939 eingetreten, aber schon 1940 kein Mitglied mehr war.
Doch die entscheidende Frage ist, was man mit diesen dürren Informationen anfängt. Was für Einstellungen lagen zugrunde, welche Empfindungen spielten eine Rolle, welche Handlungen waren die Folge? Darauf finden die meisten heute keine Antwort. Das familiäre Schweigen nach 1945 macht dies unmöglich. Auch haben die wenigsten schriftliche Unterlagen – Briefe oder Tagebücher –, die ihnen dabei helfen würden, einen Blick ins Innere ihrer Vorfahren zu werfen.
Nach dem Tod meiner Eltern und vor allem in der Corona-Zeit habe ich die schriftlichen Hinterlassenschaften meiner Großväter gesichtet. Aus dem, was ich herausgefunden habe, mache ich gerade ein kleines Büchlein für die Familie. Dabei spielt die Frage der NSDAP-Mitgliedschaft keine Rolle.
Ich habe gute Gründe anzunehmen, dass beide Großväter keine PGs waren. Der eine war ein hoher Marine-Offizier, da verbot sich eine Parteimitgliedschaft aus Standesgründen. Der andere war ein hoher Beamter, für den Ähnliches gegolten haben dürfte. Doch was sagt das aus? Der eine hatte während des Krieges eine hohe Stellung in der Rüstung. Es gibt sogar ein Foto, das ihn gleich neben Reinhard Heidrich zeigt. Der andere gehörte als konservativer Fachbeamter zum ersten Hitler-Kabinett, wurde aber schon 1934 in den Ruhestand versetzt.
Ich habe intensiv versucht, den politischen Weg meiner Großväter zu verstehen. Manches habe ich dabei herausgefunden. Vieles, das Wichtigste, ist offen geblieben. Ich habe gelernt, dass eine simple Alternative wie "PG oder Nicht-PG" wenig zur Erhellung beiträgt. Den Richter möchte ich nicht spielen, obwohl ich inzwischen mit Gründen einen kritischen Blick auf wichtige Teile ihrer Biografien werfe. Vor allem aber sind sie mir in weite Ferne gerückt.
Doch ich habe bei meiner Familienforschung auch eine gute Erfahrung gemacht. Ich hatte mit der neugierigen Frage "Was haben die Großväter in der NS-Diktatur gemacht?" angefangen.
Doch jetzt finde ich eine andere Frage viel interessanter: Wie haben es meine Eltern nach 1945 (die Mutter war damals 15, der Vater 18 Jahre alt) geschafft, den Nationalsozialismus hinter sich lassen, Demokratie und Rechtsstaat zu begrüßen, ihren Platz in der offenen Gesellschaft Westdeutschlands zu finden? Für mich sind dies von Beginn an Selbstverständlichkeiten gewesen.
Meine Eltern haben sich das Leben in und für die Demokratie selbstständig erarbeitet, durch eigenes Nachdenken, Lesen und Diskutieren, Auslandsaufenthalte, Engagement. Heute ist die offene Gesellschaft gefährdet, und ich stehe vor der Aufgabe, als nun schon Älterer meinen Teil zu ihrer Verteidigung zu leisten. Die Erinnerung an meine Eltern als junge Leute ist mir dazu ein Ansporn.






