Niklas Frank und sein Denkmal gegen den Holocaust
Niklas Frank neben seinem Holocaust-Mahnmal
Heike Pohl
Gefahr für die Demokratie
"In zwei, drei Jahren leben wir in einer Diktatur"
Niklas Frank ist Publizist und Sohn eines hohen NS-Funktionärs. Er hat sich konsequent mit dem Familienerbe auseinandergesetzt und wünscht sich mehr Wut und weniger Feigheit im Umgang mit der AfD, um die Demokratie zu schützen
17.01.2024
5Min

Sie haben sich ein Holocaustmahnmal in Form eines fast vier Meter hohen, schwarz-rot-goldenen Krokodils in den Garten gestellt. Für über 30.000 Euro. Warum?

Niklas Frank: Das einzig ehrliche Denkmal für unseren scheinheiligen Umgang mit dem Holocaust wäre eine 80 Meter hohe Krokodilsträne aus Kristall. Jetzt habe ich mir ein Denkmal anfertigen lassen, natürlich nicht 80 Meter hoch. Ein Krokodil, es umklammert eine riesige glänzende Träne, an der sich jeder Betrachter spiegelt. Am Podest steht: "Einzig ehrliches Denkmal für die von uns ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer." Und darunter: "Gilt auch für Österreich". Denn wir Deutsche und Österreicher haben die von uns penibel durchgeführte Vernichtung bis heute nicht als unsere ureigenen Verbrechen angenommen.

Sie wollen das Mahnmal vermieten.

Ich habe zwei Zusagen. Eine aus Österreich, die andere aus einer Kleinstadt in Ostdeutschland.

Und wenn das Mahnmal dort zerstört wird?

Mit einer Zerstörung muss man rechnen. Aber ich hoffe, dass dort genug Demokraten leben, die das Denkmal beschützen.

Mario Chavarria

Niklas Frank

Niklas Frank, Jahrgang 1939, früher "Stern"-Reporter, wurde durch sein 1987 erschienenes Buch "Der Vater" bekannt, eine radikale Abrechnung mit seinem Vater, der während der NS-Diktatur Generalgouverneur im besetzten Polen war. 2005 folgte mit "Meine deutsche Mutter" ein ebenso schonungsloses Porträt der Mutter. Sein Buch "Zum Ausrotten wieder bereit?" widmet sich dem deutschen Antisemitismus und der Gefahr durch die AfD. Niklas Frank lebt in Schleswig-Holstein.

Was kostet die Miete?

500 Euro im Monat.

Sie sind der Sohn von Hans Frank, dem NS-Generalgouverneur im besetzten Polen. Er wurde in den Nürnberger Prozessen nach dem Krieg als einer der Hauptkriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. Sie wurden 1939 geboren, haben Sie Erinnerungen an das Leben in der Diktatur?

Ich habe nur Erinnerungsflashs. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter das Ghetto in Krakau besuchte. Ich wartete im Auto und wunderte mich über die ganzen traurigen Menschen, während meine Mutter einkaufen ging. Sie war ganz versessen auf Pelze und edle Tücher.

Lesen Sie hier: Niklas Frank trifft Anetta Kahane, die Tochter einer KZ-Überlebenden

Wurde damals in der Familie darüber gesprochen, was mit den Juden passiert?

Nein. Bei uns zu Hause wurde nie über Ideologie und Nazikram gesprochen, meine Mutter konnte das nicht leiden.

Wann begriffen Sie, dass es den Holocaust gab?

Der erste Schock war im Herbst 1945, da veröffentlichten die Amerikaner Zeitungen. Darin waren Fotos von KZ-Leichen aus Polen. Darunter viele Kinder, so alt, wie ich damals war. Ich dachte: Polen gehört doch meinem Vater ­– konnte so was Schreckliches dort geschehen? Später begriff ich, was mein Vater war: ein Massenmörder.

Wollen Sie herausfinden, was Ihre Familie in der Nazizeit machte? Hier geht's zur Anleitung für die eigene Recherche

Sie haben in einem sehr intimen Buch sehr hart mit Ihrem Nazi-Vater abgerechnet. Haben alle in Ihrer Familie mit der braunen Vergangenheit so konsequent aufgeräumt wie Sie?

Nein. Ich war der Einzige. Mein älterer Bruder Norman sagte: "Ich weiß, dass mein Vater ein Verbrecher war, aber ich liebe ihn." Das ist für mich irgendwie verständlich, denn Norman hat unseren Vater viel länger erlebt als ich. Mein Vater konnte privat ein lustiger, charmanter Typ sein. Norman hat unter den Verbrechen meines Vaters sehr gelitten und wurde Alkoholiker. Trotzdem wurde seine Liebe zum Vater im Alter immer stärker. Ich habe noch drei andere Geschwister. Mein nächstälterer Bruder Michel war Mitglied der NPD. Und meine ältere Schwester Gitti betrauerte jedes Wochenende meinen Vater, heulte vor Bildern von ihm. Sie beging Selbstmord. Mit 46. Sie wollte nicht älter werden als Vater. Meine älteste Schwester Sigrid wanderte nach Südafrika aus, weil sie die Apartheid so gut fand. Für Michel, Gitti und Sigrid war mein Vater ein Opfer der "Siegerjustiz" in Nürnberg.

Hans Frank mit Adolf Hitler (li.), der Leichnam Hans Franks nach seiner Hinrichtung

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass die Zeit der Demokratie in Deutschland bald vorbei sein wird. Ist das nicht ein bisschen zu pessimistisch?

Die Demokratie ist bei den Deutschen nie in Herz und Seele angekommen. Nach dem Krieg haben sie der Demokratie gehorcht, wie sie früher Hitler gehorchten. Heute wollen viele nicht mehr mit unserem Holocaust konfrontiert werden, das macht sie aggressiv und endet oft in Rassismus, Antisemitismus und einer Feindschaft zur Demokratie. Diese Leute wollen wieder einen starken Typ an der Spitze, der zeigt, wo es langgeht, und sagt: "Scheiß auf die Demokratie!" Ich warte schon auf die ersten Schilder, auf denen steht: "Kauft nicht beim Migranten!"

Sie rechnen mit einer Beteiligung der AfD in der nächsten Bundesregierung?

Ich gehe davon aus, dass wir in zwei, drei Jahren keine Demokratie mehr haben, sondern in einer Diktatur leben. Jetzt stehen die drei Wahlen in Ostdeutschland an. Die Zahlen sprechen für die AfD. Und dazu kommen noch Hubert Aiwangers Freie Wähler. Aiwanger kommt bei all den Antidemokraten wunderbar an. Die CDU wird vor der AfD einknicken und umfallen. Die CDU wird am Anfang vielleicht noch den Kanzler stellen und sagen: "Wir müssen Deutschland am Laufen halten. Sie können sich auf uns verlassen: Wir werden nichts Antidemokratisches bei unseren Koalitionspartnern zulassen." Lügenhafte Sätze. Bis auf eine Million echter deutscher Demokraten sind alle anderen eh nur Verschiebemasse auf dem Weg in die Diktatur.

Was meinen Sie mit "nur Verschiebemasse auf dem Weg in die Diktatur"?

Der großen Mehrheit der Deutschen ist es wurst, ob sie in einer Diktatur lebt oder in einer Demokratie. Nur wenn es um persönliche Nachteile geht, ist man gegen eine Diktatur, etwa beim Thema Bespitzelung.

Lesen Sie hier, was Michel Friedman zum Aufstieg der AfD sagt

Und wer sind diese eine Million echter Demokraten?

Die gehen quer durchs Volk, von oben nach unten. Ich kenne sie ja nicht alle, aber ich glaube sie schon an den Gesichtern wiederzuerkennen, wenn irgendwo wieder eine Anti-AfD-Demo ist. Aber was mir insgesamt fehlt, ist eine heilige Wut. Verdammt, es geht hier um die beste Demokratie, die wir je hatten! Die Demokratie ist die einzige Regierungsform, die uns ein freies Leben sichert. Und wir verscherbeln sie. Wir haben nichts aus dem Holocaust gelernt. Wir sind wieder zum Ausrotten bereit.

Sie schreiben im Buch, dass die Deutschen wieder zum Ausrotten eines Erzfeindes bereit sind. Wer ist dieser Erzfeind?

Die Juden. Der Antisemitismus war nie weg. Die entsetzlichen Bilder von Toten oder von zu Tode geängstigten KZ-Häftlingen, von ausgemergelten jüdischen Kindern – diese Menschen haben wir im Geist nie ersetzt durch die der eigenen Liebsten. Wer die Gesichter der eigenen Liebsten in diese Bilder reinmontiert, bekommt vielleicht ein Milliardstel von dem Schmerz mit, den wir millionenfach über andere Menschen gebracht haben.

Wie lässt sich ein Aufstieg der Rechten verhindern?

Im Grunde sollte jeder, der sich für einen Demokraten oder eine Demokratin hält, nicht nur mein Denkmal mieten, sondern selber gegen die AfD aktiv werden. Aufkleber ans Auto! An die Fensterscheiben! Laut werden! Dichter sollen gegen die Rechten reimen! Es muss eine Welle gegen die AfD geben, bei der alle mitmachen. Künstler sollen Anti-AfD-Skulpturen und Mahnmale schaffen. In den Vorgärten sollen statt Gartenzwergen kleine Alice-Weidel-Skulpturen stehen, die mit Stacheldraht hantieren, weil Weidel Europa mit Stacheldraht umzäunen will. Wir müssen mit unserer typisch deutschen Feigheit aufhören, wir müssen richtig dazwischengehen. Wenn wir uns vornehm demokratisch zurückhalten, gehen wir unter. Wir müssen dagegenhalten und rotzfrech sein. Gerne auch mal unsachlich. Die Sachlichkeit macht die Demokratie auch kaputt, wenn wir immer zu tolerant gegenüber der AfD sind. Alexander Gauland sollte man nur noch als Vogelschiss-Gauland ansprechen. Wir sollten AfD-Politiker in der Öffentlichkeit beschimpfen. Im Umgang mit der AfD sind wir noch viel zu brav. Davon müssen wir weg. Wir können nicht andere Meinungen gelten lassen, die zu unserem Untergang führen.

Infobox

Das Buch: Niklas Frank. "Zum Ausrotten wieder bereit? Wir deutschen Antisemiten – und was uns blüht." Dietz-Verlag, 172 Seiten, 18 Euro

Leseempfehlung
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Guten Abend, ein wichtiger Artikel, der nicht aktueller sein könnte! Was mich jedoch sehr stört ist das Bild, welches den Vater nach der Hinrichtung zeigt. Dies sollte meiner Meinung nach mindestens zuvor erwähnt werden. Ich hätte den Artikel sonst nämlich nicht gelesen. Ich möchte solche Bilder nicht ohne Vorwarnung sehen!

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ist der Mensch. (Ludwigf Feuerbach) Die Meinungsfreiheit ist in großer Gefahr, da lebt man mittlerweile sehr gefährlich. Auffallend, bei vielen Zeitungen gibt es keine Kommentarspalte mehr, Institutionen jeglicher Art
geben keine Antworten auf kritische Fragen, jeder ist gleich empört, wenn man ihm beim Bierchen stört. Unangenehme Parteien braucht man ja auch nicht zu wählen. Was auf einer "Speisekarte" steht, schmeckt ja auch nicht jedem und immer noch ist der Preis entscheidend. Wir alle leben nicht ewig und wir werden alle einmal sterben und das kann jeder auf unserem einmaligen Planeten. Amen.

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Und daran hat die EKD mit ihrem intellektuellen Kreisverkehr auch einen gebührenden Anteil. Beispiele: Besteht das offizielle Wohlwollen der EKD für die Kleber immer noch? Die forderten den totalen Gesellschaftsumbau, wie er auch immer wieder von Mitgliedern der EKD angemahnt wird. Ohne Rücksicht darauf, ob Andere mitmachen. Man begibt sich in Einzelhaft und kappt alle Verbindungen zur Welt. Die Guten als Allerwelts-Bevormunder, als Oberlehrer. An unserem Wesen soll die Welt genesen. Nun kleben sie nicht mehr. Auch das Gendern neigt sich ohne "Hicks und Sternchen" der Vernunft. Nur die Bratwurst kann sich nicht wehren. Wenn man offiziell wofür ist, sollte man auch offiziell dagegen sein, wenn die Methoden zum Irrtum oder zur Illusion wurden. Lt. Bedfort-Strom muss, wer fromm ist, auch politisch sein. Nur Links? Die Spitzen der EKD sind schon seit Jahrzehnten einseitig parteipolitisch geprägt. Und auch H. Huber war nicht farblos. Ein Pfarrer in der CDU ist unsichtbar. Fr. Käßmann plädiert für den totalen Pazifismus bis zum Untergang. Fr. Kurschus ist für Waffen an die Ukraine. Das sind die letzten Spitzen der EKD, die sich m. W. auch noch nie von der Forderung der "Toleranz der Intoleranz" distanziert haben. Diese, auch auf Kirchentagen als absoluter Pazifismus frenetisch gefeierte, Forderung läuft letztlich darauf hinaus, dass man aus Prinzip jedem Angriff keinen Widerstand bieten würde. Will mich jemand berauben oder gar töten, soll er das tun. Hauptsache ich sterbe reinen Herzens. Nicht nur das Gute in Reinkultur, sondern auch eine maßlose Überhöhung der eigenen Bedeutung. Noch böser, wer seinen Tod zuläßt, obwohl er sich wehren könnte, begeht einen indirekten Suizid. Insgesamt eine eigenartige Auslegung von Frieden. Insgesamt eine wirre EKD ohne eine Spur von Über- und Ein-Sicht. Auch vom Glauben, für den sie ja eigentlich zuständig ist, keine Spur. Und trottet die Synode hinterher?

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